logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Sich an den Schmerz gewöhnen

October 9, 2008

Man braucht kein fanatischer Anhänger des Konzeptes eines Gross-Israels zu sein, um angesichts der Szenen von der Evakuierung von Juden vom Boden des Landes Israel ein Zerren im Herzen zu spüren. Jede Evakuierung greift ans Herz: Das verzweifelte Festhalten am Haus, die Möbel im Freien, die Kleinkinder - und die Tränen, Tränen, Tränen.
Diese ehrlich an eine bestimmte Vision glaubenden Menschen haben nicht selten ein Heim und fest verwurzelte Bäume zurückgelassen und sind hinausgegangen, um der Stimme ihres Herzens zu folgen. Hinzu kommt, dass praktisch alle israelischen Regierungen sie bisher dazu ermutigt haben. Regierungen, nicht alle, und sicher nicht jene Yitzchak Rabins, haben sie zudem mit Geld überschüttet. Die Einwohner des Tel Aviver Hatikwah-Viertels konnten von so feinen Strassen, wie sie in vielen Gegenden Judäas und Samarias zu finden sind, nur träumen. Und die Häuser mit ihren roten Ziegeldächern? In den Elendsvierteln müssen die Bewohner von Baracken schon ins Kino gehen, um sich solche Häuser anzusehen - vorausgesetzt, sie können sich eine Eintrittskarte leisten.
Die letztwöchige Evakuierung von Havat Maon war eine kurze Angelegenheit - und der Anblick der Szenen schmerzte, war herzzerbrechend. Wir sollten aber nicht vergessen, was zu all diesen Tränen geführt hat. In unserer Jugend pflegten wir angesichts einer solchen Situation zu sagen: «Das ist nur in der \"Tagesschau\"; sie haben noch nicht einmal einen Film darüber gemacht.»
Im Verlaufe der Jahre sind Dutzende neuer Siedlungen entstanden, mit und ohne Bewilligung. Hunderte von Häusern wurden gebaut, Heime für Tausende von Siedlern. Als der Likud am Ruder war, wurde auf jedem öden Hügel, unter jedem schattigen Baum eine Siedlung errichtet. Dahinter steckte das Konzept, jede Möglichkeit einer künftigen Rückgabe von Land zu vereiteln, im Keime zu ersticken. Die Siedler waren der Meinung, dass je grösser die Distanzen zwischen den einzelnen Siedlungen wurden, je mehr würden sie die Gefahr einer Teilung des Landes von sich schieben. Jene aber, die auf jedem Hügel in Judäa und Samaria gefeiert hatten, hätten zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen sollen, dass dieser Tag doch einmal kommen könnte!
Und tatsächlich ist dieser Tag gekommen. Nur ein unheilbarer Optimist glaubt heute noch daran, dass alle Siedlungen an ihrem Platz bleiben können. Yasser Arafat spricht davon, dass Latrun in den Schoss der arabischen Nation zurückkehren würde, doch der Kompromiss wird zu guter Letzt, wie alle Kompromisse, möglicherweise irgendwo in der Mitte gefunden werden.
In der Mitte? Die optimistische Version lautet dahingehend, dass die nahe beieinander liegenden Siedlungen, die zu einem Block zusammengefasst werden können, am Ende rauher, vielleicht sogar blutiger Verhandlungen bei uns bleiben werden. Was aber wird aus den entfernten, abseits liegenden Siedlungen? Es geht hier um Dutzende von Ortschaften. Die bittere Wahrheit sagt, dass es hier keine Alternative geben wird: Sie müssen aufgehoben werden. Es wird einen Transfer von Juden geben. Die andere Alternative wäre anhaltender Krieg, ein Krieg auf ewig. Nach hundert Jahren des Terrors würde das kommende Jahrhundert ebenfalls mit Terror beginnen.
Die Einwohner dieser Siedlungen kennen, wie auch viele andere Bewohner von Judäa und Samaria und deren Anführer, die bittere Wahrheit. Zurzeit versuchen sie noch, sie zu unterdrücken. Auch Premierminister Ehud Barak kennt die bittere Wahrheit. Vorerst jedoch versteckt er sich hinter der Redewendung von «schmerzvollen Entscheidungen».
Effektiv kennen wir alle die Wahrheit und versuchen, nicht über sie zu sprechen, weil wir hoffen, dass dann die ganze Sache sich in Wohlgefallen auflösen wird.
Unsinn. Früher oder später werden wir mit der rauhen Realität der «schmerzvollen Entscheidungen» konfrontiert sein. Vielleicht lohnt es sich in diesem Falle, sie offen auszudiskutieren, ehrlich, über alle Grenzen hinweg, vom Premierminister bis zum Siedlersekretär Uri Ariel. Vielleicht werden wir die zu erwartenden Wunden pflegen können, wenn wir in allen Details an die Wahrheit halten und uns - welch ein kühnes Konzept - an die schmerzvollen Szenen gewöhnen, die wirklich schmerzvollen Szenen, welche den Traum vom Frieden begleiten.

© Jerusalem Post





» zurück zur Auswahl