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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Steht der Fortschritt auf dem Spiel?

von Michael J. Jordan, October 9, 2008
Nach beinahe 75 Jahren der kommunistischen Unterdrückung, während welchen kaum ein Pulsschlag jüdischen Lebens zu spüren war, ist das russische Judentum in den letzten zehn Jahren mit einer Energie zu neuem Leben erwacht, die Beobachter in- und ausserhalb Russlands gleichermassen überrascht hat. Die verschiedensten Skandale können diesen Forschritt nun aber mit einem Male wieder aufs Spiel setzen.
Boris Berozovsky: Drahtzieher im Hintergrund. - Foto Keystone

Zwei Kontroversen der letzten Zeit haben die Juden in Russland unvermittelt ins nationale Scheinwerferlicht gerückt, und die Auswirkungen könnten höchst unangenehm sein. Am 13. Juni wurde überraschenderweise Vladimir Gussinsky, der Präsident der Russisch-Jüdischen Föderation unter dem Verdacht verhaftet, er habe auf illegale Weise versucht, sich in den Bereichen Medien und Bankwesen ein Milliarden-Imperium aufzubauen. Dann ist der nicht enden wollende Streit zwischen rivalisierenden Rabbinern um das Amt des Oberrabinates des Landes, das gleichzusetzen ist mit der Vormachtstellung in der mit 600 000 Seelen nach den USA und Israel drittgrössten jüdischen Gemeinde der Welt. Lokale Beobachter machen die Egozentrik gewisser religiöser und finanzieller Anführer der Gemeinde zumindest teilweise verantwortlich für das Durcheinander. Es gibt aber auch jüdische Persönlichkeiten, die von dunkeln Kräften im oder hinter dem Kreml sprechen und dabei Präsident Vladimir Putin nicht ausschliessen. Die genannten Kräfte sollen dabei die Situation im Bestreben manipulieren, ihre eigenen politischen oder wirtschaftlichen Ziele zu verwirklichen. Dieses Manipulieren unterstreicht nach Ansicht von Beobachtern, wie weit Russlands Strukturen von jenen einer echten Demokratie noch entfernt sind. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Offenheit jüdischer Führungspersonen auf das wieder vorhandene Selbstvertrauen der Gemeinde hinweist.

Jüdische Streitikeiten in den Medien

Bedenklich für den russischen Durchschnittsjuden ist die Art und Weise, wie die staatlich kontrollierten Medien die beiden Kontroversen benutzen, um eine Reihe hässlicher, uralter Stereotypen von Juden und deren Vorliebe für Machtstreben, Habgier und Unloyalität wieder aufleben zu lassen. Wenn beispielsweise das staatliche Fernsehen über die Gussinsky-Affäre berichtet, wird wiederholt - oft in den ersten Sätzen eines Nachrichtenblocks - auf die russisch-israelische Doppelbürgerschaft des Mannes hingewiesen. Auch werden seine Geschäfte in Israel, seine Beziehungen zu jüdischen Weltorganisationen und dem Vernehmen nach auch zu amerikanischen und israelischen Regierungsstellen betont. Ein Reporter der staatlichen TV-Station meinte auch, wenn die Büchse der Pandora der «jüdischen Frage» erst einmal geöffnet sei, «könnte es schwierig sein, sie wieder zu schliessen». All dies ist in einer für ihre antisemitische Tradition und ihren Appetit auf jüdische Verschwörungstheorien berüchtigten Gesellschaft natürlich Öl ins Feuer.
Vor diesem Hintergrund äussern sich einige jüdische Beobachter auch kritisch gegenüber den jüdischen Aktivisten. «Es ist nicht dasselbe», meinte unter dem Schutze der Anonymität einer dieser Beobachter, «ob diese Situation sich in London, New York, Paris oder in einer anderen westlichen Demokratie abspielt, oder in Russland. Hier spielen sie mit dem Feuer. Wir müssen wachsam bleiben und uns stets an die Geschichte erinnern.»
Während fast des ganzen 20. Jahrhunderts war für die Juden Russlands ihr Judentum gleichbedeutend mit Verfolgung und Elend. Gussinsky hat hier aber neue Massstäbe gesetzt. Als erste prominente Persönlichkeit der russischen Gesellschaft bekannte er sich offen zu seinem Judentum. 1995 bildete er den Russisch-Jüdischen Kongress, eine Dachorganisation, die für sich in Anspruch nimmt, alle Strömungen des Judentums zu umfassen, von der Reform über modern-orthodox bis hin zu den Chassidim der Chabad-Bewegung, aber auch die keiner Richtung angehörenden Personen, die bis zu 90% aller Juden Russlands ausmachen könnten. Innert kürzester Zeit gelang es dem ehemaligen Theaterdirektor und heutigem Milliardär, das Image der jüdischen Gemeinde sowohl bei den Juden als auch in der russischen Öffentlichkeit aufzupolieren. Wichtiger noch war, dass Gussinsky mit seinem unermesslichen Reichtum den russischen Juden das verschaffte, wonach sie sich so gesehnt hatten: Selbstrespekt und eine wachsende finanzielle Unabhängigkeit vom Weltjudentum.

Gussinskys im Kreuzfeuer

Gussinskys Kritiker meinen demgegenüber, der Mann lasse sich kaum von altruistischen Motiven lenken. Vielmehr sehen sie hier eine raffinierte Taktik - manche sprechen von einer «Versicherungspolice» -, mit der er sich sowohl vor Untersuchungen als auch vor Kritik abschirmt, indem er derartige Aktivitäten sofort als anti-jüdisch etikettiert. Diese Argumente brachte er denn auch bei seiner Verhaftung vor wenigen Wochen vor. Seine Funktion als Gemeindepräsident ermöglicht es ihm auch, aussichtsreiche Kontakte mit amerikanischen und israelischen Investoren zu knüpfen. Das scheint seine Kollegen im Kongress kaum zu stören. «Wer der Gemeinde so viel gibt wie er», meint Russlands Oberrabbiner Adolph Shayevich, «der darf im Gegenzug ruhig auch etwas nehmen.» Gussinskys Verhaftung wird vielerorts als Versuch interpretiert, sein Medien-Imperium zu beeinträchtigen, das neben einem nationalen TV-Netz auch Zeitungen und Magazine umfasst. Diese Medien sind äusserst kritisch gegenüber Präsident Putin und setzen sich offen für die Bürger- und Menschenrechte ein. Vor allem haben diese Medien Putins Kampagne in Tschetschenien scharf angegriffen.

Berezovskys Interessen

Möglicherweise aber war die Verhaftung auch das Werk Boris Berezovskys, einem Erzrivalen Gussinskys, der als der eigentliche Drahtzieher hinter den Kulissen des Kremls gilt. «Ziel ist es», sagt Andrei Zolotov, ein Reporter, der die Geschichte für die englischsprachige Tageszeitung «The Moscow Times» verfolgt, «Gussinskys Medien-Imperium auf ein Abstellgleis zu manövrieren. Da aber viele seiner Aktivitäten jüdischer Natur sind, war es nicht zu vermeiden, dass die Gemeinde mit hinein gezogen wurde.» Zolotov und andere schliessen nicht aus, dass die ständigen Angriffe gegen Gussinsky für Putin und seine Leute jüdische Dimensionen haben. Der Versuch, Gussinsky in den Hintergrund zu drängen, könnte das Bestreben Putins widerspiegeln, eine loyalere jüdische Führungsspitze zu kreieren, welche seine allfälligen Reformen mit einem jüdischen «Koscherstempel» versehen würde.
Das bringt uns zur zweiten Kontroverse, nämlich zur Wahl eines zweiten Oberrabbiners durch die von Chabad dominierte Föderation jüdischer Gemeinden in Russland. Chabad, dessen Geschichte in Russland rund 250 Jahre alt ist, darf für sich in Anspruch nehmen, Judentum auch in den abgelegensten Gegenden Russlands, wie etwa Sibirien, neu belebt zu haben. «Juden hier sind so weit weg vom Judentum», sagt Berel Lazar, einer der prominentesten Chabad-Rabbiner im Lande, «dass es vordringlich ist, sie daran zu erinnern, was es heisst, jüdisch zu sein.» Die Föderation hat Lazar am 13. Juni zum Oberrabbiner Russlands gewählt, eine Herausforderung an Shayevich, die durch den Umstand verschärft wird, dass das russische Kulturministerium diese Wahl offiziell anerkannt hat. «Die Jungen sind», so sagt Lazar (36), der seit rund 10 Jahren in Russland lebt, «die letzte Generation, die wir retten können, weil einige sich vielleicht noch erinnern, dass ihre Grosseltern religiös waren. Wenn wir ihnen nicht erklären, warum es gut ist, Jude zu sein, werden sie alles vergessen. Sobald sie sich gut fühlen, haben wir unser Ziel erreicht.» Vielen russisch-jüdischen Aktivisten passt es allerdings gar nicht in den Kram, dass Juden in den Provinzen im Gegensatz zu Moskau nur eine Alternative für ihr Judentum haben: jene, die ihnen von Chabad offeriert wird. Russlands Juden sind erstens vorwiegend assimiliert, und mindestens die Hälfte von ihnen lebt zweitens in einer Mischehe. Nachdem Chabad-Lubawitsch die Halacha (das jüdische Gesetz) sehr strikt auslegt, fürchten daher nicht wenige jüdische Persönlichkeiten, dass eine Übernahme der Kontrolle durch Chabad in vielen Gemeinden für viele Menschen den Ausschluss von jüdischen Begräbnissen oder Hochzeiten bedeuten wird, wenn sie nicht halachisch einwandfrei zum Judentum konvertieren. Lazar meinte auch schon, er und seine Kollegen von Chabad würden die Besonderheit der russisch-jüdischen Atmosphäre zwar anerkennen, doch könnten sie in Bezug auf die Halacha keine Kompromisse eingehen.

Putins Position im Streit

Aus diesem und anderen Gründen sind viele Aktivisten des Russisch-Jüdischen Kongresses empört über die jüngsten Aktionen Lazars und seiner Föderation. Der in Italien geborene Lazar würde, so sagen sie, das russische Judentum gar nicht reflektieren. Der in Russland geborene Shayevich, der sein Amt noch in der sowjetischen Ära angetreten hat, ist in den letzten fünf Jahren durch die sekulären jüdischen Führer mehrmals als Oberrabbiner bestätigt worden. Zudem hat der Zeitpunkt von Lazars Wahl - wenige Stunden vor Gussinskys Verhaftung - kaum etwas dazu beigetragen, die Gerüchte über einen Deal zwischen der Föderation und dem Kreml zu zerstreuen. Seit der Gründung der Föderation im vergangenen November haben Putin und der Kreml sie begeistert unterstützt. Hinzu kommt, dass die Föderation, ähnlich dem Kongress, über einen jüdischen Oligarchen verfügt, der die meisten Aktivitäten finanziert. Lev Levayev, ein reicher israelischer (in Uzbekistan geborener) Diamantenhändler, soll jedes Jahr 10-15 Mio. Dollar für die Aktivitäten von Chabad in Russland aufwenden. Auch er hat ein konkretes Interesse an guten Beziehungen zum Kreml, steht für ihn doch der Zugang zu den russischen Diamantenminen auf dem Spiel. Lazar reagiert mit der Bemerkung, die Wirkungslosigkeit des Kongresses und seine Gegenerschaft zur Regierung habe Mitglieder der Föderation veranlasst, seine Wahl voranzutreiben. Er dementierte auch, ein Handlanger des Kremls zu sein. Wenige Stunden nach Gussinskys Verhaftung hatte er denn auch den Schritt verurteilt und seine Freilassung gefordert. «Warten wir einmal die nächsten Jahre ab», beteuert er, «und dann werden wir sehen, ob ich nur ein \"Koscherstempel\" für die Regierung bin.»

Labile Situation

Weiter offen ist die Frage nach den Überlebenschancen des von der amerikanisch-jüdischen Führung unterstützten Kongresses. Problematisch ist sicher, dass Putin und der Kreml fortfahren, Lazar und die Föderation zu offiziellen Stimmen des russischen Judentums empor zu stilisieren. Derzeit allerdings werden Unterhaltungen unter Juden von zwei Themen dominiert: Werden erstens die Versuche, Gussinsky von seinem Podest zu stossen, die finanzielle Autonomie der jüdischen Gemeinde beeinträchtigen, und wird zweitens der anhaltende Strom von Geschichten mit jüdischer Thematik in den Medien den Antisemitismus weiter anheizen? «Wir erwarten viel Arbeit», sagte Lev Krichevsky, Direktor des neu eröffneten Moskauer Büros der Anti-Diffamationsliga. «Für die jüdische Gemeinde Russlands ist jedes Szenario möglich. Die jüdische Renaissance ist so neu und noch so labil. Ihre Zukunft hängt von der Haltung des Staates zu Fragen der Menschenrechte und der religiösen Freiheit ab. Der Fortschritt kann im Nu ins Gegenteil umkehren.»

JTA


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