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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Sind Projektionen völlig wertlos?

von Gayle Horwitz, October 9, 2008
Eine unlängst veröffentlichte Studie über die Entwicklung der jüdischen Weltgemeinschaft bis zum Jahre 2080 (vgl. «Die jüdische Mehrheit wird bis zum Jahre 2080 in Israel leben», JR vom 21. September 2000) hat eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Einige Demografen zweifeln den Wert einer Studie an, die so weit in die Zukunft greift.
Russische Juden feiern: Bald ein Bild der Vergangenheit? - Foto Keystone

«Langfristige Voraussagen von Demografen», meint Gary Tobin, Präsident des «Institute for Jewish and Community Research» in San Francisco, «haben die gleiche Genauigkeit wie die Aussagen von Ökonomen, die heute eine Prognose über die Wirtschaftslage in 80 Jahren anstellen.» Weil die Prognosen davon ausgehen, dass sich an der gegenwärtigen Situation nichts ändert, seien laut Tobin die Schlussfolgerungen der Demografen «wertlos». Es sei unmöglich, fügte er hinzu, bedeutsame Veränderungen über eine längere Zeitperiode hinweg vorherzusagen. «Ihr einziger Wert besteht in der Prüfung unseres heutigen Standortes.»
Die im «American Jewish Yearbook 2000» unlängst veröffentlichte Prognose von Wissenschaftern der Hebräischen Universität gelangt zum Schluss, dass bis zum Jahre 2080 die jüdische Bevölkerung der USA um ein Drittel auf 3,8 Millionen zurückgehen werde. Gleichzeitig würde die Zahl der Juden in Israel sich auf 10 Millionen verdoppeln und die jüdische Gemeinde in der ex-UdSSR praktisch verschwinden. Der Artikel enthält demografische Projektionen für jüdische Gemeinden in aller Welt für die Jahre 2020, 2050 und 2080.
Professor Sergio Della Pergola von der Hebräischen Universität, einer der Verfasser der Studie, gibt zu, dass die Wissenschaft der Projektionen nicht präzise ist und von unvorhergesehenen politischen und technologischen Veränderungen beeinflusst werden kann. Dennoch betrachtet er seine Studie, zu deren Erstellung das Team drei Jahre benötigte, als nützlich, wobei vor allem der kurzfristige Aspekt wichtig sei.
Bevölkerungsprojektionen sind schon lange ein wesentliches Instrument, mit dem Regierungen und internationale Organisationen, aber auch lokale Gemeinden ihre Zukunft planen. Die UNO z.B. benutzt nach Angaben von Della Pergola Projektionen bis zum Jahre 2150, um Entscheidungen hinsichtlich des optimalen Einsatzes von Ressourcen zu treffen. Jüdische Gemeinden, die mit knappen finanziellen Quellen zu kämpfen haben, seien, so meint der Professor, in einer ähnlichen Lage.
Die Studie gelangt u.a. zum Schluss, dass 2080 rund 40% der Diaspora-Juden 65 Jahre oder älter sein werden. Dies könnte die jüdische Wohlfahrtsdienste für die Betagten über alle Massen belasten. Della Pergola hofft, dass diese und andere Ergebnisse seiner Untersuchung die jüdischen Gemeinden aufrütteln und zu einer längerfristigen Überlegung veranlassen werden. Ira Sheskin von der Universität Miami nennt die Projektionen einen «grossartigen Ausgangspunkt für Diskussionen». Er stellt aber die Frage, was man hätte voraussagen können, wenn eine solche Untersuchung im Jahre 1900 durchgeführt worden wäre. Den Holocaust? Den Staat Israel? Sheskin bezeichnet das Konzept der Projekte als «sehr schwierig».
Für Della Pergola besteht der nächste Schritt darin, Lösungen für Probleme zu suchen, die aufgrund der Studie in Zukunft auftreten könnten. «Es besteht immer die Möglichkeit», sagt er, «ein negativ erscheinendes Bild ins Gegenteil umzukehren, doch dazu braucht es Vorstellungsvermögen und Mut.»

JTA





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