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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Notizen eines unverbesserlichen Optimisten

October 9, 2008

In Kalifornien geboren, in Wien, Berlin und Salzburg aufgewachsen, kehrte ich, nach längerer Wohnsitzsuche über Basel, Los Angeles, Jerusalem, für mehrere Jahre nach Wien zurück. Dann wurde Kurt Waldheim zum österreichischen Bundespräsidenten gekürt, und ein damals mittdreissigjähriger, durchaus redegewandter und ausstrahlungskräftiger Kärntner, der erst Monate zuvor die Führung der «Freiheitlichen» übernommen hatte, konnte bei den Nationalratswahlen, Ende 1986, zehn Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Seine Abschlusskundgebung fand, notabene, in Braunau am Inn statt. Damals stand für mich endgültig fest: Die Heimat grosser Söhne würde in Hinkunft ohne mich auskommen müssen.
Seit meinem Fortgang aus Wien habe ich, aus Paris, das österreichische Zeitgeschehen mit einer Vehemenz mitverfolgt, als sei das Land zwischen Bodensee und Neusiedlersee ein Teil von mir, als lägen meine Wurzeln eher dort, denn in Amerika oder Frankreich. Das hängt wohl mit dem Aufwachsen in Wien zusammen, den formativen Jahren, ab 1957; eine Zeit, die mir im Rückblick glücklich erscheint, so lange ich die amerikanische Schule besuchte, die American International School, die jedoch in späteren Jahren von gravierenden Ängsten überschattet war. Als Heranwachsender litt ich unter einer gleichsam panischen Furcht vor bestimmten Bezirken der Donaumetropole.
Jahrzehnte später sollte ich meiner aus Wien gebürtigen Mutter, Tochter eines prominenten Buchhändlers und Verlegers, deren Eltern der Tötungsmaschinerie des Nationalsozialismus nicht entkommen sind, immer wieder die eine Frage stellen: Warum bist du nach dem Krieg hierher zurückgekehrt? Die Antwort meiner Mutter lautete stets: «Ich hatte immer solches Heimweh... nach Wien!»
Gemischte Gefühle löste 1992 der Entschluss meines Vaters bei mir aus, sich als Präsidentschaftskandidat der «Grünen» aufstellen zu lassen. Ich rang mich dazu durch, die Kandidatur als Chance für ihn zu sehen, jene Anliegen zur Sprache zu bringen, die sein Lebenswerk ausmachten: Die Friedensbewegung, den Antifaschismus, die Anti-Atombewegung, den Umweltschutz. Eines Sonntagmorgens jedoch, am Höhepunkt des Wahlkampfs, verkündete der Führer der «Freiheitlichen» in einer TV-Pressestunde: «Herr Jungk hat während des Krieges eine Jubelbroschüre für das Dritte Reich verfasst!» Er schwenkte ein 1991 erschienenes Taschenbuch vor der Kamera, «Deutschland von aussen», eine Sammlung der im Zweiten Weltkrieg von der «Weltwoche» veröffentlichten kritischen Artikel meines Vaters über die Zustände im Dritten Reich, Texte, die letztendlich zu seiner Beinahe-Abschiebung nach Deutschland und langjährigen Internierung in der Schweiz geführt hatten. (Er schrieb unter einem Pseudonym, als dieses aufflog, nahm die Fremdenpolizei ihn fest.) Ein völlig aus dem Zusammenhang gerissener Satz, einem jener «Weltwoche»-Artikel entnommen, der sich mit dem gefährdeten Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung auseinandersetzte, diente dem Volksverführer als Beleg für die angeblich nationalsozialistische Gesinnung Robert Jungks. Ein abwegigerer Vorwurf liess sich kaum denken, und die seriöseren österreichischen Medien haben Haiders Behauptung damals nach genauer Lektüre des Artikels umgehend als «skandalös» und «absurd» gebrandmarkt. Jörg Haider aber war es geglückt, der österreichischen Bevölkerung auf vertrackteste Art und Weise klarzumachen, der Kandidat der «Grünen» sei in Wirklichkeit ein dubioser Herr jüdischer Abstammung.
Diese Episode erscheint mir als pars pro toto für das immerähnliche Verhalten des heimtückischen Bundeskanzlers in spe: Lüge, Manipulation, bewusste Verdrehung und Verleumdung, für die man sich nachträglich getrost auch entschuldigen kann, mit einem Augenzwinkern in Richtung einer Anhängerschaft, die Bescheid weiss: Und er meint es doch!
Die demokratischen Gegenkräfte tragen Schuld, in jedem Falle Mitschuld, dass Schwarz/Blau in Österreich an die Macht gekommen sind. Wir alle blieben immer noch allzu vorsichtig und zögerlich im Umgang mit der Perfidie. Verabsäumten es während vieler Jahre, dafür Sorge zu tragen, dass der postmoderne Führer endgültig von der Bühne abtrete. (Sein Scheinrückzug, in der vergangenen Woche, ist nichts weiter als eine für ihn so typische Finte.) Nach seinen zahlreichen, wohlbekannten Ausfällen hätte man ihm das Politgeschäft ein für alle Male - notfalls per Gerichtsbeschluss - untersagen müssen.
Und dennoch bin ich davon überzeugt: Im Jahre 2002 bereits, womöglich noch viel früher, wird die Vernunft die Macht im Staate Österreich zurückerobert haben. Ich glaube an das Wiedererstarken der demokratischen Kräfte. Und bin vor allem zuversichtlich, dass sich die Österreichische Volkspartei, die eigentlich Schuldige an der derzeitigen Katastrophe, von innen her erneuern und besinnen wird. Der noch amtierende Interimsbundeskanzler wird seine Fehleinschätzung bitter zu bereuen haben - möge ein ÖVP-interner Putsch seine Wenigkeit von der politischen Bühne fegen, um ein neues, ein anderes Österreich herbeizufürhen.
Danach jedoch beginnt die eigentliche Arbeit all jener, die ein neues Österreich mit aufzubauen bereit sind: Die heilenden Kräfte im In- und Ausland werden fortan Tag für Tag, Stunde für Stunde dazu beitragen müssen, die in krachlederner Nonchalance sich gebende, himmelhochjauchzende Siegerlaune unserer ideologischen Widersacher zu bannen. Das Europa der Vierzehn dabei fortan nicht länger aus «Ausland» zu empfinden, als feindselige Front, sondern seine Bürger als Mitbewohner eines gemeinsam besiedelten Erdteils, von der selben Geschichte, den selben Ängsten, den selben wirtschaftlichen, technologischen und künstlerischen Herausforderungen geprägt, diese neue, gesündere, zukunftsweisende Sicht der Realität wird dem guten, prachtvollen Land im Herzen Europas die Genesung ermöglichen.

Der Autor lebt in Paris, ist freier Schriftsteller, Drehbuch- und Hörspielautor sowie Publizist.


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