Stellung und Berufung des Menschen
Die Zeit ist mehr als ein Rahmen, innerhalb dessen die Dauer der Existenz eines menschlichen Wesens abläuft: Sie ist eine Erinnerung einerseits an die Unsicherheit wie anderseits an die Grösse der menschlichen Existenz. Es trifft zu, dass das Buch Genesis den Begriff der Zeit unter Beweis stellt, indem es bestätigt, dass «am Anfang Gott den Himmel und die Erde schuf». Wenn jeder «Anfang» notwendigerweise ein «Ende» impliziert, ist es doch erlaubt, hier auch eine «Endlichkeit» anzunehmen oder sogar herbeizuwünschen, die die Unveränderlichkeit, die festgelegte Unbeweglichkeit eines physischen, materiellen Endes in die freie Beweglichkeit einer ethisch-spirituellen Endlichkeit verwandelt. Der Mensch hat tatsächlich die Fähigkeit in sich, die festen, natürlichen Grenzen der Zeit zu überschreiten, zu überwinden, die ihm gesetzt werden, damit er sie bis in die übernatürlichen, unendlichen Weiten der Ewigkeit ausdehne. In Wirklichkeit ist es dank des klaren gedanklichen Begriffs der Zeit, den der Mensch hat, dass er sich die Befähigung verschaffte, die Stellung wahrzunehmen, die die seine ist, eine «gegebene» Stellung, in welche er «trotz seiner selbst» versetzt wird, eine Stellung, aus der er vor allem sein eigenes egoistisches «Wohlbefinden» anstrebt. Aber dank seiner richtigen Vorstellung des Begriffs der Zeit kann er auch die Berufung ergreifen, die ihm vom Spender des Lebens zukommt, damit er diese frei und freiwillig vollfülle, im Hinblick auf sein eigenes, wirkliches Wohl und gleichzeitig auf dasjenige der anderen.
Seine Stellung nun ist eingeschlossen in der Zeit, in der unabänderlichen, statischen, sich wiederholenden Zeit, geformt aus Anhäufungen von Zeiteinheiten, die aufeinander in mathematischer Genauigkeit folgen: Ein Zeit-Register, ein Zeit-Inventar, eine statistische Zeit, die sich vor allem auf die Vergangenheit zurückbezieht, darauf, was geschehen ist, was schon vollführt wurde, eine Zeit, die nach hinten blickt, eine retrospektive Zeit.
Der Mensch in der Zeit
Dies drückt sich im biblischen Hebräisch im Wort «Eit» aus, das vom Verb «atat» stammt, welches zählen, abzählen, inventieren bedeutet. Es ist die Zeit der menschlichen Befindlichkeit, der menschlichen Endlichkeit. Trotzdem strebt diese Zeit selbst danach, sich zu öffnen, fordert danach, sich zu verlängern, sich in der Zeit der Berufung des Menschen zu vollenden. Jene aber, die Berufung, lässt sich nicht festlegen, beschränkt sich nicht auf eine feste Dauer sondern entfaltet sich darin; die Zeit der Berufung ist ständig in Bewegung, sie ist dynamisch, ein Neuerer und Erneuerer, sie ist eine erfinderische, fruchtbare Zeit, die immer in die Zukunft schaut. Eine Zeit-Bestrebung, eine Zeit-Hoffnung, eine vorwärts blickende Zeit, eine Zeit-Perspektive, die wohltätige, sogar heilbringende Handlungen in sich birgt, die die Empfehlung einschliesst, Aufgaben von ethischer Dimension wahrzunehmen, die die Einladung mit sich trägt, Missionen spiritueller Art zu vollbringen. Die Zeit-Perspektive wird im Hebräischen mit dem Wort «Seman» ausgedrückt, welches vom Verb «zaman» stammt, welches sich vorbereiten, sich bereit zeigen, sich zur Verfügung stellen für die Vollbringung einer wichtigen Aufgabe vor allem in moralischer Hinsicht bedeutet. Und dies, diese Vorstellung des Begriffs der Zeit ist es, den uns die Lehre von Rosch Haschana vermittelt. Diese Vorstellung der Zeit, die sich auf Shana, das «Jahr» bezieht, das die Messung der Zeit darstellt. Diese Vorstellung der Zeit ist umfassend und trägt gleichzeitig die Befindlichkeit von «Shanui», der «Wiederholung», der Ähnlichkeit, der Festigkeit wie auch die Berufung von «Shinui», der «Veränderung», der Unterschiedlichkeit, der Vervollkommnungsfähigkeit angesichts der Überwindung der Zeit selbst und ihres Endpunktes in der Ewigkeit in sich.
Zeitlichkeit und Ewigkeit
Zeitlichkeit und Ewigkeit des Menschen, das ist die Lehre, die uns der Tag von Rosch Haschana anbietet. Denn dieser Tag ist gleichzeitig jener der Geburt von Adam, des Stammvaters der menschlichen Rasse, der Tag der Geburtschronologie des Menschen in der Vergangenheit, aber er ist auch der Tag des eschatologischen Heils der Menschheit in der Zukunft, der Tag der Ankunft des Messias.
An diesem Tag der Erschaffung der Welt wendet sich der Schöpfer an Seine bevorzugte Kreatur, den Menschen, und spricht zu ihm: «Ich rufe heute den Himmel und die Erde als Zeugen, dass ich vor dich das Leben, die Segnung gelegt habe. Wähle also das Leben, auf dass du lebest, du und deine Kinder.» Indem er auf diesen göttlichen Ruf antwortet, erreicht der Mensch so durch seine freie Wahl, zum Schöpfer der Tage zu werden, die ihm gegeben sind: Von der Kreatur erhebt er sich zum Schaffenden. Dadurch, dass er seine Berufung erkennt und vollführt, indem er die Thora befolgt und die Mitzwoth beachtet, wird der Mensch, der doch durch den Schöpfer «gemacht» wurde, als «sich selbst erschaffend», «sich selbst machend» betrachtet, so wie die Midrasch Tanuma (Tavo 1) es bestätigt. Ein Jahr tut sich vor uns auf. Nehmen wir uns vor, seine Tage gut zu füllen. Dass unser Aufbruch gesegnet sei, dass unser Weg würdig sei, dass unsere Strasse gerade sei, dass unser Vorhaben vollendet sei und dass unsere Ankunft gesegnet sei. «Dass das Jahr seinen Anfang nehmen möge, und mit ihm seine Segnungen!»


