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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Tausend Körbe mit 50-80 Millionen Bienen

von Sharon Kanon, October 9, 2008
Kurz vor Rosch Haschana, als die Nachfrage nach Honig traditionsgemäss am höchsten war, besuchte die Autorin die Bienenfarm der Familie Lin im Moschaw Bilu bei Rechovot. Dabei lernte sie zahlreiche honigverwandte Produkte kennen. Darüber hinaus brachte man ihr aber auch bei, wie viel Bienenkraft für die Herstellung eines Glases Honig nötig ist. Ansicht eines natürlichen faszinierenden Prozesses.
Bienenzucht: Yuval Lin auf der Bienenfarm in Moshav Bilu. Foto Sammy Avnisan

Haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, wie viele Bienen arbeiten müssen, um ein Glas mit 100 Gramm Honig herzustellen, und wie viel Zeit sie dazu benötigen? In der Hoffnung auf ein süsses Jahr taucht an Rosch Haschana jede traditionelle jüdische Familie in Israel und im Ausland Äpfel und Brot in Honig. Um Antworten auf meine Fragen zu erhalten, beschloss ich, die Bienenfarm der Familie Lin im Moschaw Bilu bei Rechovot zu besuchen, den grössten derartigen Familienbetrieb im Lande. Die Rolle der Bienen in der Honiggeschichte ist, wie sich herausstellte, um einiges bedeutsamer als die einer hilfreichen Statistenrolle. Verpflegungsbienen entnehmen den Blumenblüten Nektar, den sie im sogenannten Honigsack zum Korb zurücktransportieren. Dort machen andere Bienen den Nektar zu Honig, indem sie ihn mit ihren Zungen manipulieren und Enzyme beifügen, um Rübenzucker zu Fruchtzucker und Glukose zu wandeln und um überschüssiges Wasser zu entfernen. «Die Zahl der Bienen in einer Kolonie variiert von der Verfügbarkeit der Blüten», sagt Netta Lin Cohen, Marketingmanager der Bienenfarm. «Erhält die Königin via den Tanz der Bienen den Bericht, dass Blumen in Fülle vorhanden sind, legt sie mehr Eier, um das Arbeitsteam zu erhöhen. Wir erhöhen den Korb um ein drittes Stockwerk.» Bienen suchen entweder nach Pollenstaub im männlichen Teil der Blume oder nach Nektar. Die Pollen werden zu Kügelchen geformt und auf den Hinterbeinen zum Korb geflogen. Während der Orangenblütensaison kann ein Bienenkorb mit 50 000–80 000 Bienen in Israel, genügend Regen vorausgesetzt, in zwei bis drei Wochen 30-40 Kilo Honig produzieren.
«Jede Biene verlässt ihren Korb 20-50-mal am Tag», sagt Nettas Bruder Yuval Lin (42), dem die oberste Verantwortung für die 1000 Körbe der Familie obliegt. «Das sind 50-80 Millionen Bienen», schätzt er. Und wie viel Kraft braucht es, um ein Glas Honig herzustellen? «1000 Bienentage sind für die Produktion von 100 Gramm nötig», sagt Yuval. Seitdem sein Vater einige Körbe nach Hause gebracht hatte - er war damals 14 Jahr alt -, um ihn beschäftigt zu halten, ist Yuval fasziniert von Bienen. Auch während seines Militärdienstes in der Luftwaffe und während des Studiums versorgte er sein kleines Bienenhaus. Heute ist daraus ein Familienbetrieb geworden.
Als Vater Uriel vor rund zwei Jahren starb, übernahm Netta, die Architektur studiert hatte, die Marketingaufgaben. Der Vater, ursprünglich ein Direktor im Industriekonzern Koor, war die treibende Kraft hinter der Entwicklung der Bienenfarm und des Besucherzentrums, das heute über 20 000 Gäste pro Jahr zählt. «Ich bin gerne in der freien Natur, wo ich mit den Bienen arbeite», sagt Yuval, der wie andere Imker seine Körbe durch das ganze Land fährt, um von den blühenden Pflanzen und Bäumen in den verschiedenen Regionen zu profitieren. Manchmal stehen seine Körbe in den Sonnenblumen- oder Wassermelonenfeldern des Negevs, unter den Gurken und Parprilaplantagen in der Arava oder dann auf dem Golan, wenn Apfel- und Kirschenbäume Blüten treiben. «Bienen braucht man für die Bestäubung», sagt Yuval. «Honig kann importiert werden, nicht aber die Bestäubung.» Das ist eine weitere Einkommensquelle für die Imker. «Ich kümmere mich um die besten Bedingungen für die Bienenkörbe», sagt Lin. «Nicht nur die richtige Nahrung und den richtigen Ort, sondern auch die beste Position am Ort.» Die 50 000-80 000, eng im Korb zusammengedrängten Bienen können dank der antibiotischen und anderen medizinischen Vorteile des Honigs, der Propolis und der Pollen die meisten Krankheiten vermeiden. «Anhand des Geruchs, der Erscheinungsform und des Lärms, den sie verursachen, kann ich feststellen», sagt Lin, «ob sie gesund oder krank sind.»
Seit der Antike wird Honig als Heilmittel für Verbrennungen und Fleischwunden benutzt, und der Rambam war bekannt dafür, dass er zur Behandlung von medizinischen Problemen Honig mit anderen Substanzen gemischt hat. In biblischer Zeit war Honig sodann die Hauptquelle für Zucker. Spricht die Bibel vom «Land, in dem Milch und Honig fliesst», benutzt sie das gleiche hebräische Wort «Dwasch», das heute für die süssen Produkte der Früchte des Landes gebraucht wird - einen dicken Sirup aus Datteln oder Trauben. Das «Manna», das die Israeliten während ihrer 40 Jahre in der Wüste gegessen hatten, schmeckte laut der Bibel wie «Honigkuchen».
Die Lin-Bienenfarm offeriert ein weites Spektrum an Bienenprodukten - Honig mit Nüsen, Sesam, Eukalyptus, Mandeln, Ingwer, ebenso wie eine ganze Linie an Heil- und Gesundheitsprodukten wie «Fresh Royal Jelly», die entweder Propolis, Ginseng oder Pollen enthalten. Drei neue Produkte, die dieses Jahr erstmals auf den Markt gelangen, sind als Mittel gegen Erkältung und Winterviren gedacht: Pollenpuder, Honig, Royal Jelly und Vitamin C in einer Kombination; ein kräftiger Sirup mit Propolis, Vitamin C, Honig, schwarzem Sambuck und Astrologus zur Stärkung des Immunsystems (besser als eine Grippenimpfung, die nur eine Art der Grippe verhindert); und Honig, Royal Jelly und Vitamin C für das allgemeine Wohlbefinden.Forscher haben herausgefunden, dass Honig gut ist für Leber, Herz, hohen Blutdruck senkt und allgemein zirkulationsfördernd ist. Royal Jelly, die exklusive Nahrung der Königin, ist eine reiche Quelle für B-komplexe Vitamine, aber auch für die Vitamine A, C, D und E. Zudem wirkt Honig stressreduzierend und stärkt Hirn, Nervensystem und Erinnerungsvermögen. Zudem enthält er auch Gamma-Globulin, natürliche Antibiotika und Gelatine, welche die Alterung der Haut bremsen.
Wenn Sie sich dieses Jahr zu Ihrer Rosch-Haschana-Mahlzeit hinsetzen und den Honig auf dem Tisch sehen, denken Sie an die Bienen, die so hart arbeiten, damit wir nicht nur ein süsses, sondern auch ein gesundes neues Jahr geniessen können.


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