Nizza / Gemeinden - Erste Generalversammlung des "European Jewish Council of Jewish Communities" Europas Juden auf der Suche nach neuer Identität
Organisatoren und Teilnehmer der Versammlung von Nizza erklärten, der Anlass unterstreiche auch die neue Vision vom europäischen Judentum als \"dritte Säule\" des Weltjudentums neben den Juden Israels und der USA. Das Treffen war präzedenzlos, was Grösse, behandelte Themen und Zielsetzungen betrifft. Juden aus Gemeinden verschiedenster Grösse waren gekommen, Vertreter der Orthodoxie, des Reformjudentums und säkulare Teilnehmer. Altersmässig war von Studenten bis zu Angehörigen des \"Golden Age\" alles vorhanden. \"Zum ersten Mal sind in Europa 600 Juden zusammengesessen, um die politischen Richtlinien für die Zukunft zu diskutieren\", sagte der neue ECJC-Präsident Cobi Benatoff aus Milano. Er stellte die Teilnehmer der Tagung vor die folgende Herausforderung: \"Was kann die europäische Judenheit zum neuen Europa des 21. Jahrhunderts beitragen?\"
Wachsendes Selbstbewusstsein
Während der ganzen Konferenz stand ein Schlüsselthema im Vordergrund: Das wachsende Selbstbewusstsein der europäischen Judenheit, zumindest auf der Ebene der Führungsschicht, in den Beziehungen zu Israel, den Juden Nordamerikas und den internationalen jüdischen Organisationen. Dieses Selbstbewusstsein drang besonders während einer hitzigen Debatte an die Oberfläche, in der es um die Methoden ging, die bei der Wiedergutmachung für im Holocaust entwendetes jüdisches Eigentum angewandt werden sollten. Europ\"ische Sprecher kritisierten dabei internationale Organisationen wie die World Jewish Restitution Organisation fr ihre Gleichgültigkeit gegenüber lokalen Verhältnissen und für das Ignorieren lokaler Gemeinden bei den Verhandlungen mit Regierungen über die Rückerstattung jüdischen Besitzes.
\"Die Einmischung internationaler jüdischer Organisationen ist weder am Platze noch erwünscht\", sagte Fred Ensel aus Amsterdam. \"Sie haben eine gute Arbeit geleistet, doch wir werden sie rufen, wenn wir das für adäquat erachten.\" Einige Israelis, die an der Konferenz das Wort ergriffen, waren enttäuscht, dass der Zentralität Israels im jüdischen Leben nicht mehr Gewicht beigemessen wurde. Elijahu Ben-Elissar, Israels Botschafter in Frankreich, rief alle Juden Europas auf, Alijah zu machen. Er bemängelte die Tatsache, dass in den Konferenzsälen die israelische Flagge in gleicher Grüsse wie jene europäischer Staaten zu sehen war. Ein Teilnehmer bezeichnete diesen Wunsch nach einer Betonung Israels als \"Überholt\". \"Für uns ist die Zentralität Israels mittlerweile eine Tatsache geworden, die wir nicht ständig zu wiederholen brauchen\", meinte der Mann.
Die neuen Herausforderungen
Die Teilnehmer befassten sich auch mit ernsthaften Herausforderungen, denen sich das noch zerbrechliche neue europäisch-jüdische Konzept gegenübersieht. Zu diesen in Workshops diskutierten Herausforderungen zählen: jüdische Erziehung, Studententhemen, jüdisches Erbe, Programme der sozialen Wohlfahrt und Betagte, jüdische Gemeindezentren und die jüdischen Medien. Angesichts der neu sich bildenden europäisch-jüdischen Führungskraft meinte Helena Datner, Präsidentin der jüdischen Gemeinde von Warschau, es sei \"wirklich wichtig gewesen, zusammenzusitzen und gemeinsame Probleme zu besprechen und festzustellen, dass wir alle mit ähnlichen Themen konfrontiert sind\".
Die Konferenz von Nizza war der Höhepunkt einer ganzen Reihe jüdischer Versammlungen, die in den letzten vier Jahren stattgefunden und den Zweck verfolgt hatten, die europäisch-jüdische Identität angesichts des Falls des Kommunismus und der Öffnung Osteuropas zu festigen. Zu diesen Treffen zählte eine Konferenz 1995 in Prag über die Planung der Zukunft des Judentums Europas sowie eine ähnliche Tagung 1997 in Strassburg.
Die ECJC hat ihren Sitz in Paris und ist bestrebt, die Kooperation und Kommunikation zwischen jüdischen Gemeinden und Organisationen Europas zu fördern. Die ECJC hat auch ein Büro eingerichtet, das Kontakte zwischen jüdischen Gemeinden und der Europäischen Union fördert, u. a. auch zur Finanzierung von Projekten.
Am Rande der Tagung von Nizza fand auch ein Singles-Weekend für rund 70 jüdische Jugendliche aus ganz Europa statt, die neben den gesellschaftlichen Anlässen noch Zeit fanden, Sitzungen der Konferenz zu besuchen. \"Die Wichtigkeit des Anlasses liegt in der Tatsache begründet\", sagte Yaacov Bleich, Oberrabbiner von Kiew, \"dass wir von überallher gekommen sind. Für viele von uns ist die Tatsache, dass wir Juden sind, das einzige, das wir gemeinsam haben.\" (Vgl. Editorial.) (jta)


