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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Sharon als de Gaulle?

October 9, 2008

Sieben Ratschläge an Ariel Sharon:

1. Wenn Sie Ihr Büro beziehen, sollten Sie nicht vergessen, gegenüber Ihrem Schreibtisch Bilder von Ehud Barak und Bibi Netanyahu aufzuhängen. Baraks Konterfei, damit Sie sich immer bewusst sind, wie vergänglich der Ruhm ist, und Bibis Bild, damit Sie wissen, wer Ihnen im Nacken sitzt. Barak machte einen Fehler, als er zurücktrat und die Wahlen ohne Grund vorzog. Bibi irrte, als er eine sichere Kandidatur aufgab, weil er mit Ihrer Niederlage rechnete. Jedesmal, wenn Sie vor einer Entscheidung stehen, schauen Sie sich die Bilder genau an, überlegen sich, was sie getan hätten - und machen genau das Gegenteil.

2. Vergessen Sie nicht, Shimon Peres und seinen Leuten einen riesigen Blumenstrauss zu schicken, haben diese doch alles getan, um Baraks Position in letzter Minute zu untergraben. Auch Israels Araber dürfen Sie nicht vergessen, die Sie in ihrer tiefen Weisheit Barak vorgezogen haben. In erster Linie aber sollten Sie Arafat mit Blumen bedenken, der auf Baraks ausserordentliche Grosszügigkeit mit einer Intifada und Gewalt reagierte und Ihnen damit den Weg ins Büro des Premiers ebnete.

3. Sie selber sind überrascht über das Ausmass Ihres Sieges. Denken Sie aber daran: Sie haben nicht gewonnen - Barak hat verloren, genauso wie 1999 nicht Barak gewonnen, sondern Bibi verloren hat. Der Stolz sollte Ihnen daher nicht so zu Kopfe steigen, wie er Barak zu Kopfe gestiegen ist. Wie sein Vorgänger hatte er vergessen, dass er zum Premierminister und nicht zum Kaiser gewählt worden war; deshalb hat der die Grenzen der Macht in seiner Hand nie begriffen. Von heute an werden Sie aufgrund dessen getestet, was Sie sind und wie Sie sich präsentieren. Jene, die Sie gross gemacht haben, können Sie wieder stürzen. Und denken Sie daran, dass jene, die auf Ihren fahrenden Wagen an die Spitze aufgesprungen sind, die ersten sein werden, die Ihnen auf dem Weg nach unten einen Hinterhalt legen werden.

4. Hüten Sie sich vor Loyalisten, Unterwürfigen, Gehilfen und all den Kriechern, die in den letzten Tagen wie Pfauen herumstolziert sind und all jenen Rache geschworen haben, die nicht hinter Ihnen standen. Denken Sie daran, dass Bibis eigene Freunde viel zu seinem Sturz beigetragen haben, und Baraks Freunde die erste waren, die schlecht von ihm sprachen. Bilden Sie keine Flotten von Helfern, deren Stärke in ihrer Loyalität liegt, sondern versuchen Sie, die möglichst besten Köpfe für Ihre Sache zu gewinnen. Wenn einem Menschen mit Ihrer Produktivität eine Idee kommt, ist es wichtig, dass er Leute um sich hat, die für ihn auf zehn zählen, bevor er das Konzept in die Tat umsetzt.

5. In Ihrem Alter sollten Sie mit einer Kadenz zufrieden sein. Sie können sich also auf das konzentrieren, was für den Staat gut ist und nicht für Ihre Wiederwahl. Als berühmter Kämpfer können Sie als einziger die Jeschiwa-Schüler zum Militärdienst verpflichten. Sie könnten beispielsweise auch Menachem Begin nacheifern und Shimon Peres zum Aussenminister und Friedenskoordinator ernennen. Die Börse würde florieren. Den grössten Gefallen aber würden Sie dem Lande erweisen, wenn Sie das schreckliche Wahlsystem änderten, das Bibi, Barak und Sie selber an die Macht brachte. Das Volk muss sich für einen Weg, nicht für einen TV-Star entscheiden.

6. Während Ihres Schweigens im Wahlkampf haben wir genug von Charedim und Extremisten gehört, um zu begreifen, dass Sie uns in die internationale Isolierung zurück führen und den militärischen Konflikt über uns bringen werden, sollten Sie Leuten wie Rechawam Zeevi, Michael Kleiner oder Avigdor Lieberman gehorchen. Wenn 65% des Volkes ein Friedensabkommen wollen, machen Sie das Gegenteil, was von Ihnen erwartet wird - überraschen Sie uns! Erinnern Sie sich an de Gaulle, der mit Hilfe der Bajonette der Armee und der extremen Rechte an die Macht gelangte, dann aber das Gegenteil von dem tat, was diese Kreise von ihm erwartet hatten. Algerien wurde im Rahmen eines Abkommens unabhängig, die Extremistenführer wanderten ins Gefängnis, und de Gaulle sicherte sich seinen Platz in der Geschichte.

7. Die Zeit der Traktorfahrten mit Ihren Enkelkindern, wie Sie sie im Wahlkampf zelebriert haben, ist vorbei. Sie können sich Ihr Make-up abschminken und das Plastik-Lächeln von Ihrem Gesicht wischen. Sie haben keine 100 Tage der Gnade, ja nicht einmal 100 solcher Stunden vor sich. Hoffentlich haben Sie während Ihres Schweigens im Wahlkampf, als das Volk geschlafen hat, über den Typ des Premierministers nachgedacht, den Sie abgeben wollen. Eines können Sie auf jeden Fall schon tun. Rahmen Sie ein Bild von sich für Ihren Nachfolger. Und: Viel Glück.

Haaretz





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