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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Über das katholische Heil

von Ernst L. Ehrlich, October 9, 2008
Die Glaubenskongregation der römischen Kirche hat es für notwendig gehalten, eine Erklärung herauszugeben «Über die Einzigartigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche». In diesem Text wird postuliert, dass es nur eine einzige wahre Kirche gibt, und dies sei die katholische. Dadurch sind vor allem die protestantischen Kirchen betroffen, denen die neue Erklärung den wahren Kirchencharakter abspricht. Im Übrigen wird der Absolutheitsanspruch dieser katholischen Kirche einmal mehr herausgestellt.

Die christliche Ökumene ist dadurch beeinträchtigt, und daher haben sich auch protestantische Persönlichkeiten gegen diese neue Verlautbarung gewandt. Die Gründe für das Erscheinen dieses Textes mögen interne Richtungskämpfe innerhalb des Vatikans sein sowie Auflösungserscheinungen in verschiedenen Teilen der Welt. So sah man sich gezwungen, alte Dogmen in der Sprache vergangener Jahrhunderte zu wiederholen.
Juden können fragen, was sie das alles angeht und in welcher Weise sie davon betroffen sind. Die Antwort ist klar: Es geht Juden gar nichts an, und dies aus vielen Gründen. Es handelt sich um ein rein christologisches Dokument. Das Judentum hat die Christologie des Christentums von Anfang an zurückgewiesen. Es hat darüber hinaus die Dreifaltigkeit als einen Abfall vom reinen Monotheismus angesehen. Der göttliche Sohn Jesus und seine Grossmutter, die ihn in unbefleckter Empfängnis geboren hat, sind für das Judentum abwegige Vorstellungen, die nicht einmal in Seitenzweigen jüdischen Denkens akzeptiert worden sind. Das alles bedeutet jedoch nicht, dass wir keine Möglichkeit haben, mit Katholiken einen Dialog zu führen, denn schliesslich haben wir mit ihnen die hebräische Bibel gemeinsam. Dieser Dialog wird in dem Vatikanischen Dokument in keiner Weise bestritten. Im Gegenteil, es heisst dort an mindestens drei Stellen: «Die katholische Kirche lehnt nichts von all dem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten schon einen Strahl eherner Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet... Dieser Dialog führt zu einer Haltung des Verständnisses und zu einer Beziehung der gegenseitigen Bereicherung, und zwar im Gehorsam gegenüber der Wahrheit und mit Respekt vor der Freiheit!»
«Unter Beobachtung dieses Glaubenssatzes ist die Theologie heute eingeladen, über das Vorhandensein anderer religiöser Erfahrungen und ihrer Bedeutung im Heilsplan Gottes nachzudenken, ob und wie auch Gestalten und positive Elemente anderer Religionen zum göttlichen Heilsplan gehören können...?» Der Text, der zwar die Güter anderer Religionen anerkennt, ist total christozentrisch ausgerichtet und zeugt davon, dass es heute noch Theologen gibt, die sich etwa die Vorstellung vom Reiche Gottes ohne eine christologische Ausrichtung nicht vorstellen können. In diesem Zusammenhang wirft die Erklärung anderen Christen vor, sie würden die Person Christi übergehen, wenn sie vom Reich Gottes sprechen. Durchaus richtig wird hier erkannt, dass in einer solchen Konzeption die Kirche an den Rand gedrängt wird. Hier grenzt sich die Kirche von modernen Christen ab, für die das Ziel und die Verwirklichung das Reich Gottes ist. Solche Auffassungen widersprechen dem katholischen Glauben, weil sie die einzigartige Beziehung leugnen, die zwischen Christus, der Kirche und dem Reich Gottes besteht.
Hier kommt die ganze Differenz zum Judentum deutlich zum Ausdruck. Deshalb hat in der Geschichte unser Alenu-Gebet der Kirche niemals behagt. Eine Aufregung von jüdischer Seite über den Vatikanischen Text ist daher nicht angebracht. Das Dokument widerspiegelt die innere Unsicherheit, die heute innerhalb der katholischen Kirche herrscht und die panische Angst vor dem tatsächlichen vorhandenen Glaubensverlust, wobei die Beeinträchtigung der christlichen Ökumene in Kauf genommen wird. Da die Juden niemals zu dieser Ökumene gehört haben und auch gar nicht gehören wollen, geht sie dieser Text nichts an. Das gilt im Übrigen auch für moderne Katholiken. Sie wissen, dass keines der in der Christentumsgeschichte entstandenen Glaubensbekenntnisse einfach zur zeitlosen Grösse erklärt werden kann. Sie verlangen viel mehr nach Erschliessung des Verstehens- und Erfahrungshorizonts der gegenwärtig Glaubenden. Entscheidend daher bleibt die Suche nach Verständnis und Übereinstimmung mit den Intentionen, die in dem überlieferten Glaubensbekenntnis ihren Zeit- und situationsbedingten Ausdruck gefunden haben. Wenn wir diese Gedanken auf das Judentum anwenden, so hat in vielen Jahrhunderten unsere Tradition gezeigt, in welcher Weise wir alte Vorstellungen immer aufs Neue in der jeweiligen geistigen Sprache der Menschen interpretiert haben. Das gilt für den Talmud, für das mittelalterliche Judentum und in der Neuzeit in allen jüdischen Richtungen, man denke in der Moderne nur an Samson Raphael Hirsch. Auf der andern Seite hat das traditionelle Judentum bei allen Wandlungen immer auch an alten Gebetstexten festgehalten, weil man der Meinung war, wenn man sie nachspreche, reihe man sich ein in die Zeugen- und Traditionsgemeinschaft derjenigen, die vor uns waren. In einer solchen Gemeinschaft braucht das Sprechen nicht mehr allein verantwortet zu werden. Auch über persönliche Überzeugungen hinaus schliessen wir uns im Sprechen der alten Gebete zusammen mit allen Juden, die vor uns waren.
Wenn wir den Text der vatikanischen Kommission auch fast nirgends nachvollziehen können, so sollte dem Judentum die Struktur des Vorgehens nicht fremd sein. Die jüdische Orthodoxie hat sich je und je bemüht, Glaubenswahrheiten des Judentums auch in einer mittelalterlichen Weise zu betonen. Sie ist dabei spätestens seit dem 19. Jahrhundert wiederholt in Frage gestellt worden, und nicht anders wird es heute auch dem Vatikan gehen, wenn moderne Katholiken diesen altneuen Text lesen. Sie werden sich fragen, ob nicht derartige Methoden sie eher von der Kirche abtreiben, als ihnen Inhalte zu verleihen, mit denen sie leben können. Das ist aber eine Frage, die Juden nun wirklich nichts angeht.





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