«The institution of marriage liegt sowieso in der Erd...»
Jüdische Rundschau: Statt in Wien wird die Konferenz nun vom 12. bis 15. März, in Bratislava stattfinden. Rund 300 Rabbiner werden sich treffen. Welche Themen werden voraussichtlich behandelt?
Zalman Kossowsky: Das Hauptthema wird dieses Mal Kiruv-Arbeit sein, die Frage, wie man Leute dem Judentum näherbringt. Fachleute sollen Rabbinern, die dies «nur» intuitiv tun, «Skills», Fertigkeiten vermitteln. Man erhofft sich davon grössere Erfolge in Kiruv-Arbeit. Weiter werden sicher Kaschruth und Giur behandelt und gewiss auch die Petition des ICJW (International Congress of Jewish Women). Wie andere Rabbiner, habe ich einen Brief von June Jacobs (die Präsidentin des ICJW) erhalten, die dazu aufruft, Bewegung in die Frage des Get zu bringen. Natürlich wird dies ein Thema sein.
JR: Apropos Agunoth. Da gibt es ein Foto einer Delegation des BSjF (Bund Schweizerischer jüdischen Frauenvereine), die dem israelischen Oberrabbiner eine Petition mit Unterschriften Schweizer Bittsteller überreicht. Wäre es nicht an der Zeit, dass nicht mehr demütig um Hilfe gebeten, sondern gefordert wird? Es müsste die vornehme Pflicht des Oberrabbinats sein, der Rabbanut weltweit, das Los der Agunot zu erleichtern. Im Klartext, den Anweisungen von Rabbinern aus früherer Zeit, die fortschrittlich dachten, muss endlich nachgelebt werden.
ZK: Also, das ist ziemlich aggressiv formuliert. Ich wäre nicht überrascht, wenn es darauf ein negatives Echo gäbe. Ich glaube, diese Sprache dient der Sache nicht, aber im Prinzip bin ich Ihrer Meinung.
JR: Aber es ist ja kein neues Thema, schon vor hundert Jahren «hot men sjch gebejten» und nicht viel ist geschehen.
ZK: Das ist nicht wahr. Es tut sich etwas. Innerhalb der Rabbanut wurde ein Bejt Din geschaffen. Es hat immerhin in 39 schwierigen Fällen Gittin unterzeichnet (In Israel). Da gab es auch einen Präzendenzfall in den USA, wo eine Ehe annulliert wurde. Persönlich meine ich, dass die Rabbanut weiss, wie gross im Volk das Unbehagen über die derzeitige Lage ist. Das ist gut. Ich glaube, es geschieht etwas, ganz sicher bewegt sich etwas. Es gibt jedoch keine Patentlösung für den Get. Manche Petitionen verlangen, dass man sich mit dem Get-Unwilligen an einen Tisch setzt, und wenn er sich weigert, annulliert man die Ehe. So geht das nicht. Was wir damit erreichen ist, dass wir der Institution Ehe weiteren Schaden zufügen. \"The institution of marriage sowieso liegt in der Erd...\" Viele Leute glauben, eine Ehe sei die Energie nicht wert, die es dazu braucht. Deshalb heiraten sie nicht. Wenn sie heiraten, so mit der klaren Vorstellung, sich jederzeit scheiden zu können, falls es nicht klappt. Vor 40 oder 50 Jahren glaubte man noch, eine Ehe sei für ein ganzes Leben, auch wenn es im Heiratsversprechen, der Bracha, nicht ausdrücklich erwähnt wurde. Man bemühte sich einfach zum Funktionieren der Ehe beizutragen. Heute? Geht es, gut. Geht es nicht, so verlasse ich den Ehepartner, ich lasse mich scheiden, ich betrüge ihn...
JR: Das ist nicht ganz richtig. Wenn eine Frau befürchtet eine Aguna zu werden, wird sie eine Ehe eher scheuen. Wenn sie weiss, sie hat einen Ausweg, ist es umgekehrt. Aus einer Laune heraus lässt sich niemand scheiden. Dazu braucht es schon gewichtige Gründe.
ZK: Ich sage nur, wenn man die Annullation einer Ehe als einzig richtige Lösung sieht, ist das schlecht. Wir brauchen eine ganze Palette von Möglichkeiten. In Israel gibt es ein Gesetz, das die Verweigerung des Gets zu einer Straftat macht, die mit Gefängnis geahndet wird. Die \"Batei’Din\" unterstützen dies. Das ist eine Sache. Auch der voreheliche Vertrag, er löst zwar nicht jeden Fall, sollte angewendet werden. Absolut! Es ist auch nicht wahr, dass nur Frauen die Opfer sind und Männer das Problem. Seit ich mich mit Get befasse, höre ich auch von Männern als Opfer. Frauen wollen den Get nicht annehmen - der Mann kann sich kein neues Leben aufbauen. Es gibt Erpressung von Müttern gegen Väter, denen das Besuchsrecht verweigert wird, oder indem sie die Kinder aufhetzen. Es sind also beide Seiten. Wir haben uns plötzlich auf die Aguna konzentriert, so als würde die Halacha nichts für ihren Schutz vorsehen. Es hat immer schmerzhafte, böse Scheidungen gegeben, doch solche Fälle mehren sich, ganz einfach weil es mehr Scheidungen gibt. Was wir tun müssen, ganz generell einen Weg finden, um Leuten verstehen zu helfen, dass wenn es für eine Seite vorbei ist, sie den andern auf zivilisierte Art gehen lassen. Wir müssen die Öffentlichkeit \"erziehen\" und zwar auf einer breiten Basis. Es darf nicht heissen: der Mann darf das der Frau nicht antun. Es muss heissen: keine Partei darf das der anderen antun. Scheidung ist nicht mehr falsch oder richtig. Es geschieht einfach. Da muss niemand des Ehebruchs schuldig sein. So ist es der anderen Partei auch nicht angemessen, Rache zu üben. Ich kenne einen Vater der zehn Jahre brauchte, um ein Darlehen zurückzuzahlen. Er musste es aufnehmen, weil seine Frau den Get nur annehmen wollte, wenn er zahlte - es brauchte auch zwanzig Jahre, bis sein Kind bereit war mit ihm zu sprechen. All das, weil seine Ex ihn erpresste. Aguna ist ein Problem - aber alles andere zu ignorieren, ist moralisch nicht korrekt.
JR: Konzentrieren wir uns trotzdem auf die Aguna. Wie kann ihr in der Schweiz zum Get verholfen werden? Dem Get-Unwilligen kann ja nicht, wie in Israel, mit Entzug der Kreditkarten, des Führerscheins oder mit Gefängnis gedroht werden?
ZK: In der Schweiz haben wir ein Problem bezüglich der Verfassung. Gemäss Verfassung ist es ungesetzlich, jemanden zu einer religiösen Handlung zu zwingen, z. B. den Scheidebrief zu geben. Man kann einen vorehelichen Vertrag aufsetzen, der festhält was geschieht, wenn es zur Scheidung kommt. Die Ketuba ist ja bereits ein Vertrag, der solches beinhaltet. Weiter ist es sehr wichtig, dass wir das öffentliche Bewusstsein wecken. Leute sollten Freunde, die stur werden und den Get nicht geben wollen, nicht unterstützen. Viel hängt davon ab wie die Öffentlichkeit reagiert, wie Freunde sich verhalten. Leute müssen sozialen Druck auf den Get-Unwilligen ausüben und ihm sagen: was du tust, ist Erpressung mit dem Get!
JR: Das tönt gut, aber da gibt es ein angesehenes Mitglied einer charedischen Gemeinde in Zürich, das in der Synagoge neben einem langjährigen Get-Verweigerer sitzt und sich gerne mit ihm unterhält! Andererseits meint derselbe Herr, er würde es begrüssen, wenn Get-Unwillige nicht mehr zur Torah aufgerufen würden. Sollte man nicht eher den Verweigerer der Synagoge verweisen?
ZK: Man muss vorsichtig sein, mit allem was nach Nötigung aussieht. Gemäss Strafgesetz ist dies ein Verbrechen. Aber, bei einem Fall, mit dem wir uns augenblicklich befassen, habe ich um juristischen Rat nachgesucht. Was die Gemeinde legal tun kann ist, dem Gemeindemitglied, das Gemeindedisziplin ablehnt, Gemeindeleistungen zu verweigern - und das geht bis zum Hausverbot! Bei diesem hängigen Fall wurde ich von Kollegen aufgerufen, diesem Get-unwilligen Leistungen zu verweigern. Ich werde dem Aufruf folgen!
JR: In Kanada werden Namen von Get-Verweigerern in der Synagoge genannt oder veröffentlicht. Was halten Sie davon?
ZK: Alles, was das Gesetz erlaubt, sollte getan werden. Übrigens gibt es grossen halachischen Druck bezüglich der öffentlichen Blossstellung einer Person, die sich \"nicht benimmt\". Wer z. B. seine Kinder nicht unterstützt, wird dazu gezwungen. Eine Zwangsmassnahme ist auch, dass man ihn beschämt. Gemäss Halacha ist es wichtig, mehr als das Minimum zu tun. Unterstützung braucht es bis zum Alter von sechs Jahren und weiter, wie es nötig ist. Nehmen wir also diese Idee und wenden wir sie hier an! Im Gesetz über die Kinder ist ein Abschnitt, wenn jemand genügend Mittel hat um Zedaka zu geben, kann ein Betrag in dieser Höhe von ihm konfisziert werden, um für die Kinder zu zahlen. Das ist Gemeindeangelegenheit! Tun wir es! Konfiszieren wir! Wenn jemand den Get nicht geben will, heisst es \"entweder oder\". Entweder gibst du den Get oder du erfüllst die Bedingungen der Ketuba, die da heissen Nahrung und Kleidung für Frau und Kinder. Zahle oder scheide! Ich zwinge dich nicht, aber du hast eine Verpflichtung, erfülle sie!
JR: Sollte nicht das Wort europäischer Rabbiner mehr Gewicht haben? Müsste nicht die «Conference of European Rabbis» Druck auf das israelische Oberrabbinat ausüben, damit die Halacha Agunot-freundlich interpretiert wird?
ZK: Ich mag das Wort Agunot-freundlich» nicht. Es würde ja heissen, bis jetzt sei die Halacha Agunot-unfreundlich ausgelegt worden. Apropos Druck ausüben... meine Kollegen in der CoER sind nicht alle mit mir einverstanden. Auch bei uns gibt es konservative Elemente. Ich bin ein Linker! Es ist nicht Israel und Europa. Es sind zwei Weltanschauungen - konservative und moderne. In Europa gibt es genau so viele konservative Rabbiner wie in Israel. Es ist auch nicht einfach konservativ, es ist eine Frage was ihnen wichtig erscheint. Für diese Konservativen liegt der Schwerpunkt auf der Heiligkeit der Ehe. Sie meinen, jetzt werde zuviel getan um sie zu «entweihen». Um ehrlich zu sein, ich leide, ich habe einen Punkt erreicht, wo ich sagen muss, die Ehe ist nicht immer das einzig Richtige. \"It’s the only kosher way of having sex!\" aber sonst... Familie? Schön, wenn es geht, wenn nicht, dann nicht. Rabbiner haben Mühe mit diesem Standpunkt, ich respektiere das. Mein Vater und mein Grossvater hätten die Auffassung der Rabbiner geteilt und mich getadelt. In ihren Augen wäre es ein leichtfertiger Umgang mit der Heiligkeit der Ehe. Aber die Zeiten ändern sich - nicht zum Besseren, leider!
JR: Weshalb ist der Widerstand der Rabbiner, eine Ehe zu annullieren, so gross?
ZK: Wenn sich Rabbiner weigern Mittel anzuwenden, die eine Ehe-Auflösung ermöglichen - wie die Parteien an einen Tisch zu zwingen, um das Problem auf zivilisierte Art und Weise zu lösen, so nicht weil die Rabbiner konservativ sind. Sie sagen, das Konzept der Ehe werde geschwächt. Und wenn dann Herr Morgenstern (amerikanischer Rabbiner) kommt und verkündet: wenn du den Get nicht gibst, annullieren wir die Ehe a priori. Da kann ich nur halt rufen. So wie er und seine Anhänger die Bedingungen für diesen «Tat’ut» (Fehler) definieren, könnte jede Ehe by \"mekach ta’ut\" (Begriff aus dem Handelsrecht, irrtümlicher Kauf, Kauf unter Vorspiegelung falscher Tatsachen) annulliert werden. Das ist Unsinn!
JR: So schnell wird eine Ehe nie annulliert werden.
ZK: Annullation wurde lediglich als Drohung verwendet: wenn du nicht zum Verhandlungstisch kommst, finden wir einen Grund, die Ehe zu annullieren. Das ist sogar für mich zuviel! Es ist nicht so, dass meine Kollegen Frauen nicht ihre Rechte gewähren wollen, sie fürchten am Fundament der Ehe zu rütteln. Eine Ehe sollte für ewig sein. Wir sollten nicht a priori Fakten schaffen, die es einfach machen sich zu scheiden. Das ist ein legitimer Standpunkt.
JR: In Mea Shearim gibt es Schlägertrupps, die Get-unwillige \"umstimmen\".
ZK: Das ist in der Schweiz streng verboten. Jedoch akzeptiert die Halacha Zwangsmassnahmen. Es ist eine alte halacha \"kofin oto ad sche jomar-roze ani!\" (man zwinge ihn, bis er ja sagt). Welche Mittel dies sind hängt von Zeit und Möglichkeit ab. Schläge sind möglich. Zur Strafe waren es 39 Schläge. Als Zwangsmassnahme schlägt man ihn, bis der Arzt Einhalt gebietet. Man wartet die Heilung ab, und er kriegt weiter Schläge - bis er ja sagt.
JR: Das widerspricht der Auslegung, ein Get müsse freiwillig gegeben werden.
ZK: Ein Get muss zwar von beiden Seiten freiwillig gegeben und empfangen werden. Es sagt jedoch die Halacha: grundsätzlich sind Menschen gut. Schuld ist allein der böse Trieb, der \"jezer hore\". So müssen wir uns mit dem \"jezer hore\" befassen, ihn zerbrechen. Du, der den Get nicht geben willst, bist ja eigentlich gut, nur der \"jezer hore\" lässt dich nicht anständig handeln. So zwingt man den \"jezer hore\".
JR: Chochmatisch.
ZK: Ja, chochmatisch. Wenn man muss, so findet man eben eine chochme (Spitzfindigkeit). Genau das war die Logik beim \"kofin oto\". Wer weiss, dass es Mittel gibt, die man gegen ihn anwenden kann, so ist das seiner Entschlussfreudigkeit nur förderlich. Hilft alles nichts, so ergreift man die halachischen Massnahmen, nicht gegen den Betreffenden, \"chas we schalom\" aber gegen seinen bösen Trieb! Man schlägt den \"jezer hore\" bis das Gute obsiegt!
JR: Schläge, Verlust des Führerscheins, der Kreditkarten, Gefängisstrafen - das ist nur in Israel möglich.
ZK: Richtig, aber hier haben wir andere Mittel, nicht so wirksam wie in Israel, aber wir haben gesellschaftlichen Druck. Wir müssen auch die Ketuba als finanzielles Dokument aufwerten.
JR: Was halten Sie davon, Namen von Get-unwilligen in der Synagoge bekannt zu geben?
ZK: Damit habe ich absolut kein Problem! Jede Massnahme, die nicht gegen das Gesetz verstösst, sollte angewendet werden.


