«Schwächliche Demokratie, mangelnde Zivilcourage»
Die Sicherheitskräfte ermittelten, dass die mit Metallsplitter gefüllte Bombe zwischen den Gitterstäben der Fussgängerbrücke, die zum S-Bahnhof «Am Wehrhahn» führte, befestigt war. Die Bombe explodierte gegen 15 Uhr, als die Einwanderer vom Deutschunterricht an der Schule in der Nähe des S-Bahnhofes Wehrhahn kamen und sich auf der S-Bahn-Brücke befanden. Der Sprengsatz war in einem Papierkorb am Geländer einer Fussgängerbrücke explodiert.
In der Gegend verteilten die Fahnder Flugblätter, in denen die Anwohner aufgefordert wurden, bei der Spurensuche zu helfen und alles Verdächtige zu melden. Auch die gefundenen Bombenteile, die Hinweise auf die Täter geben könnten, werden weiter analysiert. Die Polizei warnte unterdessen davor, sich bei der Suche nach Tätern und Motiv voreilig auf einen rechtsextremistischen Hintergrund festzulegen. Es werde weiter in alle Richtungen ermittelt. Die Belohnung für Hinweise, die zur Aufklärung des Anschlags führen, wurde auf 20 000 Mark erhöht.Die Sonderkommission mit 50 Mitarbeitern arbeite unter Hochdruck, sei bisher aber nicht weitergekommen, sagte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft. Die ersten Erkenntnisse über den Bau der Bombe brachten keine konkreten Hinweise auf die Urheber. Den Sprengsatz identifizierten Polizei-Spezialisten als eine Rohrbombe, die in dieser Art bei früheren Attentaten bislang nicht benutzt wurde. Der Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft sagte, dass trotz dieser ersten Hinweise noch immer in alle Richtungen ermittelt werden müsse. Ein rassistischer oder rechtsextremer Hintergrund wird weiterhin nicht ausgeschlossen.
Ein Polizeisprecher bestätigte der JR, dass auch ein antisemitisches Motiv untersucht wird und wenn es nötig sein werde, die Sicherheitsvorkehrungen bei der jüdischen Gemeinde verstärkt werden.
In der Gemeinde selbst, von deren 6300 Mitglieder 4800 in den vergangenen zehn Jahren aus den GUS-Staaten einwanderten, versuchte man, Ruhe zu bewahren. «Da fünf Verletzte Gemeindemitglieder sind, ist es kein Wunder, dass die Stimmung hier deprimierend ist», sagte der JR Paul Spiegel, der Präsident der Jüdischen Gemeinde und des Düsseldorfer Gemeinderates. «Die Gemeinde unterstützt die Verletzten und deren Familienangehörigen.»
Gemeinde-Vorsitzende Esra Cohn sagte der JR: «Wir sind wachsamer, aber keineswegs in Panik. Die Verletzten sind im vergangenen Jahr aus Russland, der Ukraine und Aserbaijan gekommen und wohnten noch in Aufnahmeheimen. Sie kamen aus unsicheren Ländern in ein freies Land und haben nun sicherlich ein zusätzliches Problem zu den Aufnahme-Schwierigkeiten.
Rabbiner Michael Goldberger, der vier Verletzte besuchte, sagte der JR, dass die Eltern Tatjanas, die dieselbe Sprachschule besuchten, etwas länger im Unterricht blieben und so gerettet wurden. Wegen des Verlustes des Babys waren sie dennoch im Schock, so Goldberger. Der Rabbiner berichtete auch, dass die katholische Kirche St. Elisabeth, die gegenüber des Anschlagortes ist, bei der Behandlung der Verletzten sehr viel geholfen hätte. Die Kirche und die Menschenrechtsorganisation «Weisser Ring» gründeten auch ein Spendenkonto für die Opfer des Anschlags. Der Gemeinde-Direktor Michael Szentei-Heise erzählte der JR, dass Einwohner 400 Blutspenden gesammelt hätten und er viele ermutigende Anrufe erhalten habe.Antifaschistische Gruppen haben unterdessen für kommenden Samstag in Düsseldorf eine Demonstration gegen «Nazi-Terror» angekündigt. Politik und Behörden hätten die neonazistische Szene in Düsseldorf jahrelang verharmlost oder sogar totgeschwiegen, kritisierten die Organisatoren. Die Landeshauptstadt verkaufe sich zwar als «weltoffene und tolerante» Stadt, die Fakten sprächen aber eine andere Sprache.
Währenddessen stellten Anwohner Kerzen mit einer gelben und einer roten Rose zum Gedenken an die Opfer des Sprengstoffanschlags auf. Am Zugang zum Bahnhof, wo die Rohrbombe explodierte, brachten sie ausserdem ein Pappschild mit der Aufschrift «Gewalt - nein danke» und dem Hinweis «Gegen Nazis und Rassisten» an.
Der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano forderte im Kölner «Express» den «Mut der Mehrheit» ein. Der «neubraunen Pest» dürften keine rechtsfreien Räume überlassen werden. Zugleich warf er dem Staat, der Öffentlichkeit und der Polizei vor, sich vor rechten «Stinkmarken», wie etwa der Ausrufung «national befreiter Zonen», zu ducken oder wegzuschauen. Schuld daran sei eine «unheilige Allianz aus schwächlicher Demokratie und mangelnder Zivilcourage».


