logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben»

von Ellen Presser, October 9, 2008
Es heisst, wenn man die Lebensgeschichte Walter Benjamins beschreibe, erzähle man die Geschichte eines Scheiterns. Diese Lesart - wenn man sie denn teilt - trifft auf Benjamin wie auf etliche andere Literaten zu, denen die NS-Zeit glänzende berufliche Erfahrungen bzw. Perspektiven nahm und zuletzt auch ihren Tod bedeutete. Das reicht vom einst etablierten Starautor Kurt Tucholsky, der im schwedischen Exil zugrunde ging, bis zum hoffnungsvollen Jungautor Jura Soyfer, der im KZ Buchenwald den Tod fand.
Walter Benjamin: «Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.» Foto Keystone

Die Umstände des Ablebens von Walter Benjamin vom 26. auf den 27. September 1940 in der kleinen Grenzstation Port Bou zwischen Frankreich und Spanien sind so merkwürdig und tragisch, wie sie sich nur jemand wie Franz Kafka hätte ausdenken können: Scheitern vor dem Gesetz, vor der Staatsgewalt. Im Angesicht der rettenden Freiheit, die der Flüchtlingsgruppe, darunter der herzkranke Benjamin, mit dem Hinweis auf die angeblich erfolgte Grenzsperre versagt wird, gibt Benjamin auf. Nach seinem Tod dürfen seine letzten Weggefährten doch noch passieren.

Auszug aus Berlin
Sechzig Jahre später ist die öffentliche Aufmerksamkeit für den Schriftsteller und Publizisten Walter Benjamin, diesen unglaublich weitsichtigen und modernen Kulturkritiker und Philosophen gross wie nie zuvor. Schon 1994 hatte der israelische Künstler Dani Caravan ein dreiteiliges Mahmal zu Ehren Benjamins und inspiriert von dessen unvollendeten «Passagen»-Werk in Port Bou geschaffen. Im Herbst 2000 ist die Rede von der Gründung einer Walter-Benjamin-Gesellschaft und der Errichtung einer Casa Benjamin, in der sein Leben und Werk dargestellt werden sollen.Walter Benjamins Lebenschronik wird wohl beginnen mit einem Panorama der Metropole Berlin. Dort wurde er am 15. Juli 1892 geboren. Vierzig Jahre später sollte er ein Textkonvolut beisammen haben, das zu den berührendsten Kindheits-Dokumenten zählt, später veröffentlicht unter dem Titel «Berliner Kindheit um neunzehnhundert». Mit der analytischen Distanz des Erwachsenen, gleichzeitig aber auch dem phantasievollen Blick des Kindes, das er einst gewesen war, und der Erinnerungsfähigkeit, lässt er Stationen eines Aufwachsens in grossbürgerlichem Milieu (der Vater handelte mit Teppichen und Antiquitäten) Revue passieren: den Besuch beim Fotografen, Spielstätten, Bezugspersonen, aber auch das Phänomen des magischen Denkens, das Kindern (und Naturvölkern) noch nicht abhanden gekommen ist. «Die Fee, bei der er einen Wunsch frei hat, gibt es für jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenige erkennen darum später im eigenen Leben die Erfüllung wieder. Ich weiss den, der mir in Erfüllung ging», schreibt Benjamin. Es ging um das «ausschlafen können». Dass er eines Tages ewigen Schlaf suchen würde, wusste er damals freilich noch nicht. «Als ich geboren wurde», hielt er 1933 fest, «kam meinen Eltern der Gedanke, ich könnte vielleicht Schriftsteller werden. Dann sei es gut, wenn nicht gleich jeder merke, dass ich Jude sei.» Sie nannten ihren Erstgeborenen Walter Benedix Schönflies Benjamin. In der Familie überlieferte man, dass Heinrich Heine zur Verwandtschaft gehörte, Walter Benjamins Urgrossmutter soll auf seinen Knien geschaukelt haben. Seine Mutter Pauline war die Schwester von Elise Chodziesner, geborene Schönflies, die wiederum die Mutter der Dichterin Gertrud Kolmar war. Über Walter Benjamins jüngeren Bruder Georg ist zu sagen, dass er im KZ starb. Dessen Witwe war später Justizministerin in der DDR.

Schriftsteller, Philosoph, Übersetzer
Benjamin studierte in Freiburg, Berlin und München. Im Schweizer Exil 1917-1919 schloss er in Bern sein Philosophie-Studium mit einer Promotion über den «Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik» ab. Geheiratet hatte er 1917 Dora Pollack, die Tochter des Wiener Anglisten Leon Kellner, der die Schriften Theodor Herzls herausgab. Ihr gemeinsamer Sohn Stefan Rafael hat später die aussergewöhnliche Kinderbuch-Sammlung, die sein Vater angelegt hatte, weiterbetreut. Sein Auskommen suchte Benjamin übrigens als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. So brachte er Marcel Proust ins Deutsche, unterhielt seit Mitte der 20er Jahre enge Kontakte nach Paris. 1933 emigrierte er nach Frankreich. Mit seinem Herkunftsland ging er hart ins Gericht. 1939 schrieb er «Das Heimweh nach Deutschland hat seine problematischen Seiten; Heimweh nach der Weimarer Republik… ist einfach tierisch.» Deren Schwächen machte er wohl für den Niedergang einer einmal so genannten Kulturnation mitverantwortlich. Schon seine gesammelten Briefe aus den Jahren 1935-1937 geben Auskunft darüber, wie bedrückend nahe am Existenzminimum er damals lebte. Eine kleine regelmässige Unterstützung leistete das Institut für Sozialforschung, nunmehr sein einziges Publikationsforum. Viel zu lange zögerte er die Zielrichtung seiner weiteren Flucht hinaus. Er folgte weder Gershom Scholems Ratschlag nach Palästina zu kommen, noch verlockte ihn eine Vertiefung seiner Abhängigkeit von Adorno und Horkheimer, ihnen nach Amerika zu folgen. Sympathie für die kommunistische Utopie war spätestens seit den Schauprozessen des Jahres 1937 abgesagt.

Flucht und Krankheit
In seinem Brief im Mai 1935 hatte Benjamin auf die besorgte Frage Werner Krafts aus Palästina, er könne im Kriegsfalle in ein französisches KZ kommen, geschrieben: «Die Frage des Aufenthalts im Kriege, die Sie anschneiden, ist darum schwer zu beantworten, weil ich kaum damit rechnen kann, in solchem Augenblick, wo man wahrscheinlich ohnehin schon zu spät handelt, gewiss aber binnen weniger Stunden handeln muss, die äussere Möglichkeit zur Durchführung des mir richtig Erscheinenden zu haben.»
Die Aberkennung der Staatsangehörigkeit, in der deutschen Vertretung in Paris - im Mai 1939 für die dort tätigen Bürokraten, ein reiner Verwaltungsakt, seine Internierung im August jenen selben Jahres im Lager Clos St. Joseph Nevers, der missglückte Versuch sich als Matrose an Bord eines Frachtschiffes in Marseilles zu schmuggeln und die Auswirkungen einer Herzmuskelentzündung sind nur weitere Stationen auf dem Weg in die persönliche Katastrophe Walter Benjamins.
Seine letzten bekannten Aufzeichnungen widmete er einem religionsphilosophischen Problem, das ihn auf den Ursprung seiner Herkunft zurückbrachte. Darin heisst es: «Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft, der die verfallen sind, die sich bei den Wahrsagern Auskunft holen. Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.»

Lisa Fittko, die Benjamin mit einer kleinen Gruppe über die Pyrenäen führte, erinnert sich an sein «kristallklares Denken, eine unbeugsame innere Kraft, und dabei ein hoffnungsloser Tollpatsch». Mit sich schleppte er eine schwere Aktentasche. Diese sei das «Allerwichtigste für ihn gewesen: «Ich darf sie nicht verlieren. Das Manuskript muss gerettet werden. Es ist wichtiger als meine eigene Person.» Es ist verschollen. Als die Flüchtlinge in Port Bou aufgehalten wurden, soll Benjamin in Todesangst vor der Auslieferung an die Gestapo eine Überdosis Morphium genommen haben. Amtlich dokumentiert ist jedoch die Diagnose Gehirnschlag. Nach katholischem Ritus behandelt, wurder der Leichnam auf dem Friedhof von Port Bou bestattet. Fünf Jahre später, 1945, hätte dir Pacht für das Grab verlängert werden müssen. Es wurde geräumt und anderweitig neu belegt. Benjamins Gedenkstein schmückt heute ein Zitat aus seinen geschichtsphilosophischen Thesen: «Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.»


Bücher

Das Gesamtwerk von Walter Benjamin wird im Suhrkamp Verlag (Frankfurt) betreut. Besondere Beachtung verdient hierbei auch die mehrbändige Edition seiner «Gesammelten Briefe». Sehr lesenswert ist die Biographie über Walter Benjamin, verfasst von Werner Fuld, ursprünglich beim Carl Hanser Verlag (1979) und als Taschenbuch bei Rowohlt (1990) erschienen.


» zurück zur Auswahl