Neue Wege des Daseins suchen
Hanna ist kinderlos. Nach vielen Jahren der Ehe nimmt Elkana, ihr Mann, eine zweite Frau, Penina, ins Haus, um so für die Fortsetzung der Familie zu sorgen. Das Haus füllt sich mit Kindern. Das religiöse Leben der Familie Elkanas verläuft in routinemässigem Rhythmus. Jedes Jahr zieht Elkana mit seiner Familie zum Heiligtum nach Schilo, dort wird geopfert und das Fleisch an alle Familienmitglieder verteilt. Jedes Jahr empfindet Hanna ihre Vereinsamung stärker. Trotz der Liebe ihres Mannes schien ihr das Leben sinnlos. Dies auch, weil die kinderreiche Penina auf sie herabsah. Aber was war zu machen? Hannas Kinderlosigkeit wird als von Gott gegeben hingenommen: «Denn der Ewige hat ihren Schoss verschlossen» (1,5-6). Ihr Schicksal schien besiegelt. Doch dann kam alles anders.
Gegen das Schicksal
Nach dem routinemässigen Ablauf des Tempelopfers rafft sich Hanna auf und geht zum Heiligtum. Hanna ist nicht bereit, sich mit ihrem Geschick abzufinden. Sie will um ein Änderung kämpfen. Und sie betritt das Heiligtum, um zu beten. «Und Hanna stand auf, nachdem man gegessen hatte in Schilo und getrunken, und Eli der Priester sass auf dem Stuhl am Türpfosten seines Heiligtums. Sie war verbittert in der Seele und sie betete wider Gott und weinte, weinte. Und sie gelobte ein Gelübde und sprach: -Gott der Heerscharen! Siehst Du her, siehst Du auf das Elend Deiner Magd, gedenkst meiner und vergissest nicht Deine Magd, gibst Deiner Magd männlichen Samen, so will ich ihn Dir geben all Tage seines Lebens, nur an sein Haupt komme kein Schermesser heran. Und es war, als sie lange vor Gott betete, Elie auf ihren Mund achtete. (Samuel 1, 9-12)2».Und sie betete wider Gott - der Talmud betont, dass Hanna ihre Seelenpein und Frustration im Gebet mit Gott ausgedrückt hat.3 Erst nach dem Gebet wird ihr leichter zu Mute. Deshalb schreibt der Text nach dem Beten: «Und es war als sie lange vor Gott betete.» Und später, nach der Geburt des Kindes, erzählt sie Eli dem Priester in Schilo, dass sie nun weiss, dass ihr Gebet erhört wurde und sie zu Gott gebetet hatte (1, 26). Die biblisch-jüdische Tradition erwartet von betenden Menschen ein aufrichtiges Verhalten Gott gegenüber. Verwirrende Gefühle gilt es nicht zu unterdrücken, sondern im Gespräch mit Gott klar zu überdenken.
Klare Worte und die Klage gegen Gott
Dabei heisst es natürlich, die nötige Bescheidenheit zu bewahren. Dreimal nennt sich Hanna eine «Magd»: Sie macht es deutlich, wie unbedeutend sie in der Gegenwart von Gottes Allmacht ist. Hanna ist auch die erste, welche Gott den «Gott der Heerscharen» nennt, also einen Ausdruck benutzt, der mehr als jeder andere die Grösse Gottes bezeichnet.4
Es ist bezeichnend für Hannas Gebet, dass sie trotz ihres bescheidenen «Selbst»-Bewusstseins in Gottes Präsenz ihr Anliegen in klaren, überzeugenden Worten schildern und für ihr Leben eine grundlegende Änderung fordern kann. Trotz ihrer «Schwäche» im Vergleich mit Gott sind ihre Worte, prägnant und ausdrucksvoll. Auch Abraham sprach, als er um die Rettung Sodoms betete, klare Worte und er klagte Gott sogar an: «Sollte der Richter aller Erde nicht Recht üben?» (Genesis 18, 25) - und all dies, obwohl er sich seiner Ohnmächtigkeit voll bewusst war «Doch bin ich nur Staub und Asche» (Genesis 18, 27). Auch wir sollten lernen, unsere Anliegen überzeugend und klar vor Gott zu bringen - aber dies doch mit der nötigen Bescheidenheit tun. So etwa wie Rabbi Levi Itzchak von Berditschew, der trotz aller Unterwürfigkeit zu Gott es gar wagte, den Ewigen zu einem «Din Thora» (rabbinisches Gericht) zu bitten, um Sein Verhältnis zum Volke Israel dort gründlich abzuklären-Besondere Beachtung schenkten unsere Weisen auch der Tatsache, dass im Zusammenhang mit Hannas Gebet viele Verben wiederholt werden (weinte - weinte; siehst - siehst; Gelübde geloben etc.).5 Dies zeugt von einem äusserst intensiven Gebet voll innerer Andacht, ganz auf sich konzentriert. Von Hanna - sagen unsere Weisen - lernen wir, wie wichtig die Andacht beim Gebet ist.6 Das Beten in der deutschen Sprache hängt mit Bitten zusammen. So ist es auch in anderen Sprachen. Das englische respektive französische Verb für beten (pray, prier) kommt von Lateinischen «precare» - bitten. Das Beten in nichtjüdischen Kulturen ist in der Regel ein Akt, in dem der Mensch um Gottes Beistand bittet. In der hebräischbiblisch-jüdischen Tradition ist dies ganz anders. Das hebräische Verb «lehitpallel» kommt vom Stamm «pallel» - richten. Der betende Mensch richtet sich selbst, gibt sich in der Gegenwart Gottes einen Rechenschaftsbericht ab. Rabbiner SR Hirsch hat dies klar formuliert: «\"Hitpallel\", wovon Tephillah gebildet ist, heisst ursprünglich über sich urteilen, über sich richten- ein wahres Urteil über sich gewinnen- Hinaus treten aus dem tätigen Leben und sich ein Urteil der Wahrheit bilden über sich, das heisst über alle seine Beziehungen zu Gott und zur Welt und Gottes und der Welt zu sich- mit der Kraft solchen Urteils Geist und Herz durchdringen, wodurch beide geläutert und gestärkt neu dem tätigen Leben wiedergegeben werden.7
Auch Hanna begnügt sich nicht damit, um ein Kind zu bitten. Sie fragt sich in ihrem Gebet, was kann ich denn tun, damit ich eines Kindes würdig bin. Und sie verspricht, dass sie das Kind - falls sie Mutter wird - dem Dienste Gottes übergeben wird. Wenn Gott ihr einen Sohn gibt, so gibt sieihn Gott zum Dienst (1, 11).
Der betende Mensch fordert in der biblisch-jüdischen Tradition nicht nur Hilfe von Gott, sondern er verlangt von sich selbst aktive Mithilfe bei der Erfüllung seiner Wünsche. Der berühmte Satz «Gott hilf dem, der sich selbst hilft», scheint zynischen Charakter zu haben, aber richtig verstanden ist er Ausdruck biblischer Lebensauffassung. Damit Gott hilft, muss der Mensch auch selbst alles in seiner Möglichkeit Stehende tun, um die Erfüllung seiner Wünsche zu erreichen.
Wie wir sehen, war das berühmte Gebet der Hanna kein einfaches Bittgebet. Hanna überdachte mit Gott ihre Situation und überlegte sich, was sie von Gott erwarten konnte und was sie selbst dazu beitragen sollte, um des Kindes, um das sie flehte, würdig zu sein. Und Gott erhörte ihr Gebet.
Am Anfang der Erzählung von Hanna und ihrem Mann Elkana, als von den jährlichen Reisen nach Schilo die Rede ist, wird betont, dass dort im Heiligtum «die zwei Söhne Elis, Chofnis und Pirkhas, Priester vor Gott waren» (1, 3). Die Situation schien klar. An der Spitze der priesterlichen Dynastie standen die Söhne Elis, sie waren dazu prädestiniert, die Position ihres Vater Eli zu beerben. Hanna dagegen kam nach Schilo als kinderlose Frau leidvoll und traurig, da sie ihr Lebensziel, den eindrucksvollen Stammbaum Elkanas weiter zu führen, nicht erfüllen konnte.8 Am Ende der Geschichte haben sich die Geschicke ganz anders entwickelt. Die Kinder Elis wurden wegen ihrer sündhaften Taten mit einem frühen Tod bestraft, und Hannas Sohn wird Elis Nachfolger! Alles hat eine unerwartete Wendung erfahren. Aber vielleicht so unerwartet nicht?! Göttliche Mission vernachlässigt
Die Söhne Elis haben vor lauter «Selbst»-Vertrauen ihre göttliche Mission vernachlässigt, «sie wollten Gott nicht kennen» (2, 12). Hanna dagegen hat für ihre Zukunft gebetet und gewirkt. Aus all den erwähnten Gesichtspunkten ist es klar, weshalb der Prophetenabschnitt von der Geburt Samuels so bedeutend ist, und sich so sehr als Synagogen-«Lektüre» für den Jahresanfang eignet. Am Rosch Haschana sollen wir uns wie Hanna unsere Lebenspläne überlegen und mit uns zu Gericht gehen. Im Gebet sollen wir uns fragen, was wir tun müssen, um unserem Leben die erhoffte Richtung zu geben. Im Dialog mit Gott sollen wir dann - klar, aufrichtig und intensiv, aber auch demütig und bescheiden - um seine Hilfe bitten. Und immer sollen wir daran glauben, dass uns viele Lebenswege offen stehen und dass wir keineswegs routinemässig den begonnenen Weg fortsetzen müssen. Vieles kann im Leben geändert werden. Durch unseren mutigen und sinnvollen Einsatz - und mit der Hilfe Gottes.
1 Vgl. B. Rosh Hashana 11A
2 Die Übersetzung des Textes lehnt sich an jene von Buber-Rosenzweig an
3 Vgl. B. Berachot 31B
4 Vgl. B Berachot 31B
5 Vgl. Midrash Schmuel 1,9
6 Vgl. B Berachot 31A
7 SR Hirsch, Horew Tephillah, 98
8 Um diese Gedanken der Hanna zu betonen, wird der Stammbaum des Elkana am Anfang der Geschichte genau beschrieben (Samuel 1,1)


