Schindluder von der Knesset bis zum KH
«Drei Juden wurden im Jemen ermordet, nachdem die jemenitischen Behörden sie der Zusammenarbeit mit Alijah-Gremien in Israel verdächtigten.» Mit dieser vermeintlichen Sensationsmeldung wartete letzte Woche ein gewisser Moshe Nahum vor der Knessetkommission für Einwanderer und Absorption auf. Die sonst als seriös und dem Boulevard-Journalismus abholde Zeitung «Haaretz» übernahm die Äusserung im vollen Wortlaut. Sie vergass auch nicht, Nahums Titel «Vorsitzender der Föderation jemenitischer Juden» zu erwähnen. Stante pede folgte der Keren Hajessod der Schweiz dem Vorbild des «Haaretz» und brachte am 22. März die Story in seinem Info-Letter «Solidarität aktuell».
Wer sich die Mühe nimmt, den Fakten auch nur oberflächlich auf den Grund zu gehen, dem präsentiert sich sehr rasch ein wesentlich anderes Bild. Es beginnt damit, dass Moshe Nahums Organisation von niemandem als vom Vorsitzenden selber und einer handvoll Getreuen anerkannt ist, dass der israelisch-kanadische Doppelbürger Nahum seit seinem in frühester Jugend erfolgten Wegzug aus Jemen sein Geburtsland nie wieder besucht hat, und dass er sich in seinen Bemühungen um die im Jemen verbliebenen Juden seit langem vor allem darauf konzentriert, Greuelmärchen über angebliche Verfolgungen und Notsituationen seiner Glaubensbrüder in «Arabia Felix» zu verbreiten. Die Art der Aktivität des Herrn Nahum ist den zuständigen Stellen in Israel, u.a. der Jewish Agency, bekannt. Umso erstaunlicher die Tatsache, dass ihm der Auftritt vor der Einwanderungskommission der Knesset gewährt wurde.
Nun zu den drei angeblichen Mordfällen. Vor kurzem starb nach einem Sturz in einer öffentliche Badeanstalt im Jemen der knapp 35-jährige Ezra Nahari. Flugs machten Nahum und seine Leute sich den tragischen Unfall zunutze und konstruierten daraus ein gegen die Immigration nach Israel gerichtetes Verbrecher jemenitischer Kreise. Aus Ezra Nahari einen Alijah-Aktivisten zu machen, ist etwa gleich hirnrissig, wie dem Schreibenden Talente bei der Einstudierung einer Raubtiernummer mit Löwen und Ameisen attestieren zu wollen. Vor einigen Monaten hatte Nahari Frau und Kinder in Rechovot (wo man übrigens der Mord-Version keinen Glauben schenkt) verlassen, war nach Jemen zurückgereist, wo er sich nicht nur (vergeblich) um eine Kandidatur bei den dortigen Parlamentswahlen bemühte, sondern gleich noch eine weitere Frau ehelichte. Tugenden, die wohl schlecht vereinbar sind mit den Charaktereigenschaften eines Alijah-Aktivisten.
Der zweite Fall liegt schon mehrere Jahre zurück. In der Ortschaft Ghuras bei Sad’ah im Norden Jemens wurde der Jude Yichje Boni erschossen. Bereits einige Monate zuvor war der Mann bei einem missglückten Mordanschlag angeschossen und verwundet worden. Die Motive für die Tat waren aber nicht angebliche Alijah-Aktivitäten des Opfers, sondern der Streit zwischen ihm und seinen Nachbarn um ein paar Häuser. Wie Yichje Boni zur Einwanderung nach Israel stand, lässt sich etwa daran ablesen, dass er bis zu seinem Tode jeglichen Kontakt mit seinem Sohne abgelehnt hatte, nachdem dieser mit Frauen und Kindern nach Israel gereist war. - Über den dritten angeblichen Fall liegen keine näheren Informationen vor, doch muss schwer angenommen werden, dass er ebenso wenig mit der Arbeit von Juden im Jemen für die Immigration nach Israel zu tun hat, wie die beiden hier geschilderten.
Wenn eine Person wie Moshe Nahum versucht, sich mit Ammenmärchen populär zu machen, ist das sein legitimes Recht. Niemand ist schliesslich verpflichtet, ihm seine Geschichte abzukaufen. Schon bedenklicher aber ist es, wenn die Knessetkommission für Einwanderung und Absorption einem Mann wie Nahum ein Podium offeriert, und wenn Funktionäre der Jewish Agency, die die Fakten doch eigentlich kennen sollten, den Sitzungssaal nicht augenblicklich verlassen, bzw. die Entfernung Nahums gefordert haben.
Dass eine Zeitung wie der «Haaretz» Nahum auf den Leim kriecht, ist fast so bedauerlich wie der Fakt, dass der Keren Hajessod Schweiz versucht, mit einer so geballten Ladung an Unwahrheit bei Spendern und Sympathisanten Solidarität zu generieren. Von der Knesset bis zum KH ist sich wohl niemand der Tatsache bewusst, dass der eine wie der andere mit seinem Verhalten bzw. dem unbesehenen Nachbeten nicht überprüfter Berichte nur zweierlei mitverursacht: Erstens wird die ohnehin schon schwierige und mitunter gefährliche Arbeit jener Menschen noch weiter erschwert, die sich abseits von Medien und Scheinwerferlicht tatsächlich um die Juden im Jemen kümmern, und zweitens bietet eine solche Kette unverantwortlicher Zeitungsartikel und Solidaritäts-Aufrufe vielen Offiziellen im Jemen einen willkommenen Vorwand, um die ohnehin schon unterkühlten Beziehungen zu Juden und zum Staate Israel noch weiter abzubauen.
Information ist notwendig, Desinformation ist überflüssig und gefährlich, auch wenn sie im (vermeintlichen) Dienste der Solidarität geschieht.


