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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ringen um fragile Fluchtwege

von Samuel Laster, October 9, 2008
Ein gross aufgemachter Bericht der Boulevardzeitung «Yedioth Acharonot» von Freitag letzter Woche schlug hohe Wellen zwischen Wien und Jerusalem. Die Korrespondentin des Blattes, Lilly Bergmann, berichtet über aus dem Iran in Wien befindliche Juden, die im «Armenviertel der Stadt hausen, verwahrlost und von Krankheiten gezeichnet». Hauptangriffspunkt des Artikels sind die Chassidim von Satmer, die als streng antizionistisch gelten. Die Affäre mündete zuletzt gar in einer Anfrage der Knessetabgeordneten Naomi Blumenthal.
Holpriger Fluchtweg für iranische Juden. - Foto KY

Nach widersprüchlichen Berichten versuchte die JR in den letzten Tagen die Mauer des Schweigens um die Juden aus dem Iran zu brechen. Der Bericht in «Yedioth Acharonot» wird von «Raw Tov», der Organisation der Satmer Chassidim, als unrichtig kommentiert. Die Leopoldstadt, das traditionelle Viertel der Juden in Wien als Armenviertel zu bezeichnen, sorgte zumindest bei den Verantwortlichen der jüdischen Gemeinde an der Donaumetropole für Heiterkeit. Andere Organisationen wie «Joint» oder «Hias» wollen oder können die Arbeit von «Raw Tov» nicht kommentieren. Das Gebet in der Wiener Synagoge ist von Juden aus dem Iran gut frequentiert. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, mit den Auswanderern Kontakt zu bekommen.Viele haben Familie im Iran sind sehr vorsichtig im Umgang. Die Juden reisen offiziell aus dem Iran aus und werden in der Regel von «Hias» oder «Joint» betreut. Einen Teil der Juden übernimmt «Raw Tov». «Yedioth Achronot» behauptet, Spendengelder für diesen Zweck würden ihr Ziel nicht erreichen. Die JR konnte bei den Recherchen allerdings keinerlei Hinweise für diese Behauptung finden.
Österreich hat eine lange Tradition als Fluchthafen für Juden in Not. In den siebziger Jahren wurden tausende Auswanderer aus der Sowjetunion durch die Alpenrepublik nach Israel gebracht.
Dieser Weg wird auch unter der Regierung der «Schwarz-blauen» des Kanzlers Wolfgang Schüssel fortgesetzt. Seit der Machtübernahme von Khomeini im Iran waren es mehr als 120 000 Juden, die meist in den Vereinigten Staaten Zuflucht suchten. «Bisher gab es keine Beschwerden, warum gerade jetzt?» fragt Kosher-Caterer Shalom Bernholtz, der die «Szene» bestens kennt. Wohl gab es kleine Ungereimtheiten, die durch einen Personalwechsel bei Raw Tow hervorgerufen wurden. Die Offiziellen der jüdischen Gemeinde sind sehr zurückhaltend und um Schadensbegrenzung bemüht. Ein mühsam errungenes «Modus Vivendi» ansonsten verfeindeter Richtungen wird in Wien aufrechterhalten.Daran wird ein nachlässig recherchierter Zeitungsbericht nicht viel zu ändern vermögen. Bei humanitären Fragen scheint es einen versteckten Konzensus der Vernunft zu geben.





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