logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Psalmen, Schabbatlieder und stille Tränen

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Hartgesottene israelische Soldaten, Ärzte, Journalisten - keiner schämte sich der Tränen in den Augen. Einige begannen, Psalmen zu rezitieren, andere stimmten ein Schabbatlied an, wiederum andere hingen still ihren Gedanken nach, unfähig, sie zu Worten zu formen. Nach über 100 Stunden, die sie nach dem schrecklichen Erdbeben (vgl. JR Nr. 33) in den Ruinen des Wohnhauses im türkischen Ferienort Cinarcik zugebracht hatte, wurde das 9jährige israelische Mädchen Shiran Franco lebend geborgen.
100 Stunden nach dem Erdbeben gerettet: Israelische Soldaten retten die 9jährige Shiran Franco. - Foto israel army departement

Nachdem das katastrophenerfahrene israelische Team tagelang mit grösster Vorsicht vorgegangen war und den türkischen Wunsch nach Einsatz der grossen Bulldozer kompromisslos zurückgewiesen hatte, wurde die Arbeit am Samstagmorgen belohnt. Zuerst sahen die Retter einen kleinen, sich bewegenden Fuss. Darauf vergrösserte man die Öffnung im Beton, und es erschien eine Hand. Und kurz darauf die schwachen, aber klar verständlichen Worte auf Ivrit: «Helft mir». Zuerst allerdings wollte Shiran gar nicht ans Tageslicht gebracht werden. Sie schämte sich, weil sie nicht richtig angezogen war. Das Beben hatte ja mitten in der Nacht stattgefunden.
Vorsichtig benetzte Dr. Itzik Aschkenasy, der ärztliche Leiter des israelischen Rettungsteams, Lippen und Gesicht des kleinen Mädchens. Ihren Wunsch nach einer «grossen Cola» konnte er zunächst nicht erfüllen, da die Kleine nach über vier Tagen ohne Nahrung an Dehydrierung litt. Während die Retter Shiran auf den Transport ins Krankenhaus von Bursa vorbereiteten, wurde in unmittelbarer Nähe die Leiche ihres Zwillingsbruders Arieh geborgen.
Der Körper war noch warm. Vermutlich war Ariehs Widerstandskraft erst wenige Stunden vor der Rettung seiner Schwester gebrochen.

Trauer und Glück nebeneinander

«Ich weiss nicht, was ich eigentlich hier noch mache», meinte tonlos Shirans Mutter Iris Franco, «aber ich gehe nicht weg». Umgeben von Familienangehörigen, die aus Israel gekommen waren, sass sie in einem Kaffeehaus von Cincercik und starrte ins Leere. Iris hatte sich noch vor Ankunft der israelischen Suchteams aus eigener Kraft retten können, doch ihr Mann Itzik, die beiden Kinder und die Schwiegereltern blieben in den Ruinen des einst stolzen Appartmenthauses zurück und konnten nur noch tot geborgen werden. Am Samstagmorgen kurz nach 5 Uhr wurde Iris von ihrem Schwager geweckt. Es herrsche die Gefahr eines Nachbebens, meinte er und gab Iris eine Beruhigungspille. Erst nachdem er sich von deren Wirkung überzeugt hatte, eröffnete er der Mutter, dass die Tochter lebend gefunden worden ist.
Inzwischen ist Iris an der Seite ihrer geretteten Tochter nach Israel zurückgekehrt. Auch Dr. Aschkenasy («Ich möchte die Kleine adoptieren») war in der Maschine, flog aber nach wenigen Stunden wieder zu seinem Team in die Türkei. Iris weicht kaum von Shirans Bett im Sheba-Krankenhaus in Tel Haschomer. Das Mädchen, das anfangs glaubte, in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen zu sein, weiss gar nicht so richtig, was all die Reporter von ihr wollen, und warum sie soviele Geschenke und Briefe aus dem In- und Ausland erhält. Die Mutter achtet eisern darauf, dass ja niemand eine deplatzierte Frage stellt. Weinen darf sie nur, wenn sie das Krankenzimmer für kurze Momente verlässt.

Schwierige Wahrheit

Am Montag wurden Iris’ Mann, die Schwiegereltern und der Sohn unter Anteilnahme von Tausenden von Menschen in Kiryat Bialik zur letzten Ruhe gebettet. Gleichentags wurden vier weitere Israelis begraben, die das Erdbeben von letzter Woche nicht überlebt hatten. Auf Iris Franco wartete dann noch die schrecklichste aller Aufgaben: Sie musste Shiran eröffnen, dass die engste Familie jetzt nur noch aus ihnen beiden bestünde.





» zurück zur Auswahl