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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Schlüsselwort «Abschreckung»

October 9, 2008

Gegen den Entscheid, im Anschluss an die jüngste Serie von Raketenangriffen gegen Israels Norden «die Lichter in Beirut auszulöschen», regte sich kaum Widerstand. Die Kritik, die zu hören war, konzentrierte sich vielmehr darauf, dass der scheidende Premier Netanyahu nicht schon viel früher reagiert hatte, etwa nach dem Angriff unmittelbar nach den israelischen Wahlen.
Nachdem weitere Raketen aus Südlibanon abgefeuert worden waren und kurz vor den Aktionen der israelischen Luftwaffe, hatte Generalstabschef Shaul Mofaz die Regierung öffentlich dafür getadelt, die Angriffe der Gegenseite unbeantwortet gelassen zu haben. Solche Kritik des Militärs ist höchst selten. Sie unterstreicht ein hohes Mass an Frustration während der Übergangsphase, in der niemand verantwortlich zu sein scheint. Das Ausbleiben einer Antwort würde, so hiess es, Israels Abschreckungskraft untergraben, und zwar nicht nur gegen Libanon, sondern auch gegen andere Bedrohungen wie die Palästinenser, Irak oder Syrien.
Das Aufrechterhalten der Abschreckung in einer komplexen Situation ist eine schwierige Aufgabe, die eine Ausgewogenheit zwischen militärischen, diplomatischen und politischen Faktoren bedingt. Ignoriert man diese Faktoren, kann der Gebrauch von Gewalt bzw. zuviel Gewalt kontraproduktiv sein. Das zieht diplomatische Schwächung nach sich und schafft Sympathie und Unterstützung für die Gegenseite. Israel war diplomatisch oft isoliert, und nicht selten wurde ihm vorgeworfen, das Militär zu rasch loszuschicken und auf sogenannte «kleine Attacken» überrissen zu reagieren. Der Libanonkrieg von 1982 und die Operationen von 1993 («Abrechnung») und 1996 («Früchte des Zorns») haben Israel mehr gekostet als eingebracht. Der Armee gelang es nicht, ihre militärischen Ziele zu erreichen, da der Terrorismus nicht aus Libanon vertrieben wurde. Gleichzeitig dauerte die politische Kritik sowohl zu Hause als auch im Ausland an.
Andrerseits ist das Ausbleiben einer Antwort auf Angriffe ein Zeichen der Schwäche, die geradezu zu mehr Gewalt aufruft; die Zwischenfälle und das Ausmass der Konflikte nehmen zu. Warten die Entscheidungsträger mit ihrer Antwort zu lange, steigen die Kosten des Aktions-Reaktions-Zyklus. Im Balkan, ganz speziell im Kosovo, zögerte die Nato lange, bevor sie mit den Bombardierungen begann. Dieses Zögern gestattete den Serben, Hunderttausende von Kosovaren zu terrorisieren, und hätte Präsident Milosevic beinahe davon überzeugt, dass die USA und die Nato sich weiter ducken und einer militärischen Konfrontation aus dem Wege gehen würden.
Aehnlich schuf Israels Zögern angesichts der in den letzten Monaten eskalierenden Hizbollah-Attacken im Libanon ein Gefühl der Immunität, und viele Führer in Beirut waren ganz offensichtlich überrascht von der Heftigkeit des israelischen Vergeltungsschlags. Hätte die Abschreckung funktioniert, hätten die Libanesen und ihre syrischen Herren rechtzeitig begriffen, dass Israels Vergeltung heftig sein würde, und sie hätten alles daran gesetzt, die Hizbollah zu bremsen. Die Abschreckung versagte aber, und die Kosten für alle waren sehr hoch. Der Schlüssel zu einer wirksamen Abschreckung liegt in der Fähigkeit, diplomatische, politische und militärische Faktoren sorgfältig gegeneinander auszubalancieren. Die Abschreckung ist ein Prozess, und manchmal verhindert das Fehlen einer politischen Unterstützung eine Reaktion auf einen kleinen Angriff. Wenn die diplomatischen Hindernisse ausgeräumt sind und niemand an der Berechtigung einer Antwort zweifelt, müssen dann aber nach einem weiteren Angriff die militärische Reaktionen rascher erfolgen und intensiver sein. Hätte Israel auf frühere Raketenangriffe gegen Zivilisten reagiert, so hätte die Botschaft vielleicht mit geringerem Schaden für die libanesische Infrastruktur an den Mann gebracht werden können. Nachdem aber infolge zusätzlicher Angriffe der Hizbollah der Druck zugenommen hatte, konnte Israel die Abschreckung nur wiederherstellen, indem es in Beirut die Lichter auslöschte. Diese Eskalation bereitete der jüngsten Kriegsrunde ein unvermitteltes Ende, ohne gleichzeitig eine weitere Eskalation oder diplomatische Isolierung auszulösen.
Die Frage ist, ob es sich um eine vorübergehende Ruhepause handelt, während welcher sich Iran und Syrien mit Nachschub versorgen und auf eine neue, noch tödlichere Runde vorbereiten, oder ob sich tatsächlich ein Ausweg aus dem libanesischen Sumpf abzeichnet. Ein israelischer Rückzug aus Südlibanon ist mehr als nur das Verlassen von Festungen und das Überqueren einer Grenze. Die erste Phase in jeder stabilen und langfristigen Regelung in Libanon ist die Wiederherstellung der israelischen Abschreckungskraft. Terroristenangriffe durch die Hizbollah oder irgendeine andere Gruppe von Libanon aus können nur verhindert werden, wenn die dadurch entstehenden Kosten für Syrien und Libanon zu hoch sind.
In den letzten 50 Jahren hat Israel auf militärische und terroristische Bedrohungen aus Ägypten, Jordanien und von anderen Quellen her mit Gewalt reagiert. Zeitpunkt und Ausmass der angewandten Gewalt waren zwar nicht immer optimal, doch das übergeordnete Ergebnis war die Schaffung der Abschreckung und relativer Stabilität, inkl. Friedensverträgen. Libanon ist heute die einzige aktive Quelle des gegen Israel gerichteten Terrorismus. Ein Ende des Konfliktes mit Libanon ist überfällig. Der letztwöchige Luftangriff gegen Ziele in Libanon hat mehr als irgendein anderes Ereignis oder sonst ein Faktor in den vergangenen drei Jahren geholfen, die Szene für den Rückzug israelischer Truppen vorzubereiten, ohne dass Instabilität geschaffen und mehr Terrorismus provoziert würden.
Der Schlüssel liegt in der Aufrechterhaltung der Abschreckung, die auf einem vorsichtig ausgeloteten Gleichgewicht diplomatischer und politischer Faktoren basieren muss.

©Jerusalem Post





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