Premiere mit historischem Anstrich
Die Ankündigung vom Berlinbesuch Baraks machte Kanzler Gerhard Schröder im Rahmen einer Pressekonferenz aus Anlass des 60. Jahrestages der deutschen Invasion Polens. Dieser Schritt habe, so Schröder, zu «einem der schrecklichsten Verbrechen der deutschen Geschichte» geführt. Die Einladung an Barak sei, so meinte der erstmals von seinem provisorischen Hauptquartier in Berlin aus sprechende Kanzler, «mit einem Gefühl der Verantwortung verbunden, unsere Geschichte weder zu vergessen noch zu unterdrücken».
Die Einladung an Ehud Barak ist ein wichtiger Schritt für eine Verwaltung, die behauptet, das Deutschland der Nachkriegszeit zu repräsentieren. Immer mehr Deutsche wollen die Wolken des Weltkriegs von ihrem Bewusstsein entfernen, und Schröder, der mit 55 Jahren jünger ist als sein Vorgänger Helmut Kohl, hat schon mehrfach den Wunsch geäussert, eher in die Zukunft als in die Vergangenheit zu blicken. Äusserungen in diesem Sinne rufen immer wieder Beobachter auf die Szene, die befürchten, Deutschland könnte seine «Seele erneut verlieren», wenn Politiker, denen der Krieg noch gegenwärtig ist, durch andere ersetzt werden.
Schröder und seine Minister stellen hin und wieder aber Verbindungen zwischen den Erfahrungen der Vergangenheit und den Entscheidungen der Gegenwart her, auch wenn dies politisch nicht ungefährlich zu sein scheint. So schreckte Aussenminister Joschka Fischer seine Kollegen von der pazifistischen Grünen Partei auf, als er mit dem Slogan «Nie wieder Auschwitz» die militärische Verwicklung der BRD im Kosovo rechtfertigte. Im Juni sodann stimmte der Bundestag nach einer über zehnjährigen, oft heissen Debatte der Errichtung eines Holocaust-Denkmals in Berlin zu. Und Kulturminister Michael Naumann hat versprochen, für die Bewahrung von Stätten und Mahnmalen im Zusammenhang mit der Nazizeit doppelt so viele Mittel wie bisher zur Verfügung zu stellen.Und Bundespräsident Johannes Rau meinte letzte Woche, Kompensationszahlungen für Zwangsarbeiter seien ein notwendiges Element für künftige gute Beziehungen zwischen Polen und Deutschland. Rau machte die Bemerkung gegenüber dem polnischen Präsidenten Alexander Kwasniewski an dem Tag, an dem die Frist für die Schaffung eines Kompensationsfonds durch die deutsche Industrie abgelaufen ist. Kwasniewski hatte wiederholt seiner Enttäuschung über die Verzögerung Ausdruck verliehen. Die Gespräche über den Fonds sollen im Oktober wieder aufgenommen werden.
JTA


