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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«O Wiederkehr! O Wiederkehr!»

von Alfred Bodenheimer, October 9, 2008
Arnold Zweigs (1888-1968) 1913 entstandene Erzählung «Quartettsatz von Schönberg» ist ein Dokument der Zerrissenheit zwischen dem erträumten Palästina und dem Kulturbegriff «Europa». Sie gibt ein Bild von den breit gefächerten und einander oft widersprechenden Sehnsüchten eines jungen Zionisten zu Beginn dieses Jahrhunderts.
Arnold Zweig. - Foto Keystone

Die Erzählung kann als letzte eines dreiteiligen Zyklus gelesen werden, der 1912-13 entstand und dessen Protagonist der junge Ostjude Eli Saamen ist. Beschäftigen sich die ersten beiden mit dessen Kindheit in Osteuropa, so wird Saamen in der letzten Erzählung als «Chemiker aus Russland, erzogen in Deutschland, gelandet in Frankreich» vorgestellt. Unvermittelt, am 12. Oktober 1913 wacht er, wie es heisst, auf, «mit dem gefassten Entschluss, Paris zu verlassen, Europa, in dem er sich schliesslich fühlte wie ein stiller Leser in einer Maschinenhalle, einem Warenhaus, einem Irrensaal und einem Lazarett, um sich nach Kleinasien zu retten, nach Palästina, ob sich dort nicht Inhalt finde für das Leben eines unerträglich amtlosen Juden».

Grotesk und disproportional

Tags darauf fährt er, «die hebräische Grammatik, das Wörterbuch und den Pentateuch zum Lernen vor sich», nach Deutschland, von wo er nach Odessa fahren will, um sich nach Jaffa einzuschiffen. Er besucht seinen Bruder in Leipzig und fühlt sich in Deutschland zunehmend unwohl und als Franzose, «wobei unerwarteterweise auch denjenigen seine Abneigung galt, deren Aussehen ihn auf Juden schliessen liess».Eigentlich missfällt ihm fast alles bei diesem Besuch, Gebäude wie Menschen erscheinen ihm in Leipzig feindlich, grotesk und irgendwie disproportional, das Gespräch mit seinem Bruder, von dem er sich vor langer Zeit in Streit getrennt hatte, verläuft ernüchternd, kurz und kalt, und nur dieser Kürze wegen sieht sich Eli Saamen plötzlich vor einer siebenstündigen Leere bis zur Abfahrt des Zuges. Er geht in ein Konzert und fühlt sich auch dort so fremd, dass er für sich beschliesst, «sein Platz habe in diesem Raum nicht enthalten zu sein und befinde sich vielmehr auf der Plattform eines Turms, umgeben von einer Atmosphäre reinen Wasserstoffs, atembar ihm allein, den Eindringling aber mit Tod lohnend». Vor der Pause wird Haydn gespielt, danach gibt es «heutige Musik, und der Rhythmus eines unbekannten, nicht erinnerten Namens bewegte sich in seinem Ohr; sein Nachbar hielt das Blatt jetzt unzugänglich, und was am Ende lag an Namen?». Die folgenden beiden Seiten widmet Zweig nur den in Saamen freigesetzten Empfindungen und expressionistischer Bilder beim Hören dieser Musik - es entsteht eine geistige Reise durch die ganze europäische Zivilisation, was auszugsweise so klingt: «Da steigen Kampaniles in eine permuttene Luft, sie zittern im Spiegelbild von Kanälen und der Lagune; da rauscht die Mitternacht von den Glockentürmen und taumelt trunken von allen Sternen durch die Wipfel der halbgeleerten Parks; da brüllen tiefstimmig wie schwere Saiten elektrische Wagen unter dem Asphalt von Strassen voll trommelnden Gefährts - und die Geige singt, die Geige - der Geist singt in einsamen Lampen von Petrol und Gas, und das Licht fällt auf Stirnen, die sich furchen, auf mathematische Zeichen und Zeilen von Zahlen, auf Zeilen von Worten gedruckter Bücher, und in den Hirnen bilden sich Sätze, die das Logische tragen, Erkenntnis, Wahrheit; da schweift das Cello im Schwellen auf und ab wie Bogen von Brücken über alle Flüsse, Brückenbogen aus Stahlnetz auf steinernem Fuss, und die Eisenbahn dröhnt von Ufer zu Uferland, voll Guts und Menschen, die in Schiffe steigen!»

Auf Probe in die Ferne

Entsprechend unvermittelt, fast schockartig überfällt Saamen das Ende dieser Musik: «Das Aufhören der Triebkraft, der Stoss jäher Stille warf ihn aus dem Saal; er schlich durch das ratlose Schweigen der Bürger wie nichts sehend und trieb nichts sehend durch die fremde nächtige Stadt, deren Pflaster feucht lag von unwirtlicher Luft. Nichts als dieses eine Wort Europa war in ihm.» Verflogen ist angesichts dieses Erlebnisses die Abscheu vor diesem Kontinent. Saamen erkennt, «dass er nur auf Probe in die Ferne ging; nur zur Wahl beurlaubt, nicht endgültig entlassen». Er beschliesst, in einem Jahr nach Europa zurückzukehren, «um im Ernst zu wählen». Und nun erst erblickt er an einer Plakatsäule den Namen des Komponisten, dessen Musik ihn so gefesselt, an Europa gefesselt hat: Arnold Schönberg. «Zwei Stunden später», heisst es am Ende der Erzählung, «sass er im Zug und hörte im Takt seines Stampfens das Wort: O Wiederkehr! O Wiederkehr!» Das Europa, in welches Eli Saamen vermutlich im Oktober 1914 doch nicht mehr zurückkehrte, befand sich tief im Ersten Weltkrieg. Kaum ein Autor sollte die unwiederbringliche Zerstörung von Kultur und Sittlichkeit in Europa durch diesen Krieg eindrücklicher beschreiben als Arnold Zweig, der mit dem «Streit um den Sergeanten Grischa» Weltruhm erlangte. Interessant dennoch anzumerken, dass knapp zwanzig Jahre später ein anderer österreichischer Jude für Zweig zum Sinnbild für Europa gegenüber Palästina werden sollte. Als er im Frühjahr 1932 eine erste Reise nach Palästina unternommen hatte, war es ihm offenbar nicht ganz leicht gefallen zurückzukommen, und erst Sigmund Freuds Fotografie auf seinem Berliner Schreibtisch hatte ihm, wie er Freud brieflich berichtete, das Gefühl gegeben, in Europa wieder am richtigen Ort zu sein. Doch beim Abfassen der Geschichte Eli Saamens befand sich Zweig auch hier unbewusst unmittelbar vor einem historischen Bruch. Ein Jahr später, im Frühjahr 1933, verliess er Berlin wieder in Richtung Palästina, für fünfzehn Jahre. Die Rückkehr nach Ost-Berlin 1948 mochte für den Schriftsteller und theoretisch schwach gebildeten Marxisten Arnold Zweig eine Perspektive bieten - aber nur unter Hintanstellung all dessen, was für einen jungen Juden einst den Traum Europas ausgemacht haben mochte.

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Zur Serie

In der Serie «Texte aus der jüdischen Moderne» werden regelmässig kurze, intensive Betrachtungen zu Texten jüdischer Autoren vorgestellt und besprochen. Bereits erschienen sind: «Als Schlemihl nach Warschau ging (Text von Isaac B. Singer, INside Nr. 6), «Gehe hin und lerne Hebräisch» (Text von Gershom Scholem, JR Nr. 9), «Franz Kafka - Die Brücke» (JR Nr. 12), «Heimat im Text» (Georg Steiner zur Idee des Staates im Judentum, JR Nr. 15), «Das ‘Nu wenn schon’» (Text zu Saemy Gronemann, JR Nr. 18), «Gegen die Verleumdung von Juden» (Brief an Else Lasker-Schüler, JR Nr. 21), «Bekenntnis zur Auserwählung» (Der Theologe und Judaist Schalom Ben Chorin, JR Nr. 24), «Israels Prophet» (Der zionistische Vordenker Achad Haam, JR Nr. 27), «Gegen die Entmenschlichung» (Margarete Susmans Nachruf auf Gustav Landauer, JR Nr. 35), «Wer schwach ist, zieht den Blitz herbei» (Alfred Döblin und Birobidschan, JR Nr. 39), «Ein Israel ohne Religion ist nicht interessant» (Ein Gespräch mit Josef Burg, JR Nr. 44), «Untilgbare Kränkung» (Ein Brief Karl Wolfskehls an Emil Preetorius, JR Nr. 48).


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