Protest aus Israel gegen Vatikanbesuch
Jörg Haider, der umstrittene Spitzenpolitiker der österreichischen Freiheitspartei, wird höchst wahrscheinlich am 16. Dezember im Vatikan von Papst Johannes Paul II empfangen werden, wenn er dem Vatikan einen vor langer Zeit bereits zugesagten Weihnachtsbaum überbringen wird. Die Aussicht eines solchen Treffens hat zahlreiche jüdische Gruppen auf die Barrikaden gebracht, und jetzt hat auch der Staat Israel offiziell vor den Konsequenzen dieses Unterfangens gewarnt. «Haider ist ein Politiker», heisst es in einer vom Jerusalemer Aussenministerium verfassten Erklärung, «den die aufgeklärte Welt in Bann gelegt hat. Wer einem Manne dieses Schlags Ehre erweist, der könnte, wenn auch unbeabsichtigt, eine falsche und unangebrachte Botschaft verkünden.» Das geplante Treffen würde die israelische Regierung enttäuschen und ihr Missbehagen verursachen.
Der Weihnachtsbaum, der während der ganzen Festzeit auf dem St. Petersplatz im Vatikan stehen wird, stammt dieses Jahr aus dem österreichischen Bundesland Kärnten, wo Haider Gouverneur ist. Über das Geschenk war man sich schon 1997, noch vor Haiders Machtantritt also, einig geworden. Als die FPOe vor einigen Monaten Mitglied der Wiener Koalitionsregierung wurde, reagierte die EU mit harten diplomatischen Sanktionen, während Israel seinen Botschafter aus Österreich abberief. Obwohl die EU ihre Sanktionen inzwischen wieder aufgehoben hat, fürchten jüdische und andere Beobachter, ein Rendez-vous Haiders mit dem Papst könnte zu einem Zeitpunkt, da nationalistische, fremdenfeindliche und neo-nazistische Aktivitäten in Europa im Zunehmen begriffen sind, der rechtsextremen Szene eine gefährliche Botschaft vermitteln. Man könnte das Treffen dahingehend interpretieren, dass der Papst nicht nur Haider Legitimität verleiht, sondern der rechtsextremen Ideologie gemeinhin. Darüber hinaus besteht nach Ansicht der genannten Beobachter die Gefahr einer weiteren Trübung des Verhältnisses zwischen Israel und dem Vatikan. Dieses Verhältnis ist bereits durch die im September erfolgte Heiligsprechung des antisemitischen Papstes Pius IX und durch ein Dokument belastet worden, in dem der Vatikan das Konzept zurückweist, wonach andere Religionen dem Katholizismus ebenbürtig seien. Ein Treffen des Papstes mit Haider würde nach Ansicht von Seymour Reich, dem Vorsitzenden des «International Committee for Interreligious Consultations», ein irreführendes Signal ausstrahlen, und dies zu einer Zeit, in der die «antisemitische Propaganda und Aktivität an vielen Stellen der Welt einen neuen Aufschwung» erleben würden. Reichs Bemerkungen sind in einem Brief an Kardinal Angelo Sodano, den Staatssekretär des Vatikans, enthalten. Sollte der Preis für einen Weihnachtsbaum, so schreibt Reich, in einem Treffen mit einem «extremistischen Demagogen» bestehen, wäre es für den Heiligen Stuhl angebracht, sich zu überlegen, ob der Preis nicht zu hoch ist.
JTA


