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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Papst Pius IX. und die Juden

von Ernst Ludwig Ehrlich, October 9, 2008
Es besteht die Gefahr, dass Papst Pius IX. (1846-1878) im September 2000 seliggesprochen wird. Kein Zweifel ist möglich, dass Pius IX. ein Antisemit war und einer der ersten, der kirchliche Judenfeindschaft mit dem politischen Antisemitismus verband. Deshalb formiert sich Protest gegen das Vorhaben .

Die Halutng Papst Pius IX. gegenüber den Juden war nicht gradlinig. So liess Pius IX. zu Beginn seiner Regierung im Jahre 1848 die Ummauerung des jüdischen Gettos in Rom niederreissen, doch bereits 1850 erneuerte er die Gettoisierung der Juden im Kirchenstaat. Damit stiess er die jüdischen Menschen Roms in eine Situation zurück, die es zu dieser Zeit in Europa nur noch im russischen Zarenreich gab. Er erneuerte die Diffamierungen der Juden, verbot die Ausübung der meisten Handwerksberufe, Besitz von Grund und Boden wurde ihnen untersagt, den Talmud liess er auf den Index der verbotenen Bücher setzen.
Diese politische Haltung fand den Abscheu der ganzen zivilisierten Welt in Westeuropa und den USA. International bekannt wurde die Judenfeindschaft Pius IX. auch durch die sogenannte Mortara-Affäre. Am 23. Juli 1858 drang ein Bologneser Polizeikommandant in das Haus der jüdischen Kaufleute Mortara ein und raubte deren sechsjährigen Sohn Edgaro, weil dieser angeblich Christ sei. Offenbar hatte vor Jahren eine Dienstmagd den Knaben heimlich taufen lassen, als dieser krank zu Bett lag und die Eltern nicht anwesend waren. Edgaro wurde nach Rom gebracht und dort christlich erzogen. Dieser Vorfall hatte eine internationale Entrüstung zur Folge. Gesteigert wurde sie durch die Tatsache, dass Pius IX. Edgaro Mortara adoptierte, als dieser 13 Jahre alt war. Später trat der junge Mortara als Novize in den Orden der lateranischen Kanoniker ein, wurde Mönch im Kloster San Pietro in Vinculi und nahm zu Ehren seines Adoptivvaters den Namen Pio an. Er wurde 1873 zum Priester geweiht und starb 1940. Protestnoten über diesen Menschenraub kamen von vielen jüdischen Gemeinden, diplomatische Demarchen aus England, Preussen, Frankreich und Österreich, ohne dass Pius IX. sich davon beeindrucken liess.
Erst im Jahre 1870, als der Kirchenstaat zu bestehen aufhörte, wurden die Juden von ihren Jahrhunderte langen Peinigungen erlöst. Dies aber war ein besonderer Anlass für Pius IX., um sich in Predigten und Reden zu hasserfüllten Tiraden gegen die Juden hinreissen zu lassen. 1873 wiederholte er seine Angriffe in einer noch schärferen, das ganze Vokabular antijüdischer Verketzerung aus Jahrhunderten enthaltender Weise. Der Antijudaismus alter Provenienz verschmolz endgültig mit dem Antisemitismus neuer Prägung, und die in Rom erscheinende Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica stand ihm darin nicht nach. Das war also Pius IX., den die katholische Kirche jetzt seligsprechen will, obwohl sein Judenhass endlich bekannt sein sollte. Über Weiteres von ihm, woran Katholiken und Nichtkatholiken Anstoss nehmen, soll hier nicht die Rede sein. Die Beziehung zwischen Juden und Katholiken in der Welt hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stetig zum Guten entwickelt. In den letzten Jahrzehnten hat gerade Papst Johannes Paul II. Wesentliches dazu beigetragen. Eine Seligsprechung von Pius IX. würde das Verhältnis zwischen Juden und Katholiken in einer unterträglichen Weise belasten und insbesondere alles in Frage stellen, was die Kirche in den letzten Jahrzehnten an Positivem erreicht hat. Hier steht die Glaubwürdigkeit des Papstes und seiner Kirche auf dem Spiel. Eine Seligsprechung Pius IX. würde ein Band zerstören, an dem Juden und Katholiken gemeinsam Jahrzehnte lang mühevoll gearbeitet haben. Vergehen am jüdischen Volk wurden von Papst Johannes Paul II. am ersten Fastensonntag 2000 feierlich bereut.
Wie kann man einen der kirchlichen Täter im gleichen Jahr seligsprechen wollen, in dem man auch wegen dessen Untaten vor aller Welt um Vergebung bittet? Im Vatikan sollte eigentlich auch die Apostelgeschichte 26,20 nicht unbekannt sein. Dort heisst es: «Dass sie umkehren sollen und zu Gott sich hinwenden - Werke tuend der Umkehr wert.» Mit einer Umkehr ist die Seligsprechung Pius IX. nicht vereinbar; sie schlägt ihr geradezu ins Gesicht. Auf die Werke kommt es an, nicht nur auf die Worte.





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