Traditionsrettung und Traditionsbruch
Man kann heute Juden aller Schattierungen nach dem Sinn von Chanukka fragen. Die Antwort lautet praktisch konstant übereinstimmend im Grundtenor so: Chanukka drückt aus, dass die Juden zu dieser Zeit der geistigen Unterdrückung und Erdrosselung des Judentums Widerstand geleistet haben. Die einen werden das Element der Chanukkawunder stärker hervorheben, die anderen dasjenige der Kampfbereitschaft der Hasmonäer. Doch darin, dass es in Chanukka ums geistige Überleben eines Volkes ging, sind alle sich einig. Chanukka liefert die einschlägige Botschaft, dass nicht nur das psychische, sondern auch das geistige Überleben des jüdischen Volkes einen Kampf auf Leben und Tod wert ist. Der Schriftsteller Arnold Zweig schrieb 1927 (im selben Jahr, als sein Antikriegsroman und Weltbestseller «Der Streit um den Sergeanten Grischa» erschien) über Chanukka, die Geschichte vom «Kulturkrieg zwischen einer Minorität innerhalb eines Provinzialvolkes gegen die Majorität dieses Volkes und den Geist einer prachtvollen Weltkultur voll höchster Werte, den Hellenismus» mute zwar auf den ersten Blick an wie einer der unzähligen anderen bornierten Religionskriege der Weltgeschichte. Sollte man, so musste sich ein aufgeklärter, säkularer, der europäischen Zivilisation tief verpflichteter Jude wie Arnold Zweig fragen, einen solchen Religionskrieg wirklich feiern? Seine Antwort in dem kurzen Artikel fällt eindeutig aus: «Dieses Fest feiern wir, nicht, weil diesmal eine universelle von einer nationalen Kultur besiegt worden ist, sondern weil ein Volk seine eigene, zukunftsträchtige, jugendvolle und menschenformende Gestalt verteidigte gegen den auflösenden, vernichtenden und impotenten Geist einer greisen und starren Ungeistigkeit.»
Leugnung jüdischer Werte
Weniger als «Ungeistigkeit» denn als scharfe geistige Rivalität hatte das Judentum den Hellenismus seit der talmudischen Zeit bekämpft. Stand Rom für die unüberwindlich scheinende weltliche Macht, so verkörperte Hellas eine Versuchung zur philosophischen Leugnung und Unterwanderung jüdischer Urwerte, die im Begriff des «Apikores» (Epikureer) als desjenigen, der die Grundlagen des Judentums in Frage stellte ihren deutlichsten Ausdruck fanden. Anders als der Konstrast Israels zu Ägypten, der vor allem noch einer scharfen Ablehnung des Polytheismus gegolten hatte, erscheint der Antihellenismus eher als Pfeilspitze gegen die Relativierung des Glaubens an sich. Wie Zweig dabei zu Recht feststellt, lag ja die Hauptgefahr zur Zeit der Chanukka-Ereignisse nicht in der Existenz einer fremden, judentumsfeindlichen Macht, sondern darin, dass die pharisäische Tradition im Volk selbst gegenüber der hellenisierten Position nur noch eine Minderheit darstellte. Das Chanukkafest, die «Verbreitung des Wunders», welche das Entzünden der Lichter an gut sichtbarer Stelle bewirken soll, dient also letztlich der Schaffung einer Tradition, die ihrerseits auf das Retten der Tradition hinweist.
Der Kampf des Judentums gegen den Hellenismus, der durch das Chanukkafest am deutlichsten symbolisiert und perpetuiert worden ist, zählt zu den überaus brisanten historischen Herausforderungen für das Judentum. Das griechische Denken hat sich aus Europa nie verabschiedet, und ein Denker wie Maimonides hat auch erkannt, dass es keine vergleichbar deutliche Definition des Monotheismus gibt wie diejenige, die sich an Aristotelischer Philosophie geschult hat. Allerdings war es die implizite Folge des griechischen Einflusses bei Maimonides, dass sein Verständnis des Menschen, der zu wirklichen Dienst an Gott vordringt, ein extrem elitistisches war. So geschätzt und bekannt deshalb Maimonides‘ Lehre im Laufe der Jahrhunderte auch wurde, sie war nicht das geeignete Instrument, um eine mögliche Versöhntheit von jüdischem und griechischem Denken als möglich, ja vielleicht sogar zukunftsweisend im Bewusstsein breiterer Massen durchzusetzen.
Mit der Aufklärung und den Bemühungen um Emanzipation wurde die Frage, ob Judentum durchgehend antihellenistisch definiert sein solle, neu gestellt. Eine breitere Schicht (auch orthodoxer) jüdischer Zeitgenossen, die an Universitäten ausgebildet wurden, sahen die Notwendigkeit, sich mit diesem Problem als einer zentralen Frage ihres Judentums auseinanderzusetzen. Interessant ist, um unter unzähligen ein einziges Beispiel zu nennen, etwa ein Chanukka-Artikel des letzten Rabbiners von Altona und Hamburg, Joseph Carlebach, aus dem Jahr 1934. Carlebach verwies auf das Beispiel Alexandrias, um zu zeigen, dass es durchaus eine schöpferische Koexistenz von Judentum und Hellenismus, auch eine produktive Verarbeitung der hellenistischen Kultur im Judentum selbst, geben konnte. Den Grund dafür, dass «gerade in Eretz Jisrael die Alternative zwischen Hellenismus und Judentum zu einer Frage von Sein und Nichtsein wurde», trugen die dortigen jüdischen Vertreter des Hellenismus, die einen auf Arroganz und Hedonismus basierenden aggressiven Hellenismus gegen das Judentum mobilisierten. In Chanukka sah Carlebach den Untergang einer von «Halbgebildeten» und «Oberflächlichen» innerhalb der jüdischen Gemeinschaft getragenen Assimilationskultur. Indem er Chanukka als «das Fest der Selbstweihe des jüdischen Menschen» bezeichnete, gelang es ihm damit, aus der ganz anders gearteten Beendigung der Assimilationskultur im Dritten Reich eine Dimension jüdischer Selbstbesinnung zu ziehen, wie sie bei den deutschen Juden nach 1933 eingesetzt hatte.
Maccabi und die Makkabäer
Während die prinzipielle Unversöhnlichkeit der zwei jahrhundertelangen Rivalen Judentum und Hellenismus aus der Sicht des Judentums in der Moderne zunehmend hinterfragt und teilweise bestritten wurde, entstand just aus dem originär jüdischen Inventar der Chanukka-Heroen ein neuer Mythos. Was man heute gleichmütig und achtlos zur Kenntnis nimmt, nämlich die Benennung unzähliger jüdischer Sportvereine als «Maccabi», bezeugt, dass der Makkabäer-Aufstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts vornehmlich als Referenzereignis für das von Max Nordau propagierte «Muskeljudentum» interpretiert, bzw. instrumentalisiert wurde. Der amerikanisch-jüdische Kulturhistoriker Daniel Boyarin hat darauf hingewiesen, dass diese neue Zentralität der Makkabäer, die im Mittelalter von christlicher Seite als Vorbilder der Ritterlichkeit verehrt worden waren, einen vehemente Bruch mit der rabbinischen Tradition darstellte. Das Chanukkawunder erhielt damit eine ganz neue Lesung, ja es wurde eigentlich als Wunder eliminiert. Nicht mehr die fast hoffnungslose Ausgangslage eines Kampfes von wenigen gegen viele und die daraus zu ersehende Gotteshilfe stand im Zentrum der Betrachtung, sondern das Resultat: Dass Juden die seleukidischen Streitkräfte überwunden hatten. Aus der Rettung der Differenz zwischen Judentum und Fremdem wurde die Glorifizierung eines Heldentums, das auf physischer Stärke beruhte und damit gerade diese qualitative Differenz einebnete. Die Makkabäer wurden an die Umstände einer Turnvater-Jahn-Gesellschaft assimiliert, unter welchen sich zeitgenössische Juden im Wettbewerb der körperlich Tüchtigen bewähren mussten. Bedenkt man, dass gerade die griechischen Sportveranstaltungen in der Antike eines der roten Tücher der pharisäischen Welt waren, mutet die Entstehung der Maccabi-Sportvereine tatsächlich wie eine Ironie der Geschichte an.
Chanukka und Weihnachten
Und Chanukka in der heutigen Zeit? Es ist, zumindest in der westlichen Diaspora, wohl vor allem zur Gegenposition einer vollkommen durchkommerzialisierten Weihnachtswelt geworden. Wohl gibt es für Kinder auch die Chanukkageschenke, aber wer Chanukka feiert, ist im Prinzip der Aufgabe enthoben, inmitten einer vollkommen überdrehten Warenumsatzmaschinerie noch den inneren Sinn seines Festes zu suchen. In diesem Sinne wiederholt Chanukka auf überraschende, keineswegs offensive oder kämpferische, sondern einfach durch sein Dasein überzeugende Weise eine jüdische Differenz zur nichtjüdischen Umwelt. Es ist die Selbstvergewisserung, nicht einfach den Gesetzen der Umwelt zu gehorchen, und sei es durch ein Sichentziehen aus dem allgemeinen Kaufzwang, ohne deshalb auf das Feiern zu verzichten. Wo die überwältigende Botschaft der christlichen Weihnachtsgeschichte als universales Ereignisse von einer in jeder Hinsicht vollkommen diversifizierten Welt innerlich nur noch sehr schwer nachvollzogen werden kann, ist das Chanukkafest mit seiner begrenzt und klar definierten Bedeutung, als Wahrung einer Tradition der Traditionalität und der geistigen Eigenständigkeit, für die kleine jüdische Minderheit von ungebrochener Inspiration.


