Noch 240 Jahre bis zum Millennium
Fünfzig Jahre nach den Zäsuren Shoa und der Staatsgründung Israels wäre es verfehlt mit sorgloser Gewissheit dem Jahr 6000 entgegenzublicken. Ganz im Gegenteil und zum Trotz all derjenigen, die sich dem fatalen Tagesgeschäft vermeintlicher jüdischer Existenzsicherung verschrieben haben: Nach dem Genozid folgte zwar die Heimkehr in die während Jahrtausenden ersehnte Heimat Israel. Doch bereits 50 Jahre später hat sich das Heilige Land für viele als Heimat entfremdet. Es scheint, als ob diese irgendwo in der Diaspora zurückblieb und das jüdische Volk Israel wieder in der Bewährung steht. Einer von vielen Brüchen, der sich fatal auswirken könnte. Denn der einst gemeine Hoffnungsträger Israel spaltet heute die Kinder Abrahams. Was einst einte, entzweit. Inzwischen ist Israel äusserlich ein Staat wie jeder andere und doch: Vordergründig angeglichen, wurzelt er auf einer anderen, singulären Geschichte. Israels historische Notwendigkeit bedeutet Vielen Endpunkt der Flucht und des Exils zugleich. Unmittelbar mit der traumatisierten Volksseele verbunden, die immer wieder darauf zurückgeht, dass Juden Opfer waren, fällt die Ablösung von der Geschichte mit den Kapiteln der Verfolgung schwer, leichter hingegen die Ablösung der Nation von der Religion. Und somit wird negiert, was Israel einst ausmachte. Nämlich das Land aller Juden zu sein, mit einem kleinsten gemeinsamen Nenner, nennen wir es: der Wille als Juden zu überleben, oder die Religion. Doch Israel sollte nicht der Ruhepol werden, wie es - wenngleich nur für Augenblicke - in der Volksbiographie beispielsweise Babylon, das mittelalterliche Spanien oder Deutschland waren. Der Idylle folgte immer wieder die Katastrophe. Nun ist der Rhythmus durchbrochen, die Bedrohung von aussen erstickt, alles bewegt sich gleichsam in einem Vakuum.
Ein Vertriebener bleibt ein Getriebener
Wir schreiben das Jahr 1999: Das jüdische Volk teilt sich die Diaspora neu auf. Israel lebt, das Land hat sich in einer unheimlichen Dynamik entwickelt, Israel grünt, festigt sich. Ein junger selbstbewusster Staat, der es andererseits lange unterlassen hat oder gar musste, den Holocaust zu verarbeiten. Marcel Reich-Ranicki vermerkt in Bezug auf die Vertreter der Exilliteratur: «Dichter ohne Heimat waren unheimliche Dichter (!) Wer zum Tode verurteilt war, bleibt ein Gezeichneter. Wer zufällig verschont wurde, während man die Seinen gemordet hat, kann nicht in Frieden mit sich selber leben. Wer vertrieben wurde, bleibt für immer nicht nur ein Vertriebener, sondern auch und vor allem ein Getriebener.» Er, der seine Heimat in der Literatur fand, stellt in seiner jetzt veröffentlichten Autobiographie fest, dass er zeitlebens ein Aussenseiter war. Auch in seiner eigenen Heimat. Warum sollte sich dies anders verhalten in Bezug auf die Nation Israel? Es ist noch nicht einmal das Ende des ersten Jahrhunderts in Sicht und schon läuft Israel Gefahr, dass die gewonnene Freiheit zum Gefängnis wird. Denn die Ausschliesslichkeit der Bedingungen ist stärker als das Ziel. Israel ist nicht die Membran, die jüdisches Leben sichert, sondern es ist zum Selbstzweck geworden. Und das ist gefährlich. Denn Israel und das jüdische Volk sind nicht identisch. Während das eine materiell und endlich ist, wartet das andere auf die fortwährende Erlösung.
Im Schein der Ablenkungen
Die Akzeptanz von Juden ist grösser denn je, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten ebenso, die Emanzipation der Juden in der Welt findet statt. Im Schein materieller Sicherheit und nationaler Unabhängigkeit wird aber eines zu oft übersehen: Wie niemals zuvor ist die existenzielle Bedrohung des jüdischen Volkes keine äussere, sondern eine innere. Und sie droht immer grösser und grösser zu werden. Die Bedrohung durch Antisemitismus ist heute ein marginaler Wert im Verhältnis zum Verlust jüdischer Substanz durch Assimilation, ein selbstverschuldeter Verlust wohlbemerkt. Die Definition über das Negative anstatt über sich selbst (Sartre: «Antisemitismus ist das Problem der Nichtjuden.») entfremdet das Volk in seinen Wurzeln. Die soziologischen und ideologischen Divergenzen, die innerjüdische Zerrüttung und Auflösung haben sich in den letzten Jahren derart verschärft, dass die Aushöhlung sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitet, partikulare Gruppierungen selektiert und stärkt. Mag sein, dass verschiedene jüdische Gruppierungen überleben, das jüdische Volk wird dadurch aber nicht fortbestehen. Zwar gab es in der jüdischen Geschichte immer wieder Abspaltungen und Reformbewegungen, die bald wieder verschwanden. Der Anker war die grosse Mitte. Heute verschwindet die Mitte und somit der Anker. So droht der Friede gefährlicher als der Krieg zu werden. Der Wegfall äusserer Bedrohung hat den Volkskitt ersatzlos verschwinden lassen. Ein Phänomen, auf das die jüdische Tagespolitik nicht eingeht, es einfach ignoriert.
Was ist wesentlich für die Sicherung der Existenz?
Nach wie vor gilt das Augenmerk offizieller jüdischer Organisationen, (deren Existenz oftmals eher einen Selbstzweck erfüllt, anstatt sich einem kollektiven Ziel zu unterwerfen), Gemeinden und Funktionäre kaum der das Judentum effektiv drohenden Grösse. Die Bekämpfung des Antisemitismus, christlich-jüdischer Dialog oder Öffentlichkeitsarbeit machen gerade auch hier in der Schweiz den Hauptteil offizieller Aktivitäten und Budgets aus. Für die Sicherung jüdischer Existenz sind sie allerdings unwesentlich. Sollten Juden zum Sklaven ihrer eigenen Geschichte werden, dann hätten Amalek oder Nazideutschland auch lange nach ihrem Untergang ihr Ziel erreicht. Dem «inneren Holocaust» (eine Mischehenrate von 60%) wird kaum etwas entgegengesetzt, die zunehmende Radikalisierung jüdischer Strömungen lässt man gewähren, der fatalen Politisierung der Religion, die zur Geisel des Machtstrebens demagogischer Anführer im Namen Gottes verkommt, verschliessen sich Meinungsträger, Rabbiner und Denker.
Nehmen wir uns also die Freiheit zu verallgemeinern, nicht zu differenzieren und blicken voraus. Denn was auf das Individuum nie zutrifft, kann die Masse in den Abgrund stürzen.
Falsche Prioritäten
Wenn es darum geht, den inneren Zerfall des Judentums zu bekämpfen, wird es still um die sonst so aktiven Wiesenthal-Centers, Anti-Diffamations-Ligen, Jüdischen Weltkongresse. Es gibt wohl einen interkonfessionellen Dialog, einen innerjüdischen gibt es aber nicht. Es gibt wohl den Kampf gegen das Schattengespenst Antisemitismus, den Kampf gegen innerjüdische Intoleranz und Ausgrenzung gibt es nicht. Es gibt wohl den Einsatz gegen Rassismus, die Integration jüdischer Minderheiten gibt es aber nicht. Es gibt wohl die besten Universitäten, Berufsschulen und Weiterbildungen. Wo aber sind die äquivalenten Erziehungsprogramme, die nicht irgendeiner Ideologie, sondern der Findung einer jüdischen Identität in Freiheit verhelfen? Eine Erziehung, die nicht gleichschaltet, sondern freies Denken fördert und nicht irgendeinem fragwürdigen Sekundärziel dient. Ist ein Individuum existenziell bedroht, so setzt dieses reflexartige Abwehrmechanismen frei. Der unmittelbare Kampf ums Überleben findet statt. Was beim einzelnen naturgegeben ist, könnte im Kollektiv die Erkenntnis sein.
Zwischen Israel und Messias
Die Selbsterhaltung eines bedrohten Volkes beginnt in der Erkenntnis der Existenz einer Bedrohung und deren Ursachen. 240 Jahre vor dem Jahre 6000 ist die Existenz des jüdischen Volkes zwar nicht unmittelbar gefährdet, aber es gibt bereits sich abzeichnende Entwicklungen, die von den sogenannten Führungskräften längst erkannt werden müssten. Nach Jahrtausenden der Verfolgung müssen sich die Juden an die Freie hit gewöhnen und das Potenzial innerer Zerstörung erkennen. Denn diese kann bereits innert hundert Jahren verherende Auswirkungen zeitigen.In solchem Umfeld wachsen gefährliche religiös motivierte Gruppierungen, das Individuum wird anfällig für Missbrauch. Glaubt man den vagen Andeutungen in der mündlichen Überlieferung, so steht die messianische Erlösung kurz bevor. Verschiedene Quellen meinen, dass die Erlösung bis zum Jahre 6000 stattfindet. Derzeit verzeichnen Gruppen, welche die messianischen Verheissungserwartungen streuen, und das Abdriften in die Esoterik, die fliessend Grenzen zum Mystizismus durchwandert, rasanten Zuwachs. Das Bildnis-Verbot, das im Judentum einen elementaren Stellenwert einnimmt, hindert nicht daran, die Vermaterialisierung und die Vereinnahmung des Prinzips des Maschiach (Erlöser) zu entfremden. Im Spannungsfeld von materiellen Erwartungen (Israel) und geistiger Verheissung (Erlöser) steht das Judentum heute an einer wichtigen Schwelle, die es zu überwinden gilt. Beide Elemente werden stets wichtiger. Und die Gefahr besteht, dass die immanente Kraft des Volkes, die dem Kampf gegen die physische Vernichtung durch die Geschichte standhielt, im Sog der Sekundärgläubigkeit verloren geht. Wichtiger denn je ist heute der Einsatz um die jüdische Erziehung, im Sinne der Möglichkeit, jungen Menschen zu zeigen, was das Judentum ist. Sich dafür oder dagegen zu entscheiden, ist Sache des Einzelnen. Die Einheit des Volkes mit all ihren pluralistischen Formen muss heute durch die Gemeinsamkeit jüdischer Identität gegeben sein, frei und unabhängig von Politik oder religiösen Normen. Der Zusammenhalt muss von innen kommen, nachdem die äussere Hülle von Bedrohung und Verfolgung weggefallen ist. Und so sind 240 Jahre im historischen Gedächtnis keine lange Zeit, wenn es darum geht, sich nach Tausenden von Jahren neu definieren.
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Rosch Haschana
Das Rothschild-Machsor gilt als eines der reichhaltigsten illuminierten-hebräischen Manuskripte des 15. Jahrhunderts. Das Manuskript , welches 1492 auf Pergament für Elijah Ben Joab v. Vigevano Ben Abraham von der Gallicofamilie geschrieben wurde, besteht aus 447 Folien. Im Jahre 1966 präsentierte Baron Edmond de Rothschild diesen Machsor der Bibliothek des Jüdischen Theologischen Seminars in Amerika. Der Bibliothekar Marx hatte im Jahre 1951 ein anderes Manuskript, das von den Nazis aus der Rothschildkollektion in Paris gestohlen worden war, identifiziert und zurückgebracht. Die Mannigfaltigkeit der Stile lässt darauf schliessen, dass zumindest drei verschiedene Werkstätten an der Ausschmückung des Machsors beteiligt waren. Durch das Wechselspiel zwischen der reichen Verzierung und der umfangreichen Liturgie zählt der Rothschild-Machsor zu einem der Schätze der illuminierten Manuskripte der Renaissance. Die nebenstehende Illustration aus der Library of the Jewish Theological Seminary of America zeigt mit Blumen gefüllte Urnen und eine mit Gold eingefasste Tafel umrahmt das Anfangswort der Gebete, die an den zehn Busstagen zwischen Rosch-Haschana und dem Versöhnungstag gesprochen werden. Diese reichverzierte Seite ist ferner mit zwei menschlichen Büsten, Rebhühnern, Pfauen, Kaninchen, einem Löwen und Geparden geschmückt. Obwohl die Bedeutung dieser Motive unklar ist, mögen sie die Sünden, die in diesem Gebet kundgetan werden, symbolisieren.


