«Paint. Das Gedächtnis der Malerei»
Mit den «besten Werken der eigenen Sammlung» hat Beat Wismer, seit 1985 Direktor des Aargauer Kunsthauses, in Zusammenarbeit mit der Kunstwissenschafterin Sibylle Omlin den Grundstock zu einer über 300 Gemälde vereinigenden Ausstellung geschaffen, die mit rund 180 Künstlerinnen und Künstlern eine bis dahin nirgends gewagte Übersicht vermittelt. Was für die Malerei des 20. Jahrhunderts seit Cézanne bis in unsere Tage hinein in ihrem ständigen Erneuerungsprozess und im unterschiedlich bewussten Rückblick auf wegweisende Einzelleistungen wesentlich war, ist in seinem ganzen Stilpluralismus in dieser die Malerei der Neuen Welt besonders grosszügig berücksichtigenden Schau mit durchwegs repräsentativen Bildern zusammengefasst. Um anschaulich zum Ausdruck zu bringen, dass die Malerei über ein eigenes Gedächtnis verfügt und zu ihrer Fortsetzung des Rückblicks und damit der Erinnerung bedarf, bedienten sich die Ausstellungsgestalter vieler Querverbindungen und des Dialogs, der jedoch keineswegs an Gemälde aus dem gleichen Zeitraum gebunden ist. So fallen denn in Varlins «Fleischhalle in Paris» (1951) Erinnerungen an Chaïm Soutines «Beuf écorché» (1926) gleichermassen zwingend auf wie die auf Erinnerung basierenden Rückgriffe der Zürcher Konkreten um Max Bill auf die in der Ausstellung durch Sophie Taeuber-Arp, Theo van Doesburg oder Henryk Stazewski vertretene Pioniergeneration abstrakter Maler. Werke namhafter jüdischer Malerinnen und Maler aus Europa und Amerika durchziehen von Alexandra Exters suprematistischer «Farbkonstruktion» (1921) bis zur jüngsten Gegenwart einem roten Faden gleich die erstaunlich aktualisierte Ausstellung, die beispielsweise von Alex Katz das Ölbild «Ada’s Morning 2000» und von Renée Levi die Acrylarbeit «Zwei Stehende» von 1997 zeigt. Zwischen Werken von Adolph Gottlieb, Jonathan Lasker, Verena Loewensberg (Zürich), Barnett Newman, Meret Oppenheim (Bern) und Mark Rothko, der zusammen mit Ad Reinhardt die amerikanische «Colourfield Painting» der fünfziger Jahre anführte, stechen zwei jüdische Künstler mit stilistisch besonders exponierter Malerei hervor. Der Wiener Richard Gerstl (1883-1908) weist mit seinem schon 1907 entstandenen, frühexpressionistischen «Gruppenbild mit Schönberg» auf die «Action painting»-Strömung und auf andere Stilrichtungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts voraus, während der Rumäne Arthur Segal (1875-1944), ein weiterer Einzelgänger auf dem Weg zur ungegenständlichen Kunst, mit dem 1918 in Ascona unter Verarbeitung kubistischer Elemente gemalten Ölbild «Mondscheinlandschaft und Ruderer» zur damaligen Avantgarde beitrug.
Ein ungewohntes Lesebuch
Anstelle eines konventionellen Ausstellungskataloges erschien in einer Gemeinschaftsausgabe des Aargauer Kunsthauses mit dem Verlag der Buchhandlung Walter König (Köln) ein mit dem Ausstellungstitel übereinstimmendes Lesebuch zur Malerei im 20. Jahrhundert (Fr. 58.-). Es wurde von Sibylle Omlin und Beat Wismer herausgegeben und enthält auf mehr als 400 Seiten ausgewählte Texte von internationalen Künstlerinnen und Künstlern, von Theoretikern wie Vilém Flusser und Ludwig Wittgenstein sowie den grössten Teil der Exponate in kleinformatigen Farbreproduktionen. Über Bilder der Ausstellung «Das Gedächtnis der Malerei» schrieben eigens Eleonore Frey, Wilhelm Genazino, Friederike Mayröcker und Ruth Schweikert.


