logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Rabbiner Niemand hat gewonnen

von Yves Kugelmann, October 9, 2008
Für die einen bedeutet es den nahenden Untergang der IGB, für die anderen die Chance: das Absolute Mehr hat die offiziellen Rabbinerkandidaten am vergangenen Sonntag geschlagen. Nicht vordringlich die Unzufriedenheit mit den Kandidaten hat dazu geführt, sondern die falsche Strategie des Gemeindevorstands. Das kategorische Nein zum formellen Dialog hat die Opposition in den Bann gezogen und eine zu verhindernde Eigendynamik etabliert. Somit stehen der IGB in den nächsten Monaten strapaziöse Grundsatzdiskussionen ins Haus. Wichtige Traktanden werden angesichts einer neuen Rabbinerrunde auch weiterhin hinten anstehen müssen. Und ein neuer «Kandidat» wird zum Kronfavorit: Rabbiner Israel Meir Levinger.
Wahlsonntag in der IGB: Ausser Spesen nichts gewesen? - Fotobyline in der JR Rettung für die IGB? Rabbiner Levinger. - Foto JR

Eigentlich hat Rabbiner Joël Jonas die Rabbinerwahlen vom letzten Sonntag gewonnen. Wäre da nicht die Hürde des absoluten Mehrs. Denn mit 43,1% hat er mehr Stimmen gemacht als der Zweitplazierte: der brachiale Anteil von 33,1% Leereinlegern. «Ich stehe weiterhin als Kandidat zur Verfügung», meinte ein besonnener Rabbiner Jonas am Dienstag gegenüber der JR. Enttäuscht sei er nicht über das Resultat. Er freue sich sogar, auch im zweiten Wahlgang eine Mehrheit hinter sich vereint zu haben. Rabbiner Bokov kommentiert die Rabbinerwahlen gegenüber der JR deutlich: «Die Zahlen sprechen für sich», und meint damit, dass sich die Mehrheit für Rabbiner Joël Jonas ausgesprochen hätten. Offen gesteht er ein, dass er nach seinem zweiten Besuch in Basel vor rund vier Wochen mit mehr Stimmen gerechnet habe. Kritik übt er an den Leereinlegern. Ob er weiterhin als Kandidat zur Verfügung stehe? «Ich zweifle daran.» Zuerst möchte er aber noch einige Tage Bedenkzeit haben. Bis zum 2. April muss er dem Vorstand seine definitive Entscheidung mitteilen. «Ich bin sehr traurig für die IGB. Denn es wäre wichtig gewesen, dass die Gemeinde nun einen Rabbiner gewählt hätte.»
Einen Bärendienst haben sich die Leereinleger der IGB der Gemeinde im zweiten und letzten Wahlgang zu den Rabbinerwahlen nicht erwiesen. Aber sie haben auf etwas aufmerksam gemacht, das wohl wichtiger als die Rabbinerfrage ist, den Rabbiner langfristig aber nicht ersetzen kann: Dass es ohne Dialog in einer Einheitsgemeinde nicht geht, die Unterdrückung desjenigen irgendwann die Retourkutsche bringt. Auch nur mit ein wenig Weitsicht wäre dieser Wahlausgang und die Unruhe in der Gemeinde zu verhindern gewesen. Partout verhinderte er aber alle Aufforderungen zum Dialog. Zwar fanden bilaterale Gespräche zwischen Rafiko, IG IGB und Ofek statt. Das Nichteintreten auf die Forderung der Interessensgruppen hat die Atmosphäre jedoch eher verschärft als gemildert.
Über zwei Jahre hat die Israelitische Gemeinde Basel auf die Erkenntnis verwendet, dass letztlich die Stimme des «Volkes» nicht einfach mir nichts dir nichts übergangen werden kann. Man kann es drehen und wenden wie man will, die Mitglieder der IGB haben mit dem Entscheid vom Sonntag zwar den Rabbiner verhindert, damit aber die schwache Gemeindeführung gemeint.

Enttäuschung bei Offiziellen

Der Präsident der Rabbinerfindungskommission, Daniel A. Rothschild, findet es bemerkenswert, dass rund 70% der Gemeindemitglieder sich für einen der beiden offiziellen Kandidaten entschieden hätten. «Ich bin enttäuscht, dass kein Rabbiner gewählt wurde.» Und er bedauert auch, dass die Kandidaten über Monate hinweg hingehalten werden mussten, aber immer noch keiner gewählt wurde. Die bestehende Rafiko, so Rothschild, steht für eine weitere Mitarbeit nicht mehr zur Verfügung.
Rabbiner Bokov hat letztlich Rabbiner Jonas den Sieg gekostet. Denn trotz des aussichtslosen Resultats nach dem ersten Wahlgang hat sich Bokov entschieden, nochmals anzutreten. Ueli Bollag von der Interessensgemeinschaft IGB (IG IGB), die für die Wahl Bokovs plädierte, zum Vorwurf, diese Taktik bewusst gefördert zu haben: «Rabbiner Bokov war offizieller Kandidat der IGB. Es ist ein absolut demokratischer Vorgang, sich für einen der Kandidaten stark zu machen.»
Treibende Kraft hinter den «Leereinlegern» war die oppositionelle Ofek. In einem Communiqué von Montag betont Ofek: «Seit Beginn der Rabbinersuche hat sich Ofek für orthodoxe Rabbinerkandidaten eingesetzt, die religiösen Pluralismus innerhalb der Einheitsgemeinde tolerieren und als integrative Persönlichkeiten die vielfältigen Bedürfnisse innerhalb der IGB abzudecken vermögen. In beiden Wahlgängen hat ein Drittel der Wählenden durch Leereinlegen bekräftigt, dass keiner der Kandidaten diesem Profil entspricht.» Ofek spricht von «grosssem Engagement aller Kreise im Vorfeld der Rabbinerwahlen», das deutlich mache, dass die Gemeinde an einer kritischen Auseinandersetzung über Ausrichtung und Zukunft der IGB interessiert sei. Und Ofek fordert den IGB-Vorstand auf, «nun die im Vorfeld der Wahlen von breiten Kreisen der Gemeinde geäusserten Anliegen ernstzunehmen und umzusetzen. Das bedeutet zunächst, dass kein dritter Wahlgang mit nur einem Rabbinerkandidaten - dem Bestplatzierten Joël Jonas - forciert wird und dass eine breit angelegte, konstruktive Standortbestimmung eingeleitet wird, die Verbindendes betont und eine gesunde Zukunft der Einheitsgemeinde anstrebt.» Und zuletzt plädiert Ofek für den Einsitz in einer neuen oder erweiterten Rabbinerfindungskommission.

Wie weiter nun?

Nicht nur die Leereinleger, sondern auch veraltete Gemeindestatuten haben die Wahl eines Rabbiners verhindert. Denn diese sehen vor, dass auch im zweiten Wahlgang das absolute Mehr für eine Wahl notwendig ist. Darüber hinaus geben sie nur wenig Aufschluss über allfällige dritte Wahlgänge. Innerhalb der Gemeinde machen sich zurzeit vor allem juristisch bewanderte Taktiker Gedanken darüber, inwieweit im Rahmen der bestehenden Statuten doch noch eine Lösung herbeigeführt, gar eine Statutenänderung innert kurzer Frist angepeilt werden könne. Und ausserdem bestünde noch die Möglichkeit, dass der Vorstand einen der Kandidaten - in diesem Falle wohl Rabbiner Jonas - für einen weiteren Wahlgang beruft. Soweit die theoretischen Möglichkeiten. Praktisch wird von diesen aber keiner eine reelle Chance haben, numerisch und gemeindepolitisch Erfolg zu haben. Auch Daniel A. Rothschild sieht dies so: «Wir müssen nun innerhalb der Gemeinde einen Konsens finden. Es bringt nichts, irgendeine Lösung durchzuzwängen.» Keine Äusserung möchte er aber zu möglichen Szenarien der Zukunft machen.

Der Joker

Lange war es ruhig um IGB-Rabbiner Israel M. Levinger. Während der letzten Monate hielt er sich bezüglich der Rabbinerwahlen bedeckt und gab dazu keine Auskunft. Vor über zwei Jahren hat er die Debatte um einen neuen Rabbiner mit der Ankündigung ausgelöst, dass er demnächst nach Israel zurückkehren würde. Levinger, der nun seit 20 Jahren die religiösen Geschicke der IGB leitet, Mitglied der Europäischen Rabbinerkonferenz und weltweit gefragter Experte auf dem Gebiet der Kaschrutgesetze ist, äusserte sich nun erstmals gegenüber der JR: «Grundsätzlich bin ich bereit, als Rabbiner der IGB weiterzumachen. Die Bedingungen hierfür müssten aber zuerst mit dem Vorstand ausdiskutiert werden.» Was denn solche wären sagte Levinger nicht explizit, fügt aber an: «Sicher ist, dass ich nicht mehr 7 Tage pro Woche arbeiten werde.» Und er fügt hinzu: «Das Resultat ist keine Gefahr für die Zukunft der IGB.»

*****

IG IGB zur Rabbinerwahl

Die Israelitische Gemeinde Basel hat noch keinen Rabbiner gewählt. Die RaFiKo-Mitglieder stehen nach eigenen Aussagen für eine Fortführung ihrer Arbeit nicht mehr zur Verfügung. Dies ebnet den Weg für eine neue RaFiKo, in der die verschiedenen Strömungen der Gemeinde vertreten sind. Wir sind überzeugt, dass dieses Vorgehen innert nützlicher Frist eine für die Gemeinde optimale Lösung herbeiführen wird und werden die Rabbinerfindung tatkräftig unterstützen. IG GIB

*****

Philippe Nordmann

Kommentar

Gedanken zu den Rabbinerwahlen

Der bisherige Werdegang der Kandidaten, die über sie - aus allen möglichen Richtungen - eingeholten Referenzen und nicht zuletzt zahlreiche persönliche Kontakte in den letzten 18 Monaten haben aufgezeigt, dass sowohl Rabbiner Jonas als auch Rabbiner Bokov für die IGB geeignete und breite Kreise ansprechende Rabbiner darstellen. 67% der abstimmenden Gemeindemitglieder sind dieser Auffassung und haben für einen der beiden zur Wahl vorgeschlagenen Kandidaten votiert. Dennoch steht die IGB noch immer ohne Rabbiner da. Ich bedaure, dass viele Leereinleger die zahlreich angebotenen Gelegenheiten zum Kennenlernen der Kandidaten nicht genutzt und ihre (Nicht-) Wahl einzig aufgrund vom «Hörensagen» getroffen haben. Ich wünsche mir, dass die Leereinleger ihre Vorstellungen besser artikulieren und nicht wie bis anhin wenig aussagende Schlagworte wie «modern-orthodox», «offen» und «tolerant» in die Diskussion einwerfen. Zudem hoffe ich, dass es inskünftig zu weniger «Vorverurteilungen» von Kandidaten kommen wird.
Schliesslich haben die Wahlen auch aufgezeigt, dass die - erst 1982 revidierten und weltweit wohl einmaligen - Statuten im Zusammenhang mit den Rabbinerwahlen dringend revisionsbedürftig sind: Es kann nicht angehen, dass eine - theoretisch beliebig kleine - Minderheit die Wahl eines Rabbiners zu verhindern vermag. Allerdings halte ich es nach wie vor für sinnvoll, dass ein Rabbiner für die Wahl das absolute Mehr erreichen muss. Die Statuten sollten in dem Sinn revidiert werden, dass in einem dritten Wahlgang nur noch ein Kandidat gewählt werden kann, aber auch hier das absolute Mehr entscheidet.
Für die Zukunft der IGB erhoffe ich mir, dass vermehrt das Gemeinsame und weniger das Trennende in den Vordergrund gestellt wird.

Der Autor ist Mitglied des Vorstands und der Rabbinerfindungskommission der Israelitischen Gemeinde Basel.

*****

Das offizielle Resultat

Basel / JR. - Beim 2. Wahlgang am 18. März konnte erneut keiner der Kandidaten das absolute Mehr erreichen. Die Wahlbeteiligung belief sich auf 71,0% der Wahlbeteiligten. Rabbiner Joël Jonas erhielt 43,1% der Stimmen, Rabbiner Avigdor Bokov 23,8%. 33,1% der Wahlzettel wurden leer eingelegt. Mit dem Abschluss des 2. Wahlgangs ist die Tätigkeit der Rabbinerfindungskommission beendet. An einer Generalversammlung am 23. April möchte der Vorstand der IGB das weitere Vorgehen diskutieren. Nach einer Sitzung vom 2. April wird der Vorstand die diesbezüglichen Details bekanntgeben.

*****

Wahlaufruf für Rabbiner Jonas

Mit gegen 400 Stimmen hat Rabbiner Jonas ein respektables Resultat erzielt. Leider hat er das absolute Mehr knapp nicht erreicht. Trotzdem hat Rabbiner Jonas in beiden Wahlgängen jeweils mehr Stimmen auf sich vereinigen können als seinerzeit Rabbiner Levinger bei seiner Wahl und dies, obwohl die Gemeinde damals noch mehr Mitglieder zählte als heute. Dieser grosse Stimmenanteil zeigt klar, dass Rabbiner Jonas, anders als vor den Wahlen immer wieder behauptet, kein polarisierender Kandidat ist, der die Gemeinde spalten würde. Rabbiner Jonas ist vielmehr eine konsensfähige Persönlichkeit, die aus allen Kreisen der Gemeinde unterstützt wurde.
Trotz der diversen Aufrufe, alle Kandidaten zu streichen, haben sich auch im zweiten Wahlgang zwei Drittel der Wählerinnen und Wähler für einen der beiden Rabbinerkandidaten des Vorstandes entschieden. Dies ist ein klarer Hinweis, dass eine deutliche Mehrheit der Gemeindemitglieder den Rabbinerentscheid möglichst rasch herbeiführen möchte und nicht gewillt ist, noch einmal ein langwieriges Auswahlprozedere durchzuführen.Auf Grund dieser Mehrheitsverhältnisse hoffen wir, dass der Vorstand Mittel und Wege findet, die Rabbinerwahlen, unter Berücksichtigung der beiden verbleibenden Kandidaten, zu einem baldigen und positiven Abschluss zu führen.

Die Initianten des Wahlaufrufes für Rabbiner Jonas
Peter Lyssy,
Francis Nordmann,
Joel Weill


» zurück zur Auswahl