Philanthropin wird jüdisches Gymnasium
Das im Jahr 1804 in Frankfurt (Main) von Siegmund Geisenheimer, dem Bürovorsteher im Bankhaus Mayer Amschel Rothschild gegründete Philanthropin wird schon bald zum Träger der liberalen jüdischen Reformbewegung. Neben dem Zentrum um Moses Mendelssohn in Berlin wurde nun auch Frankfurt zum Mittelpunkt der Haskala. Vom Philanthropin, deren Schüler längst aus allen Schichten der jüdischen Gemeinschaft kamen - die vermögenderen Eltern bezahlten Schulgeld, die Israelitische Gemeinde übernahm seit 1819 die Restfinanzierung -, gingen wichtige Impulse der Modernisierung des jüdischen Lebens aus. Isidor Kracauer lehrte hier, Isaak Markus Jos, Gustav Wertheim und Salo Adlo. Gottesdienste in deutscher Sprache halten, wie auch das Benutzen von Instrumenten waren Reformen, die weit über Frankfurt hinaus ihre Auswirkung hatten.
Insgesamt hatte die Schulausbildung im Philanthropin eine sehr hohe Qualität. International anerkannte Wissenschaftler unterrichteten in Fächern wie Mathematik, Physik, Biologie und Geographie. Latein wurde ebenso gelehrt wie auch moderne Sprachen. Ein Kindergarten war angefügt, sodass die Schüler vom Kindergarten bis zum Abitur hier ihre kontinuierliche Ausbildung erhielten. Wer nicht so gute Leistungen hatte, konnte von der 8. Klasse abgehen. Zusätzlich gab es ab den 20er Jahren eine einjährige Ausbildungsmöglichkeit für Frauen, die der Mädchenklasse des «Lyzeum’s» angegliedert war, in der Unterricht in allgemeinbildenden Fächern und in Hauswirtschaft gegeben wurde. Es gab eine Theatergruppe und ein Schulorchester und auch Diskussionsforen, in denen die Jugendlichen sich z.B. über «Problem des Judentums» Gedanken machten. 1939 fand die letzte Abiturprüfung statt. Dann wurde die Jüdische Gemeinde gezwungen, das Philanthropin an die Stadt Frankfurt zu einem Dumpingpreis zu verkaufen. Drei Jahre lang mietete die Gemeinde noch das Schulgebäude von der Stadt, bis im April 1941 auf Erlass der Reichsbehörde alle jüdischen Schulen aufgelöst und geschlossen wurden. Einigen wenigen Schülern und Lehrern war vorher bereits die Flucht nach England gelungen, die meisten jedoch wurden in Konzentrationslager abtransportiert und dort ermordet. Nach dem Krieg wurde die JRSO (Jewish Restitution Sucessor Organisator) Besitzer des Schulgebäudes und übertrug es dann 1954 der Frankfurter Jüdischen Gemeinde. Die jedoch verkaufte 1979 das Gebäude an die Stadt, um mit dem Erlös den Bau des neuen Gemeindezentrums finanzieren zu können. Jetzt, da durch die Zuwanderung kinderreicher jüdischer Familien die im Gemeindezentrum untergebrachte Grundschule zu klein geworden ist und der Ruf nach einem jüdischen Gymnasium immer hörbarer wurde, entschloss sich die Gemeinde nun zum Rückkauf. Mit Unterstützung des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt/Main ziehen demnächst wieder jüdische Kinder in ihr historisches Gebäude ein. «Damit», erklärte der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt einstimmig, wird «an die Kontinuität dieser traditionsreichen Schule wieder angeknüpft.»


