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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ressentiments eines palästinensischen Intellektuellen

von George Szpiro, October 9, 2008
Die Bir-Zeit Universität in Westbank ist eine Kaderschmiede für die angehenden Führer der palästinensischen Gesellschaft. Bei einem Pressegespräch erging sich dessen Präsident in Klagen gegen die israelische Besetzung, während er Verfehlungen des jetzigen Machthabers, der palästinensischen Behörde, fast völlig ausklammerte.
Universität «Bir-Zeit»: Steine für Frankreichs Premier Lionel Jospin als Zeichen des Unmuts. - Foto Keystone

Die über die Grenzen hinaus bekannte Bir-Zeit Universität in der Nähe von Ramallah in Westbank ist eine höhere Lehranstalt der Palästinenser von Format. Dieser Tage empfing Hana Nasr, der Präsident der Lehranstalt, einige Vertreter der Auslandspresse zu einem Gespräch. Der elegante und wortgewandte Herr preist seine Institution als aufgeklärte, progressive Institution an, in der Rede- und Meinungsfreiheit die höchsten Werte darstellten. Er sehe es als Aufgabe der Hochschule an, den angehenden Führern der palästinensischen Gesellschaft liberale Werte mitzugeben, sie in Toleranz zu üben und ihnen die demokratischen Spielregeln beizubringen. Dazu gehörten auch die Studentenwahlen, bei denen - sehr zum Unwillen der Administration - Jahr für Jahr die Vertreter der islamischen Front obenausschwängen. Die Universität von Bir-Zeit sei eben eine hochpolitisierte Lehranstalt, meinte Nasr, und damit gleitet das Gespräch in eine einzige lange Klage gegen die israelischen Besetzungskräfte ab.

Beschwerlichkeiten

Bir-Zeit liegt in der so genannten Zone B, in der Israel für die Sicherheit verantwortlich ist, während sich die palästinensische Behörde um die zivilen Angelegenheiten kümmert. Auf dem Gelände der Universität sind die Universitätsangehörigen vor Einmischung der Israeli in Lehr- und Forschungsbetrieb sicher, doch unterliegen die Studenten und Professoren bei Reisen empfindlichen Einschränkungen, da die nahegelegene Stadt Ramallah in Zone A liegt, dem autonomen Gebiet, während sich gewisse Strassen, die durch das Westjordanland führen, in Zone C, unter ausschliesslicher Kontrolle Israels, befinden. Trotz den dadurch entstehenden Beschwerlichkeiten kann die heute herrschende Situation nicht mit der Zeit der Intifada verglichen werden, wo Konfrontationen zwischen Studenten und Soldaten an der Tagesordnung waren und die Lehranstalt von den Besetzungsbehörden schon wegen geringen angeblichen Sicherheitsvergehen tage-, wochen- oder monatelang geschlossen wurde. Trotzdem macht Nasr die Israeli auch heute noch für alle Missstände verantwortlich. Dass der Universitätspräsident schwere Ressentiments gegen die ehemaligen Besetzungsbehörden hegt, die ihn während neunzehn Jahren aus seiner Heimat verbannt hatten, kann man ihm nicht verargen. Aber die ausschliessliche Fixierung auf Israel als Grund für alle Übel, die bei so manchen Intellektuellen in arabischen Ländern zu beobachten ist, erweist der Sache des angehenden palästinensischen Staates einen schlechten Dienst.
Nasr meint, dass die Stimmung unter der palästinensischen Bevölkerung heute schlechter sei als vor sechs Jahren, als die Verträge von Oslo unterzeichnet wurden. Damals war man voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft, doch seither habe sich allenthalben Frustration eingestellt. Nun sei die Mehrheit der Palästinenser gegen die Friedensgespräche und gegen die Verträge mit Israel. Als mögliches Resultat der jetzigen Verhandlungen sieht Nasr nicht die Separierung zweier Völker in ihre eigenen Staaten voraus, sondern die Bildung eines Bantustans, eines Apartheit-Regimes. Über kurz oder lang würde der Missmut überborden, und es könnten Ausbrüche der Wut stattfinden, prophezeit Nasr. Zuweilen gibt er sich etwas friedlicher. Voraussetzung für ein künftiges Zusammenleben sei eine formelle Entschuldigung Israels. Die Animositäten könnten ja nicht auf ewig beibehalten werden, und die Universitäten müssten bei der Versöhnung eine wichtige Rolle spielen. Doch für den Moment lehnt der Universitätspräsident solche Initiativen ab. Nie habe ein besetztes Volk Brücken zur Besatzungsmacht geschlagen, meint Nasr, und auch die Inangriffnahme gemeinsamer Projekte, zum Beispiel auf dem Gebiete der Forschung, seien zurzeit unmöglich.

Der Stimmung des Volkes folgend

Fragen, die die Beziehungen der Universität zu den jetzt herrschenden palästinensischen Behörden betreffen, weicht Nasr immer wieder aus. Deren Verfehlungen verharmlost er, Delikte wischt er unter den Teppich, um dann sofort wieder auf das Unheil der israelischen Besetzung zurückzukommen. Die kürzliche Inhaftierung von sieben Studenten der Universität durch den palästinensischen Geheimdienst erwähnt er mit keinem Wort. Allerdings existiert auf dem Campus ein Zentrum für Menschenrechte, das auch unter palästinensischer Herrschaft aktiv ist. Als Beispiel für dessen Aktivitäten führt Nasr den Fall an, als die Universität vor Gericht ging, um die Freilassung islamischer Studenten zu erwirken, die von der palästinensischen Polizei ohne Anklage inhaftiert worden waren. Auch auf eine Episode, als ein extremistischer Student einmal aus Protest die Attrappe eines israelischen Autobusses anzündete, kam der Universitätspräsident zu sprechen. Der Student wurde von der Universität gewiesen.
Aber auch nach solchen Äusserungen gleiten die Ausführungen sofort wieder in Anklagen gegen Israel ab. Nasr betont, dass er nicht emotionell sein wolle und dass seine Klagen bloss die Stimmung der Bevölkerung widerspiegelten. Dass die Intellektuellen eines Landes aber eine Vorreiterrolle einnehmen müssten und das Volk führen könnten, statt sich von dessen Instinkten und Vorurteilen leiten zu lassen, will ihm offenbar nicht einleuchten. Die Klagen sind zu einem grossen Teil gerechtfertigt, aber dem entstehenden Staat Palästina erweist Nasr einen Bärendienst, wenn alle Probleme auf die unrühmliche Rolle der Israeli abgeschoben werden. Das Waschen der eigenen Wäsche unter Ausschluss der (ausländischen) Öffentlichkeit stellt der Universität, die sich der Offenheit, der Demokratie und der Redefreiheit verpflichtet fühlt, kein gutes Zeugnis aus. Zu hoffen ist, dass der an allen Hochschulen der Welt wehende kritische Geist auch in Bir-Zeit überhand nehmen wird.





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