Steht die charedische Gesellschaft Israels vor einer Revolution?
Würden Aktien technologischer Schulen an der israelischen Börse ebenso gehandelt wie Aktien von Chemiefirmen oder Internet-Gesellschaften, wären die Chancen durchaus gegeben, dass der Preis für Aktien von Rabbi Yecheskel Fogels Charedischem (ultra-religiöses) Zentrum für Technologische Studien letzte Wochen ungekannte Höhen erreicht hätte.
Das Zentrum mit Filialen in Jerusalem, Bne Berak und Aschdod erteilt Kolel-Studenten Berufsausbildung. Als Folge des Koalitionsabkommens zwischen Baraks «Ein Israel» und dem «Vereinigten Torah-Judentum» (VTJ) dürfte die Nachfrage nach solcher Ausbildung rasant zunehmen. Das Abkommen sieht eine Senkung des Alters der Dienstbefreiung von bisher 40 auf 25 Jahre vor und erlaubt den Charedim, nach einem Blitz-Militärdienst eine Stelle anzutreten.
«Ich glaube nicht, dass wir von Anmeldungen überschwemmt werden», sagt Fogel in einem klar erkennbaren Versuch, nicht zugeben zu müssen, dass er auf einer Goldmine sitzt. «Jene, die den ganzen Tag lernen, werden nicht von heute auf morgen ihren Lebensstil ändern. Natürlich gibt es jene, die aus Gründen der ihnen von der IDF auferlegten gesetzlichen Einschränkungen lernen (sie können nicht arbeiten, ohne nicht zuvor in der Armee gewesen zu sein). Die meisten Leute jedoch lernen, weil sie in der Thora Werte erkennen. Es wird sicher solche geben, die nach anderen Horizonten Ausschau halten, doch wird es eher ein Prozess sein und nicht über Nacht geschehen.»
Für viele grenzt dieser Prozess an eine Revolution. Ironischerweise wird sich das Abkommen mit der VTJ bezüglich der Jeschiwa-Studenten auf die charedische Gesellschaft viel mehr auswirken als auf die IDF. Ehud Barak könnte eher zum Katalysator für eine Veränderung unter den Charedim werden als zur Integrationsfigur der Streitkräfte.
Das Abkommen sieht eine Senkung des Dienstbefreiungsalters von bisher 35-42 (je nach Familiengrösse) auf 24-25 vor. Das heisst, dass ein 25jähriger Jeschiwaschüler, der gerne eine Arbeit ergreifen möchte, dies nach einem 4-6 Monate dauernden Militärdienst tun kann. Wir dürfen uns also nicht charedische Froschmänner vorstellen oder Kompanien charedischer Fallschirmspringer, sondern eher grosse Mengen nicht mehr so junger Soldaten, die Wachdienste versehen oder Patrouillen entlang einer ruhigen Grenze marschieren können. Gleichzeitig aber wird die IDF gemäss dem Koalitionsabkommen die Entwicklung besonderer Rahmen prüfen, welche es Charedim erlauben, den Armeedienst früher zu absolvieren. Das Neue am Abkommen ist nicht das Abkommen an sich. Bisher verliessen arbeitswillige Charedim die Jeschiwa - in der Regel nach der Hochzeit und der Ankunft von Kindern - und durchliefen die Armee im sogenannten «Schlav Bet» (2. Phase), der auch von Immigranten benutzt wird. Dieser Weg beinhaltet eine Woche bis ein Monat Grundausbildung und rund drei Monate Militärdienst.
Anschliessend leisteten diese Charedim Reservedienst. Das Neue am Abkommen ist die Tatsache, dass es den Segen der Rabbiner des VTJ hat. «Für die Armee ändert das Abkommen kaum etwas», meint Yishai Weiner, Herausgeber einer Kette von lokalen charedischen Zeitungen. Weiner selber hat «Shlav Bet» absolviert. «Das effektiv Neue ist, dass die Rabbiner der Agudat Israel gewillt sind, das Alter der Dienstbefreiung zu senken. Damit sagen sie, Charedim müssen nicht unbedingt den ganzen Tag lernen, sondern können auch arbeiten. Das ist ein grundlegender Wandel. Bisher herrschte das Gefühl vor, Charedim müssten lernen, nicht arbeiten. Der Himmel würde schon für das Geld sorgen.»
Geld vom Himmel
Genauer gesagt: Das Geld würde der Himmel via den Staat schicken. Das phänomenale Wachstum innerhalb der charedischen Gemeinschaft sowie die zunehmend feindselige Haltung der Nicht-Charedim diesem Abkommen gegenüber hat charedische Rabbiner und Politiker zum Schluss gebracht, dass nichts unveränderlich ist.
«Die Herabsetzung des Alters für eine Dienstbefreiung ist eine dramatische Veränderung», sagt David Zilbershlag, ein charedischer PR-Berater und Geschäftsmann. Die Kolelim - Jeschiwot für verheiratete Männer, die für die Zeit ihres Studiums ein Stipendium erhalten - kamen auf und wurden stark, weil es galt, «die Thorawelt nach dem Holocaust zu retten». Diese Welt ist, laut Zilbershlag jetzt aber so gewachsen, dass es keinen Grund mehr gebe, «jene in den Lernsälen zu halten, die im Lernen nicht erfolgreich sind».
Yitzhak Alfasi, ein Experte für die Welt der Chassidim, meint demgegenüber, die Ersetzung der Thoraweisen nach dem Holocaust sei nicht der einzige Grund für das phänomenale Wachstum der Kolel im letzten halben Jahrhundert.
Rabbiner in Europa pflegten ihren Schülern vorzuschreiben, bis zu einem gewissen Alter zu lernen und dann einer Arbeit nachzugehen. «Hier in Israel aber», erklärt Alfasi, «hielten die Rabbis ihre Schüler aus Angst vor der Armee im Kolel.» Im Vorkriegs-Europa gab es, so Alfasi, relativ wenige Kolelim.
«In Polen und Russland gab es überhaupt keine, und in Litauen und sonstwo gab es nur gezählte dieser Institutionen.» Im Gegensatz dazu existieren heute in Israel mehrere hundert Kolelim.
Ein Zitat aus einem Buch von Rabbi Yaacov Israel Kanievsky, dem verstorbenen Steipler Rebben, der die einflussreichste rabbinische Persönlichkeit in der litauischen Thorawelt vor Rabbi Eliezer Schach war, wirft Licht auf die Gründe für den gewaltigen Anstieg der Zahl der Kolelim in Israel. «In diesen wilden und gefährlichen Zeiten muss ein Mensch auch dann, wenn wir mit Sicherheit wissen, dass er Gott behüte keinen Erfolg im Thorastudium haben wird, alle Tage seiner Jugend innerhalb der Mauern der Jeschiwa zubringen, um ihn vor den Gefahren für sein Judentum zu schützen. Jemanden aus einer säkularen Umgebung herauszunehmen, ist schon ein Ziel für sich selbst.»
Diese Philosophie existiert vielleicht noch immer. Verändert haben sich hingegen die politischen und wirtschaftlichen Realitäten. «Die Rabbiner leben unter ihren Leuten und wissen, was vor sich geht», sagt Fogel. «Sie kennen auch die Bedürfnisse ihrer Gemeinden und sind sich bewusst, dass viele Leute schwere Probleme bekunden, mit der Unterstüzung zu leben, die sie vom Kolel oder der Jeschiwa erhalten. Vor allem Männer über 26-27 mit Kindern zu Hause sind auf andere Einkommensquellen angewiesen.»
Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Kolel-Studenten Schwarzarbeit leisten. Das steigert einerseits die Ressentiments unter den Nicht-Charedim und ist andrerseits nicht genug, um eine Familie über die Runden zu bringen.
«Noch vor 30 Jahren», fährt Fogel fort, «arbeiteten Eltern, die wollten, dass ihre Söhne beim Lernen blieben, oder sie erhielten Reparationszahlungen aus Deutschland. Heute haben wir bereits eine zweite Generation, die sich dem Thorastudium widmet. Väter, die den ganzen Tag lernen, haben ihrerseits vollzeitlich lernende Söhne, die verheiratet sind und Kinder haben und diese nicht unterstützen können.»Für Zilbershlag demonstriert die Bereitschaft der Rabbiner, den Studenten das Verlassen des Kolels und den Eintritt in die Arbeitswelt - nach einem kurzen Abstecher in die Armee - zu gestatten, eine gehörige Portion Realpolitik. Am Tag nach den Wahlen las man in einem Leitartikel in der Zeitung «Hamodia» (Aguda), es sei an der Zeit, in sich zu gehen und sich zu fragen, «warum sie (die Säkularen) uns so hassen». Diese Formulierung spreche, so Zilbershlag, für sich selber. «Die Bereitschaft, Jeschiwa-Studenten arbeiten zu lassen, sollte vor diesem Hintergrund gesehen werden.»
Die Statistik ist massgebend
Falls das Gesetz zur Regelung der Dienstbefreiung für Jeschiwa-Studenten verabschiedet und die Altergrenze auf 25 Jahre herabgesetzt wird, dürfte die Diskussion zwischen Charedim und Säkularen völlig neue Formen annehmen. «Ein Teil der Argumente gegen die Charedim», sagt Yosef Shilhav, «basiert ganz einfach auf der Statistik. Ausschlaggebend ist, wie viele Leute in den Genuss der Befreiung gelangen. Eine Reduktion des Befreiungsalters auf 25 reduziert die Zahl der Männer, die keinen Armeedienst leisten, automatisch um die Hälfte. Das ist ein Weg, um die Statistik freundlicher aussehen zu lassen.»
Shilhav ist ein Urban-Geograf an der Bar-Ilan-Universität, der die charedische Gemeinschaft studiert.
Laut Statistik ist die Zahl der dienstbefreiten Charedim von 400 im Jahre 1948 auf rund 35 000 im Jahre 1998 gestiegen. Shilhav warnt aber davor, dass die charedisch-säkulare Animosität nicht als Folge einer statistischen Veränderung verschwinden werde. Das neue Abkommen könne vielmehr neue Konflikte heraufbeschwören. «Jene Charedim, die im Alter von 24 bis 25 in den Arbeitsmarkt eintreten wollen, werden mit dienstentlassenen Soldaten um Stellen konkurrenzieren, die keiner akademischen Ausbildung bedürfen», sagt Shilhav. «Ich höre schon die Argumente der Soldaten: Wir haben in der Armee gedient und uns für unser Land eingesetzt. Warum sollen Jeschiwa-Studenten, die nicht wie wir gedient haben, diese Jobs bekommen?»
Wie Fogel erwartet auch Shilhav keinen Massenexodus aus dem Kolel infolge der Gesetzesänderung. «In den letzten 50 Jahren hat sich eine Kultur des Studierens in Jeschiwot verankert», sagt er. «Vielleicht stand anfänglich die Suche nach einem Weg aus der Armee hinaus im Vordergrund, doch heute ist das Lernen Teil der charedischen Kultur, und kulturelle Gewohnheiten ändern sich nicht über Nacht. Sicher werden mehr Charedim auf dem Arbeitsmarkt erscheinen, doch es handelt sich um einen langsamen gesellschaftlichen Prozess.»
Wem Gehorsam geben?
Dieser gesellschaftliche Vorgang wird auch zahlreiche Nebeneffekte mit sich bringen. Einer von diesen könnte eine Schwächung des Gehorsams gegenüber der rabbinischen Führungsschicht sein. «Solange der Student in der Jeschiwa oder im Kolel ist», sagt Shilhav, «ist er von der Gemeinde und von den Rabbinern abhängig. Wackelt diese Abhängigkeit erst einmal, wird auch die Macht der Führungsschicht schwächer. Sobald ein Jeschiwa-Student \'draussen\' arbeitet, wird er der Welt gegenüber offener sein.» Die Rabbis seien sich dieser Entwicklung sehr wohl bewusst, könnten aber nicht gegen die starken wirtschaftlichen Strömungen schwimmen. Wirtschaftliche Fakten und die Erkenntnis, dass der soziale Wohlfahrtsstaat Teile der Gemeinschaft nicht unbeschränkt unterstützen kann, hat die Rabbiner gezwungen, einzusehen, dass eine gewisse Selektion in bezug auf jene Leute, die den ganzen Tag lernen können, unumgänglich ist. Shilhav: «Sie beginnen zu begreifen, dass Ganztags-Studien einer intellektuellen Elite vorbehalten sein müssen. Wer dieses Kriterium nicht erfüllt, muss arbeiten gehen.» All dies führt nach Shilhav zu einer dramatischen gesellschaftlichen, nicht religiösen Veränderung in der charedischen Welt. «Für mich ist Ganztags-Lernen kein religiöses Konzept, sondern eher eine gesellschaftliche Norm, denn in der Vergangenheit gingen auch religiöse Juden zur Arbeit. Die Veränderung, so tiefgreifend sie sein mag, ist also sozialer und nicht religiöser Natur.»
©Jerusalem Post


