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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Rote Zahlen jenseits der «grünen Linie»

von Yair Sheleg, October 9, 2008
Je länger die so genannten El Aqsa-Intifada andauert, umso stärker betroffen wird die wirtschaftliche Struktur der Siedler in der Westbank und im Gazastreifen. Viele Leute können ihre Arbeitsplätze in Israel oft nicht erreichen, der Tourismus hat aufgehört zu existieren, palästinensische und ausländische Arbeitskräfte bleiben fern und der Maschinenpark in den Fabriken leidet zusehends. Mit einer Kompensation aber dürfen die Siedler im Allgemeinen nicht rechnen.
Siedlungen: Zunehmender Wirtschaftsdruck, wachsende Isolierung. - Foto Keystone

Bis anfangs November arbeitete R., die in einer Siedlung westlich von Ramallah in der Westbank wohnt, als Lehrerin in einer Primarschule in einer jüdischen Ortschaft im Osten von Ramallah. Zweimal täglich musste sie durch eine Anzahl arabischer Dörfer fahren. Die Unruhen der letzten zwei Monate liessen sie zusehends an der Opportunität ihrer Arbeit zweifeln. «Die Strasse, die uns in einer halben Stunde zur Schule führte», sagt sie, «war blockiert. Das zwang uns, die Strasse Jerusalem-Modi’in zu benutzen, was anderthalb Stunden Fahrt in jede Richtung bedeutete. Dann wurde es auch auf den Strassen in der Nähe der Siedlungen immer gefährlicher. Sogar wenn man einen gepanzerten Bus benutzt, der vom Militär eskortiert wird, muss man immer warten, bis die Eskorte eintrifft. Dabei muss ich rechtzeitig zuhause sein, um meine Kinder von der Schule und dem Kindergarten abzuholen.» Inzwischen hat R. ihren Job aufgegeben. «Mit der in dieser schwierigen Zeit noch wichtigeren Erziehungsarbeit aufzuhören, war nicht leicht», sagt sie, «und ich hätte es nie getan, hätte ich nicht gewusst, dass Ersatz für mich da ist. Allerdings bedaure ich meine Entscheidung nicht, denn die Spannung war einfach zu gross für mich. Ich weiss aber, dass einige meiner Freunde mich für das, was sie Schwäche nennen, kritisieren werden.» Aus diesem Grund wollte R. nur unter dem Schutz der Anonymität sprechen.

Einschneidende Veränderungen

Was mit R. geschah, ist ein Beispiel für eine weniger bekannte Seite der so genannten El Aqsa-Intifada: Der Einfluss des Geschehens auf die Siedler. Deren Leben ist extrem beeinträchtigt worden, ebenso wie das Funktionieren von Institutionen und Organisationen. Pinchas Wallerstein, Vorsitzender des Regionalrates Binjamin, berichtet, dass er und die Wohlfahrtsabteilung seines Rates von Hilfsgesuchen von Leuten, deren Lebensunterhalt gefährdet ist, direkt überschwemmt werden: «Angestellte, die in Jerusalem arbeiten, finden es zusehends schwierig, an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Das stärkt ihre Angst vor einer Entlassung.» Wallerstein zitiert weitere Beispiele: «Fabriken, deren Lieferanten und Kunden nicht mehr zu ihnen kommen können, Privatpersonen oder Industriebetriebe, die auf eine Reparatur angewiesen sind, doch die Techniker können bzw. wollen nicht kommen.» Yisrael Samutani berichtet von einer anderen Schwierigkeit. Er besitzt in der Siedlung Elon Moreh bei Nablus einen Betrieb der Fleischverarbeitung. Weil Lieferanten und Arbeiter «einfach Angst haben, zu kommen», hat er die meisten Produktionslinien stillgelegt. Er versucht, sich zu arrangieren. Betriebe ausserhalb der Gebiete, wie etwa Tirat Tvi, gestatten ihm bis zur Normalisierung der Lage die Benutzung ihrer Produktionslinien. «Trotz allem», sagt Samutani, «betreiben wir einen kleinen Teil unserer Produktion, vor allem in der Abteilung Gefrierfleisch, in unserer Fabrik. Mein Partner und ich haben die Ärmel hochgekrempelt und arbeiten nun selber in der Produktion.» Trotz all diesen Bemühungen aber ist die Produktion um 30% gesunken, nachdem man noch in diesem Jahr 350 000 Shekel in ein neues Kühlsystem investiert hatte. - Samutani selber lebt nicht in der Siedlung, sondern in Tel Aviv: «Ich ging nicht aus politischen Gründen nach Elon Moreh, sondern weil die Regierung Israels mich dazu ermutigt hatte. Jene, die mich angehalten haben, dorthin zu gehen, sollen nun auch Vorschläge zur Lösung der entstandenen Probleme bringen.»
Der Tourismus hat einen tödlichen Schlag erlitten. Laut Shlomo Filber, Generalsekretär des Siedlerrates, ging eine Investition von einer halben Million Shekel zur Anlockung israelischer Touristen während des Sukkot-Festes im Oktober flöten, weil die Armee Ausflüge in die Westbank untersagte. Daneben gibt es aber, vor allem in den religiösen Siedlungen, eine weitere Art des Tourismus: So genannte Midraschot (religiöse Schulen) offerieren dem religiösen Bildungswesen Ausflüge und Seminare. Yehuda German, Rektor der Midrascha in der Siedlung Ofra, meint dazu: «In einem normalen Jahr waren wir von Beginn des Schuljahres (anfangs September) bis Pessach voll besetzt, doch dieses Jahr sind alle Seminare nach Rosch Haschana annulliert worden. Voraussichtlich wird unsere Institution mindestens bis Ende Dezember keine Gruppen beherbergen können. Alles ist total leer.» German fügt hinzu, dass das Reinigungspersonal schon entlassen worden ist und dass vielleicht auch Mitarbeiter der organisatorischen Ebene ihre Stelle verlieren werden. «Wir sparen an allen Ecken und Enden», sagt er. «Jede noch so kleine Ausgabe muss von mir bewilligt werden. In der Hoffnung, irgendwie zu überleben, zögern wir Zahlungen an Lieferanten hinaus, doch wir machen uns grosse Sorgen.»

Massive Einbussen

Filber fasst die schlimmsten wirtschaftlichen Schäden wie folgt zusammen: «Der Tourismus, in den wir in den letzten Jahren stark investiert haben, ist zusammengebrochen. Im ersten Monat der Unruhen kam die Aktivität der Midraschot wegen des Ausflugsverbot zum Erliegen. Inzwischen darf man die Midraschot selber in militärischer Begleitung wieder besuchen, doch 50% der Gruppen annullieren ihre Reservationen immer noch, und der Schaden beläuft sich auf hunderttausende von Shekel pro Monat. – Die landwirtschaftlichen Exporte des Katif-Blocks haben bis jetzt Schäden von mehreren Millionen Dollar erlitten, sowohl wegen der Absenz der palästinensischen Arbeiter als auch wegen der Transportschwierigkeiten. Die Siedlung Netzarim, die normalerweise 25% der israelischen Cherry-Tomaten exportiert, war zehn Tage lang von der Umwelt abgeschnitten - ausgerechnet während der Erntezeit. Jeder, der Palästinenser in der Landwirtschaft beschäftigt, hat jetzt das Nachsehen, doch auch mit den thailändischen Arbeitern ist es nicht einfach. Die thailändische Botschaft in Tel Aviv warnt ihre Landsleute eindringlich vor dem Betreten des Gazastreifens.»
Pinchas Wallerstein fügt hinzu, dass die lokalen und regionalen Räte für Teile ihres Personals den Transport von einem Ort zum anderen organisieren müssen. Zum Personal zählen nicht zuletzt auch Sozialarbeiter, die vor allem in den Abendstunden arbeiten, wenn die Familie in der Regel zuhause ist. «Diese Leute fürchten sich nun, nach Einbruch der Dunkelheit von einer Siedlung zur anderen zu fahren. Wir wollen sie dazu nicht zwingen, und wir versuchen, den dieser Art von Arbeit zugefügten Schaden mit anderen Mitteln zu kompensieren.»

Die kollektive Tasche des Volkes

Eine Frage, die logischerweise häufig diskutiert wird, sind die staatlichen Kompensationszahlungen für die Schäden der Siedler, ähnlich der Hilfe, die Geschäftsleute im Norden nach den Katyusha-Angriffen aus dem Libanon erhalten haben. Wallerstein und Filber haben das Thema in Gesprächen mit Premier Barak und Vertretern des Finanzministeriums zwar angeschnitten, doch habe man keinen Druck ausgeübt, da Sicherheitsbelange, wie Filber meinte, im Vordergrund stehen würden. Die Regionalräte könnten sich, wie Wallerstein ergänzte, der Hilfsgesuche von Einzelpersonen und Firmen kaum noch erwehren. Bisher aber habe man ihnen nicht stattgeben können, und die Betroffenen versuchten, den Schaden zu minimieren. Der Ruf nach Kompensation werde, so betonte Wallerstein, zunehmen, je länger die Situation anhalte.
So wie die Dinge jetzt stehen, beabsichtigt die Regierung nicht, irgendjemanden zu kompensieren. Eli Yosef, Sprecher des Finanzministeriums: «Nicht nur die Siedlungen sind von der jetzigen Situation betroffen - die ganze Wirtschaft Israels leidet. Hotels und die Tourismusindustrie ganz allgemein wurden hart getroffen, und die Wirtschaftsaktivität des Landes generell stagniert. Zahlen wir den Siedlern eine Entschädigung, müssen wir die anderen gleich behandeln. Das heisst in anderen Worten: Wir müssen aus der kollektiven Tasche des ganzen Volkes nehmen, und die Wirtschaft, deren Wachstum wahrscheinlich um ein Prozent niedriger sein wird als erwartet, wird noch mehr Schaden nehmen. Wir können und wollen helfen, indem wir Arbeiter von einem Sektor zum anderen transferieren, oder etwa indem wir Arbeitslose in der Landwirtschaft oder auf dem Bau einsetzen. Wir denken auch an die berufliche Umschulung, da es sich hier um langfristige Strukturänderungen handelt. Von spezifischen, individuellen Fällen aber abgesehen, werden wir keine allgemeinen Kompensationen entrichten.»

Haaretz





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