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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Nicht ganz koscher

von Yves Kugelmann, October 9, 2008

Wer kennt sie nicht, die teils ramponiert aussehenden Verpackungen von Koscherprodukten an den verschiedenen jüdischen und anderen Verkaufsstellen, die unzulängliche Deklaration der Inkredienzen, fehlende Produktions- oder Ablaufdaten, von Händlern willkürlich mit Etiketten überklebte Datumsangaben auf Lebensmitteln. Auf dem koscheren Lebensmittelmarkt wird so ziemlich alles gemacht, was nicht erlaubt ist. Zwar gibt es ganz klare behördliche Auflagen, doch viele jüdische Händler kümmert dies wenig. Chuzpa findet man viel, auch lange und unergiebige Erklärungen («das Datum steht auf der Kiste, in der die Produkte geliefert wurden», «wollen Sie, dass die Produkte noch teurer werden?»). Jeder weiss um die Missstände in den Regalen mit Koscherprodukten, die JR berichtete schon oft darüber. Jetzt zieht die Grosshandelskette Coop und auch eine BP-Filiale Konsequenzen. Sie nehmen Koscherprodukte aus dem Sortiment (vgl. Artikel Seite 2).
Nicht erst seitdem Coop ankündigte, fortan auf den Verkauf von Koscherprodukten zu verzichten, ist der Unmut über die Qualität und die ungenügende Deklaration bei koscheren Lebensmitteln gross. Dass bei vielen Koscher-Händlern die gesetzlichen Auflagen der Behörden unterwandert werden, zeigt, dass die Diskrepanz zwischen der der Kaschrut zugrunde liegenden Ethik und der Umsetzung in der Praxis ernüchternde Missverhältnisse aufweist. Zwar sind Koscherprodukte bereits jetzt fast unerschwinglich, doch verstecken sich Händler bei der Konfrontation mit den Vorwürfen hinter dem Argument, dass ansonsten die Produkte noch teurer würden. Paradoxerweise decken die Rabbiner aber das Gebaren jüdischer Händler, in dem sie zwar einen Hechscher erteilen, aber das Treiben blauäugig tolerieren, in dem sie nichts dagegen unternehmen. Dass dabei die Gefährdung der Gesundheit von Konsumenten in Kauf genommen wird, scheint umso gewichtiger, als dass die Kaschrut mitunter auch das Prinzip von Reinheit anwendet. Und wenn die Vernunft nicht will, dann ist zumindest haarsträubend, dass in den vielen Gesprächen, welche die JR mit Verantwortlichen führte, Gesetze links liegen gelassen werden und mit fadenscheinigen halachischen Erklärungen argumentiert wird. Während auf der einen Seite der SIG die Koscherfleischsicherung mit den Behörden zu gewährleisten versucht, interessieren Auflagen auf der anderen Seite wenig. Beruhigend ist nun, dass zumindest Behörden und Verantwortliche von Grosshändlern dem Missstand ein Ende setzen wollen, wenn Rabbiner und Gemeinden hier zu lange geschlampt haben.





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