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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Sechs Dollar für ein Pfund Koscher-Huhn

von Miriam Widman, October 9, 2008
Eines schönen Sonntags sassen Gus Axelrod und Stuart Magloff zusammen mit ihren Familien und assen Lachs mit Bagels. An sich nichts Bemerkenswertes, hätte das fröhliche Treffen sich nicht in Shanghai zugetragen. Neben den rund 13 Millionen ständigen, meist chinesischen Einwohnern beherbergt Shanghai im Durchschnitt auch rund 200 Juden. Die meisten, wie die Axelrods und die Magloffs, sind Geschäftsleute. In den letzten Jahren hat sich in Shanghai ein recht reges jüdisches Gemeindeleben entwickelt.
Grenzen überwinden: Shanghai\'s Chabad-Vorsteher, Rabbi Shalom Greenberg, betetet auf der chinesischen Mauer. - Fotos JTA Chabad-Center in Shanghai.

«In China kann man in seiner Karriere früher als in den USA eine wichtigere, verantwortungsvollere Rolle übernehmen», sagt Michael Goldman aus Philadelphia, der seit neun Jahren in China lebt. Magloff, der für die Firma Johnson and Johnson in China arbeitet, war vor allem besorgt darüber, ob er in einem derart entschieden nicht-jüdischen Land seine Kinder würde jüdisch erziehen können. Wie viele andere Juden in China ist Familie Magloff heute in Shanghai aber viel bewusster jüdisch als in den USA. Die fremde Umgebung motiviert dazu, sich mit etwas Vertrautem zu verbinden, wie eben der jüdischen Gemeinschaft.
Andere empfinden die totale Abwesenheit des Antisemitismus als erfrischend. «Für mich ist es hier leichter, jüdisch zu sein, als an irgendeinem anderen Platz, an dem wir je gewohnt haben», sagt Magloffs Frau Carol. In Süd-Texas, wo sie aufgewachsen ist, hatte sie stets das Gefühl, Schuld am Tode Jesus\' zu sein. Ähnliche Gefühle des Antisemitismus hat sie in Shanghai nicht.
In der Millionenstadt haben sich in letzter Zeit eine Menge jüdischer Aktivitäten entwickelt. Es gibt eine Kleinkinder-Gruppe, eine Jugendgruppe, Unterricht für Erwachsene und Barmizwa-Schüler, sowie informelle Zusammenkünfte. Nächstes Jahr soll ein Vorschul-Kindergarten seinen Betrieb aufnehmen. 1998 verlieh die Ankunft Rabbi Shalom Greenbergs (28) der Gemeinde starke Impulse. Der Rabbiner der Chabad-Bewegung (Lubawitsch) kam in Israel zur Welt und genoss seine Ausbildung in New York.

Aktives soziales Leben

Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Shanghai weisen auf kulturelle Ähnlichkeiten der beiden Völker hin. «Der Wunsch nach Ausbildung, Lernen, Erfolg und Familie», sagt Axelrod, «ist beiden Völkern gemeinsam.» Doch gibt es auch ganz klare Unterschiede: «Das Restaurant Shu You - wir nennen es Shu You Zoo beispielsweise», sagt Carol Magloff. «Beim Eintreten fallen einem sofort die Tiere in den Käfigen auf. Schlangen, Hasen, Hunde usw. Gäste wählen aus, was sie wollen, und es wird ihnen gekocht serviert.» Wenn Essen an sich für Leute aus dem Westen in Shanghai schon schwierig ist, dann ist koscher essen eine echte Herausforderung. «Es ist nicht schwierig», meint Rabbi Greenberg, «es ist nur teuer.» Für ein Pfund Koscher-Huhn, inkl. einer empfindlichen Importsteuer, zahlt er sechs Dollar. Heute sei es aber leichter als bei seiner Ankunft vor zwei Jahren. Damals musste er für den Einkauf von Koscherprodukten nach Hongkong oder in die USA reisen.Bruce Feuer aus Atlanta, Präsident der jüdischen Gemeinde von Shanghai, überwachte die Errichtung des Portman Ritz Carlton Hotels in der Stadt. Er machte Rabbi Greenberg mit Christopher Christie, dem Chefkoch des Hotels, bekannt. Christie, ein Protestant aus dem kanadischen Winnipeg, ist bestens vertraut mit den Kaschrut-Prinzipien. «Zuhause, wo es eine starke jüdische Gemeinde gibt, öffneten wir eine Koscher-Küche, denn der Bedarf war vorhanden. Ich verbrachte viel Zeit mit dem Maschgiach und stellte eine Unmenge Fragen. Es war faszinierend.» Eine Sektion in einem von Christie\'s riesigen Tiefkühlern ist für Rabbi Greenbergs Koscherfleisch reserviert. Unlängst war der Koch an den Vorbereitungen für den von 130 Personen besuchten Gemeindeseder beteiligt, und er organisierte auch eine Batmizwa-Feier - wahrscheinlich der erste Anlass dieser Art im Nachkriegs-China. Es gibt noch andere Herausforderungen, wie etwa die Kontakte mit den chinesischen Behörden. In den 30er und 40er Jahren, als viele jüdische Flüchtlinge in Shanghai lebten, gab es dort zahlreiche Synagogen und Betsäle. Heute jedoch beten die Juden fast immer in einem Raum im Shanghai Center, das von der Seacliff Ltd. betrieben wird, deren Generaldirektor Feuer ist. «Ohel Rachel», die einzige in der Stadt noch existierende Synagoge, ähnelt eher einem Museum. Als Präsident Clinton vor zwei Jahren nach Shanghai kam, wurde die Synagoge gereinigt, doch die jüdische Gemeinde darf sie nur zu besonderen Gelegenheiten benutzen. Letztes Jahr gaben die Behörden sie frei, allerdings nur für einen Tag. So konnte die Gemeinde sie zwar am ersten Tag Rosch Haschana benutzen, nicht aber am zweiten und auch nicht an Jom Kippur. Dann konnte an Chanukka eine Party in der Synagoge veranstaltet werden, doch als Steve Fieldman, ein in Shanghai unterrichtender Jurist, mit seiner Familie die Batmizwa seiner Tochter in «Ohel Rachel» feiern wollte, erhielt er keine Erlaubnis. «Für die Chinesen», sagt Fieldman, «ist dies keine juristische Angelegenheit sondern eine politische.» Offenbar wollen die Chinesen, so glaubt er, nicht den Eindruck erwecken, sie würden Juden begünstigen. Obwohl die Gemeinde um einen offiziellen Status nachgesucht hat, zählt das Judentum heute in China noch immer nicht zu den offiziell anerkannten Religionen. Die Pekinger Behörden bestehen zudem darauf, dass nur nicht-chinesische Einwohner an den Aktivitäten der jüdischen Gemeinde teilhaben. «Solange wie wir für das jüdische Volk hier sind», sagt der Rabbiner, «ist alles in Ordnung. Sobald wir unsere Türen aber den Chinesen öffnen, werden sie uns schliessen.»

«Unser Land China»

Der Rabbi ist aber optimistisch: «Wir bemühen uns darum, Ohel Rachel zurückzubekommen. Jetzt hoffen wir, dass wir die Synagoge im kommenden Jahr mindestens 20mal benutzen dürfen.» In diesem Jahr konnte die Gemeinde den ersten Pessachabend in der Synagoge feiern. Am Gottesdienst nahm auch eine Gruppe von Auschwitz-Überlebenden teil, was die Gemeinde von Shanghai daran erinnerte, dass die Chinesen während des Krieges wohl Verständnis für die Juden zeigten, dass aber nicht alle das Glück hatten, davon zu profitieren.
Harry Levine, der (jüdische) amerikanische Generalkonsul in Shanghai, hilft der Gemeinde sehr. Die meisten Juden in der Stadt begreifen, dass in ihrem vorübergehenden Heim alles eben seine Zeit braucht. «Das ist China, es ist ihr Land», sagt Axelrod. «Sie bestimmen die Spielregeln, und wir müssen uns an sie halten. Ich denke, wir sind recht erfolgreich mit unseren Bemühungen.»

JTA

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Für alle, die kein Zuhause mehr hatten

Schanghai / JTA. - Die chinesische Stadt Shanghai hat möglicherweise eine stärkere Verbindung zum Judentum als irgendeine andere Stadt in Asien. Mitte des 18. Jahrhunderts betrieben sefardische Juden, vor allem aus Irak, hier ihren Handel in den Branchen Textil und Opium. Heute ist Shanghai unter den Juden aber vor allem bekannt als Zufluchtshafen für europäische Juden, die nach der Reichs-Pogromnacht vom November 1938 in Nazi-Deutschland kein Zuhause mehr hatten. Ausser einer Gedenktafel in chinesischer, englischer und hebräischer Sprache in einem Park und dem oberen Stockwerk einer ehemaligen Synagoge, das zu einem Museum umfunktioniert worden ist, erinnert heute im Hongkou-Viertel der Stadt Shanghai kaum noch etwas an die blühende jüdische Präsenz, wie sie dort vor rund 60 Jahren geherrscht hatte. «Shanghai war der einzige Ort, wohin man ohne ein Visum gehen konnte», meint Rita Gerson, die 1938 aus ihrer Geburtsstadt Berlin nach Schweden floh und 1940 im Alter von 12 Jahren mit einer Gruppe von Mädchen nach Shanghai weiterreiste. Zu jenem Zeitpunkt waren alle anderen Destinationen undenkbar.
In den 30er Jahren wurden Teile von Shanghai von Amerikanern, den Franzosen und anderen Europäern kontrolliert, während wiederum andere Gegenden den Japanern unterstanden. Dennoch hätten die Chinesen die Juden hinauswerfen können. Man ist ihnen zu Dank verpflichtet, dass sie es nicht getan haben. Die Zahl der europäischen Juden, die es nach Shanghai geschafft haben, schwankt zwischen 20 000 und 30 000. Anfangs waren die Juden nicht auf eine bestimmte Zone beschränkt, doch als 1943 der deutsche Oberst Josef Meisinger, auch als der «Schlächter von Warschau» bekannt, in der Stadt eintraf, änderten sich die Dinge. Als die Japaner im gleichen Jahr ihre Kontrolle auf ganz Shanghai ausdehnten, bestand Meisinger, der sich seinen Namen als Gestapo-Chef in der polnischen Hauptstadt erworben hatte, darauf, dass die von Hitler angestrebte «Endlösung» auch auf die Juden von Shanghai angewendet würde. Die Japaner lehnten dies aber ab, da ihnen der Antisemitismus ebenso fremd war wie den Chinesen. Als Verbündete der Deutschen konnten sie sich den Wünschen ihrer Freunde aber nicht ganz verschliessen, und so wurden die Juden gezwungen, in ein Ghetto, die so genannte «Designated Area» im Hongkou-Viertel, einer der ärmsten Gegenden der Stadt, zu ziehen. Trotz der harten Bedingungen blühte dort das jüdische Leben. Die Flüchtlinge eröffneten Bäckereien, Cafés, Nachtclubs und gaben Zeitungen heraus. Es gab sogar zahlreiche Hochzeiten. Nach dem Krieg zerstreuten sich die Juden Shanghais in alle Welt, vor allem an die amerikanische Westküste, aber auch nach Australien und Israel.


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