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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Nicht unterkriegen lassen

von Lev Gorodetsky, October 9, 2008
Trotz der letzte Woche erfolgten Verhaftung von Vladimir Gussinsky in Spanien ist der Russisch-Jüdische Kongress (RJC), dessen Präsident und Haupt-Geldgeber der Inhaftierte ist, fest entschlossen, seine Aktivitäten wie bisher fortzusetzen. Diverse jüdische Persönlichkeiten allerdings warnen vor einem Zusammenbruch der Organisation, die dem kontinuierlichen Druck auf Gussinsky nicht mehr lange standhalten könne.
Verhaftet:Vladimir Gussinsky. - Foto JTA

Als Vladimir Gussinsky letzte Woche aufgrund eines Interpol-Haftbefehls in Spanien festgenommen wurde, erklärte Alexander Osovtsov, der Vize-Präsident des RJC, die wichtigsten Projekte des Kongresses würden planmässig fortgeführt. Möglicherweise lässt sich die Verhaftung eher mit dem Wunsch des Kremls begründen, die russischen Medien zu kontrollieren als mit antisemitischen Motiven. Dessen ungeachtet machen sich Juden Russlands ebenso wie jüdische Aktivisten im Ausland einige Sorgen. «Gussinsky ist», wie die in der Nähe von Moskau wohnende jüdische Studentin Natasha Liberman ausführt, «zum Symbol für das jüdische Leben im ganzen Lande geworden. Dass er offiziell in Bann gelegt worden ist, könnten die hiesigen Antisemiten als grünes Licht für ihre Umtriebe interpretieren.»
Am vergangenen Freitag haben die russischen Behörden weitere Schritte gegen Gussinsky unternommen. Moskauer Steuerbeamte kündigten an, sie würden einige von Gussinskys Gesellschaften liquidieren, u.a. sein Flaggschiff, die TV-Station NTV. Zudem war aus dem Büro des General-Staatsanwalts zu vernehmen, man beabsichtige, im Bestreben, Gussinskys Auslieferung nach Russland zu erreichen, dessen Besitztümer in Spanien beschlagnahmen zu lassen. Die Russen wollen den Mann wegen angeblichen Betrugs vor Gericht bringen. Die von ex-Präsident Michail Gorbatschow angeführten Freunde von NTV unterstreichen, mit der Forderung nach Liquidierung der TV-Station seien die letzten Zweifel hinsichtlich des politischen Charakters des Falls Gussinsky bewiesen. «Die Verfolgung Gussinskys», pflichtet Rabbi Zinovy Kogan bei, der Anführer des Kongresses Religiöser Organisationen Russlands, «der so viel für die Einheit der jüdischen Gemeinschaft des Landes getan hat, ist reiner Unsinn und missverständlich.» In Kuba jedoch meinte Russlands Präsident Vladimir Putin, er sehe keinen Grund, die Handlungsweise des Staatsanwaltes infrage zu stellen. «Er ist des Betrugs angeklagt», sagte Putin, «und was ihm bisher widerfahren ist und noch widerfahren wird, bestimmen die Legislative und die Gerichte.»
Die Verhaftung Gussinskys, der zu den prominenten Kritikern der Militäraktion des Kremls gegen die moslemischen Separatisten in Tschetschenien zählt, ist der vorläufig letzte Schlag gegen den Medienzar. Nachdem er im vergangenen Juni kurz verhaftet worden war, wurde er wieder freigelassen und durfte aus Russland ausreisen. Später erklärte er, während seiner Haft habe man ihn unter Druck gesetzt, damit er seine TV-Station dem Staat übergebe. Dem Vernehmen nach schuldet Gussinsky Gazprom, der russischen Gesellschaft für Naturgas, 200 Millionen Dollar, und möglicherweise hatte der Staat gehofft, die TV-Station im Rahmen einer Schuldentilgung Gussinskys übernehmen zu können. Seit Juli dieses Jahres lebt Gussinsky mit seiner Familie in London und in einer Luxusvilla in Süd-Spanien. Einige seiner Freunde hatten in gewarnt und erklärt, er sei nicht sicher in Spanien, nachdem Interpol aufgrund eines russischen Ersuchens seine Verhaftung gefordert hatte. Als vier spanische Offiziere zu seiner Villa kamen, um ihn festzunehmen, soll er ihnen gesagt habe, sie würden einen schweren Fehler begehen, sei er doch ein Freund Bill Clintons. Das allerdings dürfte den spanischen Richter Baltazar Garzon, der über eine allfällige Auslieferung Gussinskys nach Russland zu befinden hat, kaum beeindrucken. Schliesslich hat der Mann zum letztenmal Schlagzeilen gemacht, als er die Verhaftung des chilenischen Ex-Diktators Augusto Pinochet anordnete.
Internationale jüdische Gruppen bemühen sich inzwischen, die Weltmeinung zugunsten Gussinskys zu mobilisieren. Einige Organisationen haben den spanischen Justizminister ersucht, den Medienzar aus der Haft zu entlassen. Nach Angaben des Jüdischen Weltkongresses will Knessetsprecher Avraham Burg demnächst nach Spanien reisen, und das US-State Department kündigte an, den Fall verfolgen zu wollen.

JTA


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