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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Nicht alles im Dschungel ist gefährlich

von Rabbiner Roland Gradwohl, October 9, 2008
In der Vorstellungswelt des Judentums spielt der Baum eine grosse Rolle. Nach der Ansicht des Gelehrtenhauses von Bet Schammai ist der 1. Schwat das «Neujahr der Bäume», während das Gelehrtenhaus von Bet Hillel den 15. Schwat zum Neujahr der Bäume bestimmte. Zur Zeit des Tempels war dieses Datum besonders wichtig, begann mit ihm doch ein neues Jahr in Bezug auf die Abgaben, die von Baumfrüchten zu erheben sind. Aber auch heute noch, da es keinen Tempel gibt, hat der 15. Schwat einen festen Platz im jüdischen Feiertagskalender.

Der aus den USA stammende Philosoph, Rabbiner und Publizist David Hartmann machte einmal die folgende Aussage: «Die Welt ist ein Dschungel, und in einem Dschungel ist Schwäche ein Verbrechen.» Hartmann dachte an die oft schlimmen Zustände, die das Zusammenleben von Völkern und einzelnen Menschen belasten. Er dachte an das Dunkel und das Dickicht in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wo der Dschungel herrscht, mit seinem Chaos und den vielen Gefahren, kann nur die Stärke Hilfe bringen und das Überleben absichern. Die Schwäche ist ein Verbrechen.
Das sind harte Worte, und sie bilden das Ergebnis eines intensiven Nachdenkens über die Gegenwart. David Hartman gab sich offenbar keinen Illusionen hin, und er wusste um das römische Sprichwort «Homo homini lupus» - der Mensch ist des Menschen Wolf. Oder, wie die alten Juden es formulierten, als sie über ihren Staat nachdachten: «Gäbe es nicht die Königsherrschaft, so würde einer den anderen lebendig verschlingen.»Nun ist dies freilich nur die eine Seite des Geschehens. Im Dschungel ist nicht alles gefährlich. Der Dschungel ist der Lebensraum unzähliger Lebewesen, der Raum für Menschen und Tiere, und er schenkt ihnen reiche Nahrung, und vor allem auch eine Weite, in der sie sich entfalten können. Seine Bäume und Blumen sind von überwältigender Schönheit. Man denke nur an die Orchideen, die in verschwenderischer Vielfalt gedeihen. Das Bild von der Welt als einem Dschungel zeigt nur die düsteren Farben, nicht die hellen Töne. Der Dschungel ist nicht nur düster und beängstigend, er ist auch von majestätischer Grösse.
Neben diesem Bild gibt es ein anderes. Es zeigt einen alten Menschen, der einen kleinen Baumsetzling in der Hand hält. Er hat ihn einer Blechdose entnommen, legt ihn in das Loch, drückt die Erde an die Wurzel und den winzigen Stiel, und begiesst den neuen Baum mit Wasser. Der alte Mann wird es kaum miterleben, dass sein Setzling zu einem grossen Baum heranwächst und Früchte trägt. Und dennoch hat er ihn in den Boden eingesenkt. Für andere Menschen, für die Zukunft, für seine Kinder und Enkel, die einst die Früchte ernten werden. Die Welt ist für diesen alten Menschen ein Fruchtgarten, ein Paradies und kein Dschungel, in dem die Gewalt dominiert und die Schwäche ein Verbrechen ist oder zumindest zu sein scheint. Für diesen alten Menschen ist das Leben voller Freude und innerer Genugtuung, denn er bringt den Erdboden zum Erblühen.
In der Vorstellungswelt des Judentums spielt der Baum eine grosse Rolle. Nach der Ansicht des Gelehrtenhauses Bet Schammai ist der 1. Tag des Monats Schwat das «Neujahr der Bäume». Das will besagen, dass von diesem Datum an ein neues Jahr beginnt, und zwar für die Tempelabgaben, die von Baumfrüchten zu erheben sind. Das ist für uns heute nicht mehr wichtig. Weil es keinen Tempel mehr gibt, gibt es auch keine Tempelsteuern. Wesentlich bei der Bestimmung von Bet Schammai ist aber die Tatsache, dass die Bäume in seinem Denken einen besonderen Stellenwert einnehmen. Auch das Gelehrtenhaus Bet Hillel denkt an das «Neujahr der Bäume». Seiner Meinung nach fällt es zwar auf den 15. Tag des Monats Schwat, und nicht auf den ersten. Dieser Unterschied ist aber nur von administrativer Bedeutung. Für Hillel wie für Schammai spielen die Bäume eine zentrale Rolle. Sie sind wichtig für den Tempel und nicht weniger wichtig für die Existenz des Menschen. Nicht zufällig verbietet die Thora das Fällen von Fruchtbäumen während eines Krieges. Will ein jüdischer Feldherr die Fruchtbäume umhauen, um aus ihrem Holz Belagerungswerkzeuge herzustellen, so ruft man ihm zu: «Halte ein, denn du zerstörst die Grundlage menschlicher Existenz.» Gerade der Baum, der einzelne Baum, der so leicht zerstört werden kann, zeigt, dass die Welt kein Dschungel zu sein braucht. Sie wäre ein Dschungel, wenn der Feldherr nach Belieben schalten und walten dürfte. Seinem Handeln sind indessen Zügel angelegt. Er muss sich nach den Forderungen der Thora ausrichten, die ihn zum Schutz des Baumbestandes und damit der Natur schlechthin aufrufen. Wer vermöchte den tiefen Sinn des Gebots besser zu verstehen als wir, die wir vom Sterben der Wälder und der Verschmutzung der Natur ein böses Lied zu singen wissen. Wie wichtig der Baum und die Sorge um sein Gedeihen sind, zeigt ein Gedanke aus dem grossen Themenkreis des jüdischen Messianismus. Es heisst in einem Text: Wenn einer mit dem Pflanzen eines Baumes beschäftigt ist, und man teilt ihm die frohe Botschaft mit: Der Messias, der Friedensfürst, ist gekommen, so soll er mit dem Pflanzen weiterfahren und erst danach den Messias begrüssen. Der Messias kann also ruhig auf die Ehre warten, die die Leute ihm erweisen. Das Pflanzen von Bäumen besitzt den Vorrang! Das Leben bleibt nicht stehen, selbst wenn der Friedensfürst erscheint. Und das Leben hat seine bestimmten Anliegen, die nicht aufzuschieben sind. Der kleine Baum ist in diesem Augenblick wichtiger als der grosse Messias, den das jüdische Volk seit den Tagen des Propheten, seit 2700 Jahren, erwartet. In diesem Gedanken steckt - so besehen - ein verborgener Protest gegen die Vorstellung von der Welt als einem chaotischen Dschungel, in dem die Schwäche ein Verbrechen ist.
Mit Tu Bischwat, dem 15. Schwat, ist die Regenperiode zwar nicht zu Ende, denn auch im Februar, März und April kann es Niederschläge geben. Doch an diesem Tag beginnt eine neue Jahreszeit. Zu Ehren von Tu Bischwat pflanzen die Kinder Israels, aber auch viele Erwachsene, Einwanderer und Touristen, einen kleinen Setzling. Das ist ein Ausdruck der starken Verbundenheit mit dem Boden, mit der Natur. Menschen, die Bäume in die Erde setzen, erkennen in der blühenden Natur die Schönheit und Vielfalt des Lebens, und sie sehen in ihr ein Geschenk des Schöpfers, das sie nicht antasten wollen. Der Baum ist ein Symbol des Lebens, der Zukunft, ein Symbol der Freundschaft und Verbundenheit. Wie der alte Mann, der einen Baumsetzling in das Erdreich einpflanzt und damit die Zukunft grüsst, die er vielleicht selber nie sehen wird, kann ein jeder in seinem Leben «Bäume» eingraben - Bäume der Mitmenschlichkeit und des Verständnisses, der Hoffnung und der Überzeugung, dass unsere Welt keinem Dschungel gleichen muss.

Die JR veröffentlicht regelmässig Texte aus dem Nachlass des Autors.


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