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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ohne Visionen

von Yves Kugelmann, October 9, 2008

Am letzten Montag in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ): Ein vollbesetzter grosser Saal. Thema: «Europas Juden an der Jahrhundertwende». Referenten: Michael Kohn, Michel Friedman, Ariel Muzicant, Werner Rom (vgl. S. 5). Endlich, nach Jahren der Holocaust-Debatte, machen sich jüdische Funktionäre ohne äusseren Druck Gedanken über die Juden, vielleicht sogar über deren Zukunf in Europa - sollte man meinen. Doch die hochdotierte Runde kaut mit wenigen Ausnahmen hundertfach Gehörtes wieder. Europas rechte Regierungen - verständlich, dass Wiens Gemeindepräsident Muzicant zu diesem Thema Stellung beziehen will und muss -, Flüchtlingspolitik, Antisemitismus, Rassismus, Holocaust; Standartthemen, verpackt in wohlgewählte, unterhaltsame Rhetorik, punktuell interessant, insgesamt am Thema vorbei, Chance einmal mehr verpasst. Machen diese Themen das jüdische Europa aus? Anscheinend ist es nicht möglich, abseits von den von aussen herangetragenen Negativ-Themen, die selbstredend die Traktandenliste eines jeden Gremiums beeinflussen, für eine kurze Zeit zumindest in einem internen Rahmen Abstand zu nehmen, um sich mit sich selbst und der eigenen Zukunft auseinanderzusetzen. Als ob Antisemitismus oder die Vergangenheit der kategorische Imperativ solcher Veranstaltungen wären. Kein Wort von Visionen oder Entwicklungen der jüdischen Gemeinden Europas, kein Wort von jüdischer Erziehung, vom Kampf gegen die Assimilation, von Mischehen, von Kaschrut, von den Beziehungen zu Israel und der übrigen jüdischen Welt auf all diesen Gebieten, kein Wort von den Bemühungen in den verschiedensten Themen um eine neue jüdische Identität in Europa. Zwei Stunden lang schwelgen vier ausgewiesene, aber selbstgerechte Kenner in Vergangenheitsbewältigung und politischen Diskussionen. Blocher, Haider und Co., Restitutionsbemühungen, Antisemitismusbekämpfung vorwärts und rückwärts. Reden als Selbstzweck. Was soll das? Bereits die das Protokol betreffenden Querelen im Vorfeld der Veranstaltung (vgl. JR Nr. 9) liessen ahnen, dass weniger Thema und mehr Formelles im Mittelpunkt stehen würde. So erstaunte auch nicht, dass eine ganze Brigade von prominenten Gästen aus der Politik die Szenerie schmückten. Dass am Anlass kaum Jugendliche zu sehen waren, ist bedenklich, aber in letzter Konsequenz logisch. Denn es gibt einen Generationenkonflikt im Setzen von Prioritäten. Die Gefahr, dass gerade Verantwortungsträger heutzutage blind für das Wichtige sind, scheint immer akuter werden. Sie müssten dies- und jenseits der Grenzen endlich erkennen, dass Themen nicht ständig nachgerannt werden sollte, sondern dass sie diese selber und der Realität entsprechend kreieren müssten.





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