Neue Standortbestimmung für Europas Juden
Letztes Zuhause: Russische Einwanderer auf dem Flughafen Ben Gurion 1996.
Der Zusammenbruch des Kommunismus vor zehn Jahren änderte alles für die Juden Osteuropas. Dank der Einführung der Religionsfreiheit und des Abbaus der von den Kommunisten eingeführten Tabus kam es zu einer gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen jüdischen Renaissance. Genaue Zahlen liegen zwar noch nicht vor, doch haben in ganz Ost- und Mitteleuropa Tausende von Juden, vor allem junge Leute, lange als begraben gegoltene jüdische Wurzeln entdeckt, wieder entdeckt bzw. beansprucht und sich offen zu ihrer jüdischen Identität bekannt. Das kann durch eine eher oberflächliche öffentliche Selbstdeklarierung als Jude geschehen, durch die Teilnahme an Studiengruppen und säkularen jüdischen Aktivitäten oder durch das Eintauchen in ein traditionell-religiöses jüdisches Leben. Diese Entwicklung kann man in Polen, in der Tschechischen Republik und in der Slowakei verfolgen, in Ungarn und Bulgarien und sogar in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien. Im Laufe der Jahre sind aus der ehemaligen Sowjetunion Hunderttausende nach Israel oder sonst wohin ausgewandert. Zu diesen zählen auch mindestens 70 000 Juden, die nach Deutschland immigriert sind, was das Bild der dortigen Gemeinde radikal verändert hat.
Neues Image
Auf der anderen Seite sind Hunderttausende in Russland, der Ukraine und anderen Staaten geblieben und haben dort Synagogen und Schulen wieder geöffnet und die Gemeindestrukturen erneuert. «Jüdische Gemeinden in der Region schütteln das Image der <Überreste> von sich ab, wie man sich eines Kleides entledigt, das einem nicht mehr passt», sagt Edward Serotta, ein amerikanischer Fotograf und Autor, der seit Mitte der achtziger Jahre die jüdischen Gemeinden Ost- und Zentraleuropas dokumentiert. «Wir nannten sie die letzten Juden, doch sie benehmen sich nicht wie letzte Juden. Es gibt Kindergärten, Sommercamps, Schulen, Jugendprogramme und sogar Websites auf dem Internet.»
Die Auswirkung dieser Veränderungen ist weit über die ehemals kommunistischen Staaten hinaus spürbar. Das Auftauchen reaktivierter jüdischer Gemeinden im Osten hat, kombiniert mit der Entwicklung der neuen Vision eines pluralistischen, von künstlichen Ost-West-Gegensätzen befreiten Europas, für das europäische Judentum generell neue Chancen, Voraussetzungen und Herausforderungen geschaffen. Die neuen Freiheiten haben einer Welt der Alternativen Tür und Tor geöffnet, wobei die Folgen dieses Auswahlreichtums noch völlig im Dunkeln liegen. Juden in ehemals kommunistischen Staaten mögen wohl das Stigma der «Überlebenden» abwerfen, doch weiss noch niemand, ob diese sogenannte «jüdische Renaissance» bis ins 21. Jahrhundert anhalten wird.
Vergessen wir nicht, dass die Unterstützung der und die Infrastruktur für die jüdische Wiederbelebung in früher kommunistischen Bereichen grösstenteils von ausländischen Institutionen finanziert wurde und wird. Zu nennen wären hier die Ronald-S.-Lauder-Stiftung, das American Jewish Joint Distribution Committee und die Lubawitscher-Bewegung. Damit aber nicht genug: «Juden in Europa sind heute», wie die in Paris lebende Historikerin Diana Pinto erklärt, «in erster Linie
Vibrierendes jüdisches Leben
So gesehen kann sich dieser neue Rahmen als Basis für die potenzielle Entwicklung eines gestärkten und selbstbewussten europäischen Judentums erweisen, das sowohl zu einer positiven, kreativen Kraft in Europa werden kann als auch, was globale jüdische Angelegenheiten betrifft, zu einer «dritten Säule» neben dem US-Judentum und Israel. Von dieser Vision sprach man Ende Mai, als fast 600 Juden aus 39 Ländern sich in Nizza zur ersten Generalversammlung des Europäischen Rates Jüdischer Gemeinden (ECJC) einfanden. «Wir sind hier», sagte damals Ratsvorsitzende Ruth Zilkha, «um den Stolz und den Optimismus zu feiern, der darin zum Ausdruck gelangt, Juden in Europa und europäische Juden zu sein. Wir sind entschlossen, ein vibrierendes jüdisches Leben als Teil eines neuen demokratischen und pluralistischen Europas zu schaffen. Wir befinden uns in einem ganz besonderen Moment von Kreation und Vision.»
Diesem Optimismus standen düstere Vorhersagen, etwa des britisch-jüdischen Wissenschaftlers Bernard Wasserstein, gegenüber. Wasserstein fasste seine negativen Ansichten über die Zukunft des europäischen Judentums im kontroversen, vor drei Jahren publizierten Buch «Vanishing Diaspora» (Verschwindende Diaspora) zusammen. Indem er drastische negative demografische Statistiken heranzieht, die auf einer Kombination von Assimilation, sinkenden Geburtsraten und einer Massenauswanderung aus der Ex-UdSSR basieren, zieht Wasserstein das Konzept einer europäisch-jüdischen Renaissance arg in Zweifel. Im Gegensatz zum European Council, der von drei Millionen Juden in Europa spricht, setzt Wasserstein die Zahl der europäischen Juden auf zwei Millionen, bei sinkender Tendenz. Noch ein bis zwei Generationen, und dann wird es, so Wasserstein, «hier und dort noch Grüppchen, sich an ihren Glauben klammernder orthodoxer Juden geben - ein pittoreskes Überbleibsel, ähnlich den Amish People in den USA».
Juden in Ost- wie in Westeuropa sind sich in bitterer und frustrierender Klarheit dessen bewusst, dass zahlreiche ungelöste Herausforderungen der jüdischen Entwicklung im Wege stehen könnten, sowohl in einzelnen Gemeinden als auch weltweit. Wie etwa soll man mit den Spaltungen unter den Orthodoxen fertig werden, ganz zu schweigen mit den Unterschieden zwischen diesen und Nichtorthodoxen bzw. Säkularen? Was muss getan werden, um das Judentum zu einer echten Alternative auf dem ideologischen Marktplatz der Gegenwart zu machen? Wie ist die hohe Mischehenrate und die aus ihr sich ergebende Frage zu behandeln, wer als Jude zu betrachten sei? Kann ein Mensch in der Mitte seines Lebens eine jüdische Identität annehmen? Sollten Mischehen als Brücke oder als Barriere betrachtet werden? Wie muss der jüdischen Führungskrise auf lokaler, nationaler oder europäischer Basis begegnet werden? Und wie steht es um die sich wandelnden Beziehungen zwischen der Diaspora und Israel?
Mit vielen dieser Fragen müssen sich heute schon die Juden im demokratischen, pluralistischen und unbegrenzten Amerika befassen. Europas Juden stehen aber vor einem ganz anderen historischen und physischen Hintergrund. Zwei Drittel der europäischen Juden sind im Holocaust umgekommen. Jahrhundertealte Gemeinden gingen unter, und jene Juden, die überlebt haben - und ihre Kinder -, blieben mit einem Trauma zurück.
Integration nach 1989
Die künstliche Trennung zwischen Ost und West nach dem Krieg hat das osteuropäische Judentum vom Rest der jüdischen Welt abgeschnitten. Juden aus diesen Ländern, auch jene, die nach Deutschland oder Israel auswandern konnten, mussten oft mehr als nur die Gebete, Feiertagsgebräuche und Hebräisch lernen. Sie mussten sich die Bedeutung einer kollektiven Erinnerung und eines Zusammengehörigkeitsgefühls aneignen, mit dem auch säkulare Juden im Westen aufzuwachsen pflegen. Auch heute noch besitzen viele Juden im ehemals kommunistischen Block das, was der polnische Soziologe Pawel Spiewak als «leere» jüdische Identität definiert hat. Sie sind sich dieser Identität zwar bewusst, doch aus welchen Gründen auch immer sind sie nicht daran interessiert, diese zu vertiefen oder sich zu ihr zu bekennen. Besonders krass tritt dies in Ungarn zutage, dessen jüdische Bevölkerung sich irgendwo zwischen 54 000 und 130 000 Seelen bewegt. Wie in allen anderen Ländern der Region konnte man auch in Ungarn eine jüdische Renaissance feststellen. Dennoch gehören formell nur rund 6000 Juden, vor allem Betagte, einer religiösen Gemeinschaft an. Und nur schätzungsweise 20 000 Juden haben einen lockeren Kontakt zu irgendwelchen jüdischen Aktivitäten und Institutionen. Gemeindeaktivisten warnen davor, dass der jüdische Wiederbelebungsprozess zum Erliegen kommen könnte, wenn nicht jüngere, neue Führungskräfte bereit sind, die Zügel zu ergreifen, und wenn nichts unternommen wird, um das fortdauernde jüdische Engagement zu fördern. Internationale jüdische Organisationen richten zusehends Ausbildungsprogramme für Lehrer, Laienführer und Spendensammler ein. Der ECJC fördert grenzüberschreitende Kontakte, vermittelt Informationen über neue E-Mail-Links und Websites jüdischer Gemeinden und hilft bei der Organisation von Seminaren und anderen Aktivitäten inkl. internationalen Singles-Wochenenden.
Reicht das aber aus?
Nach Ansicht von Experten wird die für die jüdische Kontinuität im ehemals kommunistischen Europa nötige kritische Masse möglicherweise erst erreicht sein, wenn die Kinder der heute neu auftauchenden jüdischen Generation volljährig sind. «Die Jugend wird», so meint Spiewak, «den Charakter der jüdischen Gemeinde bestimmen. Die dritte Generation, die Kinder von jenen, die
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10 Jahre nach dem Mauerfall
Der Fall der Mauer am 9. November 1989 hatte weit über die Bundesrepublik Deutschland hinaus Bedeutung. Der Eiserne Vorhang fiel und Europa konnte langsam beginnen zusammenzuwachsen. Gleichzeitig markiert das Datum den Endpunkt des Kalten Krieges zwischen den USA und der damaligen UdSSR. Die Wiedervereinigung Deutschlands sowie die Integration Osteuropas in EU und Nato stellten die Normalisierung der Beziehungen dar. Abseits der Grosspolitik sind die betroffenen Menschen auch 10 Jahre nach dem Mauerfall mit den Konsequenzen dieser einschneidenden Entwicklung konfrontiert. Speziell auch für die Juden Osteuropas hatte sich nicht zuletzt durch die grosse Alija-Welle vieles verändert. In einigen Schwerpunktartikeln beleuchtet die JR die Auswirkungen des Mauerfalls auf die Juden Europas. - Die Redaktion


