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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Sieben Regierungsräte für 6 Oscars

Regierungsratspräsident Ralph Lewin, October 9, 2008
Für einmal ging es am letzten Dienstag im Basler Regierungsrat nicht um Politik, sondern um Film. Geladen hatte die Regierung den Basler Filmproduzenten Arthur Cohn, der im März für seinen Dokumentarfilm «One Day in September» über das Olympia-Attentat auf Israels Sportler 1972 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Regierungsratspräsident Ralph Lewin hielt an der Ehrenstunde mit anschliessendem Mittagessen die Laudatio, welche die JR hier veröffentlicht.
Botschafter Basels für die Welt: Arthur Cohn und Ralph Lewin. - Foto Keystone

Es ist dem Regierungsrat eine grosse Freude und Ehre, Dich hier im Rathaus zu empfangen. Für mich persönlich hat dieser Empfang auch insofern eine spezielle Bedeutung, als wir uns schon sehr lange kennen und ich einen meiner ersten offiziellen Auftritte als Regierungspräsident anlässlich der Europapremière von Deinem Film «One Day in September» gehabt habe.
Das Basler Rathaus ist nun natürlich in keiner Weise vergleichbar mit Hollywood - auch wenn böse Zungen ab und zu das Gegenteil behaupten. Ich weiss aber aus persönlichen Gesprächen - und weil Du es auch immer wieder öffentlich betonst - , dass Basel Dir sehr viel bedeutet. Dieser Liebesbeweis zu Basel zeigt sich auch darin, dass Du unserer Stadt treu geblieben bist, obwohl die Anerkennung hier für Deine grossartigen Filme lange Zeit eher etwas zurückhaltend gewesen ist. Aber dies ist ja sicher auch nicht untypisch für Basel, wo auch ein Bundesrat oder ein Tennisstar noch genüsslich und weitgehend unbehelligt durch die Freie Strasse schlendern kann. Den Namen Arthur Cohn kennt jetzt aber unterdessen nicht nur ganz Hollywood, sondern auch ganz Basel. Cohn-Filme werden während dem OpenAir-Kino auf dem Münsterplatz als attraktives Finale gezeigt. Es finden in Basel sogar Europapremièren von Deinen Filmen mit internationaler Prominenz statt. Das Sperber-Kollegium hat Dich 1996 mit einem «Star of Fame» - entsprechend demjenigen in Hollywood - zum «Ehre-spalebärglemer» ernannt. Und - um ein weiteres Beispiel zu nennen - Cohn-Autogramme sind auf der Schützenmatte mindestens so beliebt wie diejenigen der FCB-Spieler. Mittlerweile hat aber auch Zürich den Basler Arthur Cohn entdeckt: Er solle den «Züri-Oskar» erhalten, hat der Tagesanzeiger am 1. April dieses Jahres gemeldet. Im Kulturdepartement der Stadt Basel - so weiter im Tagi - soll diese Verleihung bereits als «unfriendly takeover» bezeichnet worden sein. Auch wenn sich diese Geschichte als Aprilscherz herausgestellt hat, ein gehöriges Stück Wahrheit bleibt natürlich hängen. Zürich sähe es ausgesprochen gerne, wenn Arthur Cohn einer von der Limmatstadt wäre.
Wir auf jeden Fall sind stolz und glücklich, einen so hervorragenden Botschafter für Basel, aber natürlich auch für die Schweiz zu haben. Als eines unter vielen Beispielen möchte ich eine Szene in Shanghai anlässlich des «Arthur Cohn Day» am 4. Internationalen Filmfestival von Shanghai erwähnen: Du hast den chinesischen Journalisten zu deren grossen Verwunderung erklärt, dass die Europapremière von «One Day in September» in Basel stattfinden werde. Du hast dann den - in Shanghai offenbar bis zu diesem Zeitpunkt - noch unbekannten Namen unserer Stadt geduldig buchstabiert. Am gleichen Anlass hast Du auf eine entsprechende Frage auch betont, kein Hollywood- sondern ein Schweizer Produzent zu sein. Zurück aber nochmals kurz zum Festival in Shanghai selbst: Die Cohn-Restrospektive ist eröffnet worden mit dem Film «Die Gärten der Finzi Contini». Dies auf ausdrücklichen Wunsch - nicht der Festivalleitung - sondern der chinesischen Regierung. Sie hat damit ein Zeichen setzen wollen, denn mit diesem Film - der übrigens auch einer meiner Lieblingsfilme ist - ist die Thematik des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts in China erstmals öffentlich wahrgenommen worden.
Zum Zeitpunkt des Filmfestivals in Shanghai ist der Film «One Day in September» bereits abgedreht gewesen. Dass dieser rund ein halbes Jahr später mit einem Oscar - Deinem 6. - ausgezeichnet würde, hat dort natürlich noch niemand gewusst. Auch nach der Nomination für das begehrte goldene Männchen hat man Deinem Film eigentlich höchstens Aussenseiter-Chancen gegeben. Haushoher Favorit ist der Film «Buena Vista Social Club» gewesen. Im Gegensatz zu Deinem Film ist das Werk von Wim Wenders zu dem Zeitpunkt schon in den Kinos gewesen.
Am Vorabend der Oscar-Verleihung ist «One Day in September» vor der «Directors Guild of America» gezeigt worden. Das Publikum ist begeistert gewesen. Der renommierte Filmkritiker der Los Angeles Times hat geschrieben, dass der Film von Wim Wenders sicher wunderschön sei. Aber - so hat er in seinem Artikel geschrieben - «One Day in September» - eine genaue Untersuchung des Terroranschlages auf israelische Athleten bei den Olympischen Spielen 1972 in München - ist nicht nur die einzige Arbeit, die noch nicht in den Kinos gelaufen ist, sondern auch so beeindruckend, dass man sich fast nicht davon loslösen kann. Auch wir sind beeindruckt gewesen über die «secce» Darstellung des im Rückblick kaum fassbaren Dilettantismus der Polizei, wie auch über das penetrante «the Show must go on», das Du im Film aufgezeigt hast. Lieber Arthur Cohn, sechs Oskars hast Du bis jetzt gewonnen, so viele wie noch nie jemand zuvor. Trotzdem bist Du ein Mensch zum Anfassen geblieben, so wie vor über 20 Jahren, als Du Dich an einer Party einen Tag vor der Oscar-Verleihung um die damals noch unbekannte - und in Hollywood entsprechend recht einsame - Liv Ullmann gekümmert hast. Die Norwegerin hat ja damals geglaubt, der freundliche Mann im weissen Smoking sei der Kellner. Am nächsten Abend hat sie verwundert feststellen dürfen, dass nicht sie, sondern ihr vermeintlicher Kellner vom Vorabend den Oscar erhalten hat. Seither ist zwischen Euch eine tiefe Freundschaft gewachsen, und Liv Ullmann spricht über Dich von einem «Herz auf zwei Beinen».
Im Namen des Regierungsrates und ganz Basel möchte ich den Respekt und die grosse Bewunderung über Dein filmisches Schaffen und Deine Erfolge zum Ausdruck bringen. Beenden möchte ich meine kurze Ansprache mit einer - wie ich meine, absolut treffenden - Aussage von Claus Jacobi unlängst in der «Welt am Sonntag»: «Arthur Cohns Werk rührt die Seelen der Menschen an. Er lässt sie hoffen, lachen, weinen, lässt sie träumen und tröstet sie.» Herzlichen Dank.





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