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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Nervosität und Aktivität nehmen zu

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Nach eingehender Prüfung, und nachdem zuerst versucht worden war, abseits der Scheinwerfer der Öffentlichkeit etwas zu erreichen, bestätigt Jerusalem offiziell, dass keiner der 13 in Iran verhafteten Juden für Israel spioniert habe. Weltweit nehmen die Aktivitäten zugunsten dieser Menschen, von denen der jüngste gerade 16 Jahre alt ist, täglich zu. Kompliziert hat sich die Affäre durch die Enthüllung iranischer Diplomaten, wonach nicht nur Juden, sondern auch Moslems verhaftet worden seien.

Die offizielle Stellungnahme des Jerusalemer Aussenministeriums, wonach keiner der 13 in Iran verhafteten Juden im Alter zwischen 16 und 49 Jahren in Spionagetätigkeit für den jüdischen Staat verwickelt war, wurde erst nach «sorgfältiger und eingehender Prüfung mit den zuständigen Stellen» abgegeben, wie ein israelischer Offizieller dieser Tage der JR gegenüber erklärte. Im Klartext heisst das, die Geheimdienste Israels haben die Lebensläufe und Aktivitäten der Inhaftierten peinlich genau unter die Lupe genommen, bevor Aussenminister Sharon die erwähnte Erklärung abgeben durfte. Zuvor hatte die Zensur den Journalisten untersagt, über das Thema von Israel aus oder in den israelischen Medien zu berichten.An der bedrohlichen Lage der seit Monaten inhaftierten iranischen Juden ändert das alles allerdings herzlich wenig. Im Gegenteil: Mit der von offizieller iranischer Seite verbreiteten Version, wonach nicht nur die 13 Juden, sondern weitere iranische Bürger, unter ihnen auch Moslems, verhaftet worden seien, will Teheran offensichtlich der Affäre den «jüdischen Anstrich» nehmen und den Eindruck erwecken, es handle sich hier um eine interne Angelegenheit zwischen der Islamischen Republik Iran und einigen ihrer Bürger, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit. Noch unklar ist der Stellenwert der Äusserung Präsident Muhammed Khatamis, der sich verpflichtet hat, persönlich das Wohlergehen der Minderheiten in Iran zu garantieren. Bestätigen diese Worte die Spekulationen rund um das politischen Tauziehen zwischen iranischen Konservativen einerseits und den von Khatami angeführten Gemässigten, oder sollen die Äusserungen des Präsidenten nur die Weltöffentlichkeit beschwichtigen, die sich um das Schicksal der 13 Juden zusehends Sorgen macht?
Diese Sorge gelangt in fieberhafter Aktivität zum Ausdruck. Führende Persönlichkeiten in den USA, Deutschland, Israel, Frankreich, dem Vatikan, Japan, Kanada usw. haben sich der Sache angenommen. In Israel wurde bestätigt, dass nach Kontakten auf höchster Ebene zwischen Jerusalem und Bonn die Entsendung eines deutschen Sonderemissärs nach Teheran nicht auszuschliessen ist. Abe Foxman, Direktor der Anti-Diffamationsliga des Bnai Brith, meint, die internationale Koalition formiere sich. «Wir haben die Aufmerksamkeit der Welt geweckt», erklärte Foxman. Dass der iranische UNO-Botschafter aber bisher den amerikanischen Geistlichen Jesse Jackson nicht empfangen wollte, der am Sonntag an einem Gottesdienst in Manhattan für die inhaftierten Juden teilgenommen hatte, unterstreicht die zunehmende Intensität der psychologischen Kriegsführung in der Sache, aber auch eine Verhärtung der Fronten. Jackson, der vor einigen Wochen die Freilassung dreier US-Soldaten in Jugoslawien bewirkt hatte, kam letzte Woche in Los Angeles mit Angehörigen der in Iran inhaftierten Juden zusammen. Im Anschluss an dieses emotional verlaufene Treffen beschloss Jackson, eine öffentliche Kampagne zu lancieren. Noch hat er die Hoffnung auf ein Treffen mit dem iranischen Botschafter und vielleicht sogar auf die Erlangung eines Visums für Teheran nicht aufgegeben. Eine der Personen, die mit Jackson zusammenkamen, ist Nasrin Javaherian aus San Jose. Sie ist die Schwester von Nasser Levihaim (49), einem der Verhafteten. Als die Anklagepunkte bekannt wurden, rief sie fünfmal in einer Nacht ihre Verwandten in Iran an. «Ich war so verängstigt, ich weinte die ganze Zeit», erklärte sie gegenüber der Nachrichtenagentur JTA. Nasrin erzählte von ihrem Bruder, dem Leiter eines Elektro-Unternehmens in Shiraz. «Er ist Vater von drei Buben; der jüngste ist 18 Monate alt». Nasrin enthüllt, dass ihre Schwägerin ihrem inhaftierten Gatten einmal pro Woche koscheres Essen ins Gefängnis bringen dürfe, was aber mit vielen bürokratischen Umtrieben verbunden sei. Möglicherweise sei ihr Bruder verhaftet worden, weil er oft als Hebräisch-Lehrer volontiert habe. Den Vorwurf der Spionage bezeichnet Sam Kermanian, Generalsekretär der Iranisch-jüdischen Föderation in den USA, als lächerlich. «Niemand würde Spione aus einer Gruppe rekrutieren», meinte Kermanian, «die so sichtbar ist und von den Behörden ständig überwacht wird.» Der Generalsekretär sieht in den Verhaftungen der meist religiösen Personen viel eher einen Ausdruck des Missfallens wegen «Verbrechen» wie der Erteilung von Hebräisch-Unterricht, der Abhaltung von Religionsstunden und der Gesuche um Schliessung der Geschäfte am Samstag.

Für diesen Artikel wurde auch Material der Jerusalem Post und der Nachrichtenagentur JTA benutzt.





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