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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Strasberg vs. Meisner

von Heather Moilanen-Meissner, October 9, 2008
Zwei Namen bestimmten nach dem Zweiten Weltkrieg die amerikanische Schauspielausbildung. Lee Strasberg und Sanford Meisner stehen für zwei Methoden im Schauspielunterricht, für zwei Anschauungen des Lernens und des Schauspielens. Die amerikanische Film- und Fernsehschauspielerin Heather Moilanen-Meissner blickt für die JR hinter die Kulissen der beiden jüdischen Schauspiellehrer, die einst in die USA einwanderten.
Die Verinnerlichung der Schauspielkunst: Lee Strasberg mit Tochter Susan. - Foto KY

Der Name und die Unterrichtsmethoden des legendären Schauspiel-Lehrers Lee Strasberg sind vielen von uns geläufig, ebenso die Namen einiger seiner berühmt gewordenen Schüler wie beispielsweise Marlon Brando oder Marilyn Monroe. Ausserhalb der Film- und Theaterindustrie wissen aber nur wenige, dass heute die Schauspieltechnik nach Sanford Meisner die führende Methode ist. Strasberg und Meisner galten als Rivalen in den Arenen des professionellen Schauspielunterrichts in New York und Los Angeles - Jahrzehnte, in denen in schriftlichen und mündlichen Debatten die Unterrichtssysteme dieser beiden Männer und ihre grundlegend unterschiedlichen Ansätze verglichen wurden, sind vergangen. Mittlerweile hat sich der Staub endlich etwas gelegt, und unter den weltbesten Schauspielern und Regisseuren von zeitgenössischen Filmen hat sich die Überzeugung breitgemacht, dass die Technik nach Meisner eine nicht wegzudenkende Grundlage ihres Handwerks und ihrer Kunst ist.

Von Osteuropa nach Amerika

Strasberg und Meisner begannen ihre Karrieren als Zeitgenossen im umstrittenen, aber erfolgreichen New Yorker Theater-Ensemble der dreissiger Jahre. Sie waren beide Zweitgeneration-Amerikaner, stammten beide aus eingewanderten jüdischen Arbeiterfamilien aus Osteuropa. Sanford Meisner jedoch war ursprünglich als Schauspieler dabei, während Lee Strasberg, zusammen mit Harold Clurman und Cheryl Crawford, leitende Gründer des Ensembles waren.

Die Zielsetzung dieser Theatergruppe war, zeitgenössische, sozial bedeutungsvolle Schauspiele auf den Broadway zu bringen und Amerikas erste permanente Schauspielgesellschaft zu gründen, analog dem Beispiel des Moskauer Kunsttheaters von Konstantin Stanislawsky und Anton Tschechow. Das Ensemble gestaltete auch seine Schauspieler-Schulung nach dem System von Stanislawsky, das eine wahrheitsgetreuere und reellere Form der Darstellung anstrebte. Seine Methode führte den Schauspieler näher an sein eigenes Bewusstsein und befähigte ihn so, seine eigenen, reinen Gefühle einzusetzen. Daran wurde während der Proben minutiös gearbeitet, genauso wie auch daran, ein umfängliches Verständnis der im jeweiligen Stück enthaltenen spezifischen Umstände und gegebenen menschlichen Probleme zu entwickeln.

Die Kunst des Spielens und ihre Arten

Stanislawskys Methode der «wahren Gefühle» kam im überdramatisierten Theater der 1920er als eine Offenbarung an, und als er seine Theatergesellschaft in New York auftreten liess, wurden die führenden Macher des Broadway zu glühenden Verehrern seiner Technik. Lee Strasberg aber stieg zu einem amerikanischen Propheten auf. Während andere Mitglieder des New Yorker Ensembles wie Harold Clurman, Stella Adler, Bobby Lewis und Sanford Meisner daran arbeiteten, ihre persönlichen und unterschiedlichen Versionen des Stanislawsky-inspirierten Unterrichts zu entwickeln, blieb Strasberg auf die ursprüngliche Basis fixiert. Zurück in Europa fuhr sogar Stanislawsky selbst damit fort, seine eigene Technik zu formen, prüfen und ändern und versuchte, eine wissenschaftlichere Ausbildungsmethode zu erarbeiten, um die für die Inspiration notwendigen Rahmenbedingungen rein durch den Willen des Schauspielers zu schaffen. Strasberg eröffnete in New York sein Actor’s Studio und begann, eine ganze Generation von Schauspielern mittels der so genannten «Methode» auszubilden und sie auf die persönlichkeitsgeprägten psychologischen Dramen der 50er Jahre vorzubereiten. Unter seinen Schülern fanden sich Marlon Brando, Anne Bancroft, Montgomery Clift, Paul Newman, James Dean und Marilyn Monroe. Strasberg legte viel Gewicht auf die «gefühlsauslösende Erinnerung» als Instrument - der bewusste Versuch des Schauspielers, sich an ein Erlebnis aus seiner persönlichen Vergangenheit zu erinnern und so Gefühle in sich zu wecken, die er für die Darstellung im Film oder auf der Bühne einsetzen konnte. Es ist nachvollziehbar, dass diese Methode nicht allen Schauspielern gut bekam, speziell jenen nicht, die ihre vergangenen oder gegenwärtigen Emotionen nicht vollständig unter Kontrolle hatten. Viele verloren sich in ihren eigenen emotionellen Erinnerungen, statt diese auf die Bühnen-Charaktere zu übertragen. So begannen diese Schauspieler, nach einer Technik Ausschau zu halten, die sich besser mit ihrer eigenen Veranlagung vertrug.

Der Verlust der Wirklichkeit

Während dieser Zeit spielte Sanford Meisner nachts in Broadway-Stücken und unterrichtete tagsüber im Neighborhood Playhouse, wo auch Martha Graham und Harold Clurman arbeiteten. Dort erschuf er seine Unterrichtstechnik, welche sich auf seine eigene Schauspieler-Erfahrung abstützte und überwiegend auf die Karte der Vorstellungskraft des Schauspielers setzte, um die auf der Bühne notwendigen Emotionen zu produzieren. Er wendete dazu die «emotionale Ersatzhandlung» an, die dem Schauspieler erlaubte, mit jenem Teil seiner selbst bewusst umzugehen, der theoretisch eben unbewusst bleiben sollte. Sein Ziel war, Schauspielern eine organische Annäherung an die Erschaffung von Realität und wahrheitsgetreuem Handeln in der Vorstellungsumgebung des Theaters mitzugeben. Einfacher ausgedrückt sollte der Schauspieler einen persönlichen Wunsch oder Traum durch einen dem Stück entsprechenden ersetzen, um sich für eine bestimmte Szene zum Beispiel in einen euphorischen Zustand zu versetzen - oder in einen tragischen bei einem Drama. Film und Theater sind pure Vorstellung, und Vorstellungskraft ist das tägliche Leben und Handwerkszeug aller Künstler. Meisner bewies sein diesbezügliches Genie, indem er eine neue und logische Technik schuf, in der der Schauspieler seine eigenen Erinnerungen ausschaltet und sich ausschliesslich auf die Schaffung der Emotionen des von ihm dargestellten Charakters konzentriert. Seine Auffassung und sein Talent verschafften ihm augenblickliche Berühmtheit, und er wurde nach Hollywood gerufen, wo er die grossen Stars der Studios ausbildete: Joanne Woodward, Gregory Peck, Grace Kelly, Robert Duvall, Steve McQueen, Tony Randall, Peter Falk, Jon Voight, Diane Keaton, Jeff Blum und viele andere. Regisseure wie Elia Kazan, Sydney Pollack, Bob Fosse und David Mamet zogen es bald vor, Meisner-geschulte Darsteller in ihren Produktionen zu haben. Sie alle waren der Überzeugung, dass diese fühlbarer, offener und wirklichkeitsgetreuer spielten als «Methode»-Schauspieler.
Bis zu seinem Tod vor sechs Jahren setzte Meisner sein Unterrichtswerk an beiden amerikanischen Küsten fort, sogar nach einer unumgänglichen operativen Totalentfernung seines Kehlkopfs und mit unheilbarem grauem Star. Über ganz Amerika verstreut gibt es Dutzende von Universitäten, Schulen und Kursen, die von seinen früheren Schülern geleitet werden und an denen seine Technik gelehrt wird. Im heutigen Hollywood findet man den Trend, in Schauspieler-Lebensläufen und bei Sprech- und Spielproben das Attribut «in New York ausgebildet» speziell hervorzuheben.
Der Grund dafür ist, dass die besten Schauspielschulen und -lehrer in New York zu finden sind - und die meisten basieren auf Meisner. Wenn Meisner in der Öffentlichkeit auch wenig bekannt ist, bleibt sein Vermächtnis doch dadurch lebendig, dass seine Vision und sein Talent uns alle immer wieder durch Broadway-Stücke und Filme von gestern, heute und sicher auch von morgen berühren.

Die Autorin lebt in New York, wo sie als freischaffende Schauspielerin in einem festen NBC-Engagement für Fernsehen und fürs Kino bei Hollywood-Produktionen arbeitet.


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