Schleichend, aber nachhaltig
Die Jagd nach dem Schatz am Ende des Regenbogens, die Suche nach einer dem Protagonisten und Antihelden - unverkennbar jüdischer Ausprägung - Daniel Löw legitim zustehenden, kaum erreichbaren Erbschaft kennzeichnet den Plot des Buches. Daniel, in London lebender, mässig erfolgreicher Dichter, bemüht sich nach Caracas, um das Erbe seines verstorbenen Onkels zu übernehmen - und gerät dort gleich zu Beginn mitten in einen anlaufenden Staatsstreich. Dieser ist aber nicht das einzige, was ihm zum monetären (und auch sonstigen) Glück im Wege steht. Eine abenteuerliche Irrfahrt beginnt, in deren Verlauf phantomgleich vermeintliche Freunde und Helfer das ihre dazu beitragen, Daniel, den Blauäugigen, den Hoffnungsvollen, den Unbeholfenen, aber auch Daniel, den Unverzagten bei seinen Bemühungen um Erlangung von Wohlstand und Erfüllung seiner Träume zu behindern. Reminiszenzen an den verstorbenen Onkel, Flashbacks in ein Leben der Durchschnittlichkeit und gemässigten Perspektive, das Daniel bis dato beschieden war, zeichnen in feinen Linien das Bild einer zwar problembehafteten, aber unzerbrochen aufrechten und unverdrossen hoffnungsgetriebenen Identität nach.
Peter Stephan Jungk brilliert mit «Die Erbschaft» in der Königsdisziplin der Nachvollziehbarkeit der Persönlichkeitstruktur. Sein Daniel Löw weist ein provokantes Identifikationspotential auf, einladend sicher nicht nur für Nachkommen von Holocaust-Opfern, die auf der Suche nach Vermögenswerten ihrer Verstorbenen jahrelang Energie und Zeit verschleissen mussten, nur um sich immer wieder vor Gummiwänden und geschlossenen Türen wiederzufinden. Sondern einladend auch für alle, die schon durch die Frustrationen eines nicht erreichbar scheinenden, ihnen zustehenden Rechts gegangen sind. Könnten Leser in die Handlung eines Buches eintreten, würde der arme Daniel wohl des öfteren an den Jackenaufschlägen gepackt und geschüttelt - genau so, wie man sich selbst oder andere immer wieder schütteln möchte- Die hervorragende Skizzierung der immer wieder überhand nehmenden Resultatlosigkeit seiner Anstrengungen, seiner repetitiven Vertrauensseligkeit ist für diesen Effekt genau so massgeblich wie diejenige seiner leicht verträumten, hoffnungsvollen Zuversicht. Mit dieser Figur und ihrem Umfeld hat Peter Stephan Jungk sensibel Raum geschaffen, in dem man sich unversehens streckenweise wiederfinden wird.
Wenn auch die Handlung nicht spektakulär ist und bei näherer Betrachtung mit eher minimalistischen Bewegungen auskommt, ist doch das Buch an sich ein Spektakel, das in Bann schlägt. Verantwortlich dafür ist Jungks grossartige Fähigkeit, mit Worten in filigranen Pastelltönen ein leuchtendes Bild zu schaffen, die fast unlimitierte ästhetische Macht seines Ausdrucksvermögens, die er auch in seinen früheren Werken schon bewiesen hat. «Die Erbschaft» ist ein Buch, das bei Leserin und Lesern mit seinen feinen Tönen und Untertönen schleichend, aber nachhaltig wirkt!


