Sei stark und mutig! - Jüdische Jugendbewegungenugendbundszertifikat.
Zwischen Spass und Existenzfragen: Keine Einwanderung ohne Jugendbundszertifikat.
Ausstellungskuratorin Naomi Lassar wählte einen empathischen Zugang. Von ihrer eigenen Erfahrung als Mitglied des HaShomer HaZair ausgehend nähert sie sich dem Phänomen der jüdischen Jugendbewegungen als Teil der allgemeinen Jugendkultur, die im deutschsprachig beeinflussten europäischen Kontinent mit Ende des 19., Beginn des 20. Jahrhunderts durch Gründung zahlreicher Jugendgruppen, etwa 1896 die «Wandervögel» und 1906 die «Pfadfinder» ihre Institutionalisierung erfahren hat. Romantisierung der Natur und die Propagierung «natürlicher Lebensweisen», die sich zunächst als Reaktion und Abwehr der Modernisierung und Urbanisierung artikulierten, mündeten zunehmend in deutschnationalen «Blut- und Bodenmythos» - und letztlich zum Ausschluss von Juden aus zahlreichen Gruppen. Jüdische Jugendbewegungen sind nicht zuletzt deshalb als «jüdische Gegenwelt» zu diesen zunehmend radikaleren Jugendgruppen zu verstehen, wobei die jüdischen Jugendgruppen in ihrer heterogenen Vielfalt das gesamte politische Spektrum widerspiegelten.
Als bürgerliche und zunächst unpolitische jüdische Wanderbewegung entstand der «Blau-Weiss», der sich im Laufe seiner und der allgemeinen politischen Entwicklung der «Chaluz»-Bewegung anschloss. Als linkssozialistische zionistische Bewegung von Arbeiterkindern entstand 1916 hingegen in Wien die HaShomer HaZair durch einen Zusammenschluss der in Polen gegründeten «Zierei Zion» und der «Shomer»-Bewegung. Diese Bewegung, deren Grundstein in Wien gelegt wurde, sollte es zu einer weltweiten Verbreitung schaffen. Wien war deshalb bis 1919 und für kurze Zeit ab 1929 Sitz der Weltvereinigung und blieb als Gründungsort und als Zentrum der impulsgebenden österreichischen Sozialdemokratie, deren Vordenker fast durchwegs aus jüdischen, wenngleich assimilierten, Familien stammten auch in den Jahren danach bedeutsam für die zionistisch ausgerichteten Jugendbewegungen. Deren Spektrum reichte vom ganz links positionierten HaShomer HaZair zu den weniger stark links ausgerichteten Jugendbünden Blau-Weiss, Gordonia über die bürgerlich-sekulare Maccabi HaZair und den religiösen HaShomer HaDati und der Misrachi HaZair, den Pfadfinderbund Zeirenu und dem Mädchenbund Mirijam bis zum rechtsgerichteten Betar.
In der Ausstellung wird ein Raum den Vordenkern der Jugendbewegungen gewidmet: Siegried Bernfeld, Martin Buber, Aaron Gordon, Josef Trumpeldor und Zeev Jabotinsky - Namen, die zugleich für die Bandbreite der ideologischen Ausrichtung hinsichtlich jüdisch-nationaler Identität und sozialer wie religiöser Ansichten der Jugendvereinigungen stehen. Einige Exponate zeigen, wie diese Unterschiede ihren Ausdruck in den «Uniformen» und Symbolen der Gruppen gefunden haben. Über eine Tonbandanlage werden in der Ausstellung typische Lieder und Tänze der Gruppen gespielt.
Der entscheidenden Rolle der Jugendbewegungen während der nationalsozialistischen Judenverfolgung wird in der Ausstellung ebenfalls ein eigener Raum gewidmet: war doch die Mitgliedschaft zu einer jüdischen Jugendgruppe anfangs Voraussetzung für ein Einwanderungszertifikat nach Palästina. Aufgrund der restriktiven Flüchtlings- und Einwanderungspolitik der britischen Mandatsbehörden, die ihren Niederschlag im zu geringen Zertifikatskontingent fand, organisierten zionistische Jugendorganisationen schliesslich die illegale Einwanderung nach Palästina. Mitglieder von zionistischen Jugendorganisationen legten häufig den Grundstein für Kibbuz-Gründungen, die in der Folge eine Vorreiterrolle für die Gründung des Staates Israel einnehmen sollten.
Die Ausstellung selbst ist dank der unermüdlichen Recherche der Ausstellungskuratorin ein reichhaltiges «Bilderbuch», das für Besucher, die keinen eigenen Zugang, kein Vorwissen zu den jüdischen Jugendbewegungen haben, der Ergänzung durch das Buch von Shoshana Jensen und den Ausstellungskatalog bedarf.
Shoshana Jensen: Sei stark und mutig! Picus Verlag Wien (1995) ISBN 3-85452-272-X
Ausstellungskatalog des Jüdischen Museums der Stadt Wien ISBN 3-901398-19-8
Ausstellung Jüdische Jugendbewegungen im Jüdischen Museum Wien
Bis 6. Mai 2001. www.jmw.at


