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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Tausende flohen aus Kyriat Shmoneh

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Fünf israelische Soldaten starben innert nur acht Tagen in der südlibanesischen «Sicherheitszone», zahlreiche weitere wurden teils erheblich verletzt. Vor diesem Hintergrund kam der Luftangriff von der Nacht auf den Dienstag gegen libanesische Elektrizitätswerke nicht überraschend. Israels Opposition klatschte Beifall, die Hizbollah schwor Rache, Syrien warnte vor einer drastischen Verschlechterung der Situation. Umfangreiche iranische Waffenlieferungen an die Hizbollah-Miliz deuten auf die Möglichkeit einer länger dauernden Kampfrunde hin.
Vergeltung: Die israelische Armee zerstört ein Elektrizitätskraftwerk. - Foto Keystone

Das Gefühl des «deja vu» war überwältigend. Am Montagabend erhielten die knapp 300 000, zwischen Naharyia und Metulla an der Grenze zu Libanon lebenden Israelis die Anweisung, sich in die Unterstände zu begeben. In Erwartung des Kommenden hatten zuvor schon tausende von Menschen aus Kiryat Shmoneh und Umgebung per Fahrzeug den Weg in Richtung Süden angetreten. Die Hotels leerten sich, die Schulen und die meisten Betriebe wurden geschlossen. Gegen Mitternacht war es dann soweit. Israelische Flugzeuge bombardierten mit hochpräzisen, modernen Waffen drei libanesische Elektrizitätswerke und einen Kommandoposten der Hizbollah in der syrisch kontrollierten Bekaa-Ebene. Während Stunden sassen hunderttausende von Libanesen im Dunkeln; der Sachschaden war immens. Am Dienstagmorgen - die Israelis im Norden sassen noch in den Unterständen - schwor ein Sprecher der Hizbollah in Beirut baldige Rache. Israel reagierte mit der Warnung, dass es im Falle des Niedergangs von Katyusha-Raketen auf sein Territorium noch härter zurückschlagen würde. Der Likud, dessen Chef Ariel Sharon von Premier Ehud Barak vorgängig über den bevorstehenden Luftangriff informiert worden war, begrüsste das «entschlossene Vorgehen» der Regierung und bezeichnete die bisherige Zurückhaltung als Fehler. Nach israelischer Darstellung warnte Washington alle Seiten zwar vor den gefährlichen Folgen der Eskalation in Libanon, zeigte im Übrigen aber Verständnis für Jerusalems Vorgehen.

Klare israelische Reaktion

Spätestens am Sonntag, als ein IDF-Soldat in der «Sicherheitszone» durch Hizbollah-Beschuss starb und sieben weitere teilweise lebensgefährlich schwer verletzt wurden, war allen klar, dass Ehud Barak sein innenpolitisch ohnehin schon angekratztes Image gefährlich aufs Spiel setzen würde, sollte er weiter zögern und aus politischen Gründen dem Drängen der Militärs auf einen dezidierten Vergeltungsschlag nicht nachgeben. Die mit 17 Mandaten in der Knesset sitzen- de orientalisch-religiöse Shas-Partei (Ovadia Yosef) hat bereits ultimativ den Unterbruch der Verhandlungen mit Syrien gefordert, solange bis in Südlibanon die Waffen schweigen. Die extrem harten, von den israelischen TV-Stationen am Sonntagabend ausgestrahlten Bilder von der komplizierten Bergung der verletzten Soldaten hatten das ihrige dazu beigetragen, den Befürwortern eines Gegenschlags im Volk den Rücken zu stärken. Normalerweise lässt die Militärzensur die Veröffentlichung solcher Bilder nicht zu, und auch jetzt protestierte der Armeesprecher im Nachhinein gegen dieses Vorgehen der Journalisten. Wer jedoch die Macht der israelischen Zensur kennt, kann nur schwer an einen Patzer glauben. Vielmehr scheint die Publikation der Szenen an der Grenze mit Vorbedacht geschehen zu sein. Das Resultat gibt der Taktik recht, haben die Filmsequenzen doch eine aussergewöhnlich heftige Diskussion im Publikum ausgelöst und die Front der Befürworter einer harten Politik gegen Libanon gefestigt. Es gibt allerdings auch kritische Stimmen. Der Schriftsteller David Grossmann etwa schreibt am Dienstag in der Zeitung «Yediot Achronot» u.a.: «Mal um Mal, schon seit über 20 Jahren, bringt unsere Führung uns in die libanesische Sackgasse, in der wir gezwungen sind, genau das Gegenteil von unseren wirklichen Interessen zu tun. Auch dieses Mal scheinen wir uns so zu verhalten. Erneut werden wir jenem Ertrinkenden gleichen, der sich mit seinen panikartigen Bewegungen selber immer weiter in die Tiefe reisst». Grossman plädiert für einen sofortigen Abzug aus Libanon, «nicht erst im Juli (wie Barak es in Aussicht gestellt hat), man muss schon heute beginnen, Stellungen zu räumen, Soldaten zurückzubringen und an der Grenze neu zu postieren. Raus, und die Schmach einstecken, den schalen Stolz runterschlucken! Wenn Barak uns jetzt von dort rausbringt, wird dies sein erster grosser Sieg als Regierungschef sein! Wir haben verloren, das kann man laut sagen, aber davon stirbt man nicht».
Innert acht Tagen hat Israel in der «Zone» fünf Soldaten verloren und musste den Verlust eines hohen Offiziers der alliierten «Südlibanesischen Armee» beklagen. Dabei verletzte die Hizbollah nach Angaben israelischer Militärkreise regelmässig die im Anschluss an die Operation «Früchte des Zorns» vor einigen Jahren getroffenen Abmachungen, wonach keine Angriffe aus zivilien Bevölkerungskonzentrationen heraus zu lancieren seien. Schenkt man Presseberichten Glauben, dürfte die militärische Runde nicht so rasch zu Ende gehen. Iran soll nämlich seine via Syrien laufenden Nachschublieferungen an Waffen, Ausrüstung und Munition für die Hizbollah wesentlich intensiviert haben. Israelische Kommentatoren unterstreichen zweierlei: Erstens hätten die Waffensendungen syrisches Territorium zur gleichen Zeit passiert, als in den USA Vertreter Israels und Syriens am Verhandlungstisch sassen, und zweitens würde die Intensivierung der Lieferung andeuten, dass Teheran seine Vasallen in Libanon auf mehrere Wochen dauernde Kampfhandlungen vorbereiten wollte.

Damaskus unter Druck

Die kommenden Tage werden zeigen, ob die israelische Führung in ihrem Bestreben, die Hizbollah an die Kandare zu legen, bereit ist, so hart zuzuschlagen, dass Damaskus die ohnehin stagnierenden Verhandlungen offiziell einstellen muss, will es nicht einen Gesichtsverlust im arabischen Lager riskieren. - Für Barak bedeutet die Eskalation im Norden insofern eine Erleichterung, als dass sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von der nach wie vor laufenden polizeilichen Untersuchungen gegen Präsident Weizman (zweifelhafte Annahme von Auslandgeldern) und die Arbeitspartei (Verdacht auf illegale Annahme von Wahlkampfgeldern) ablenkt.





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