Musik an einem dunklen Ort
Zu ihrer Zeit wurde die von einem Leierkastenmann und Schulkindern handelnde Komposition, die schon 1939 anlässlich eines staatlichen Wettbewerbs entstanden war, ausserhalb der Theresienstädter KZ-Mauern zuerst durch einen dort gedrehten nationalsozialistischen Propagandafilm bekannt. Der Streifen «Der Führer schenkt den Juden eine Stadt» enthält eine Szene aus «Brundibár», in welcher inhaftierte Kinder mitwirkten, die nach den Dreharbeiten sogleich deportiert und in Auschwitz ermordet wurden. Demselben Transport gehörte auch Hans Krása an, der im Oktober 1944 in einer Gaskammer jenes Vernichtungslagers umkam.
Doch wer war Hans Krása, dessen Name meistens nur im Zusammenhang mit «Brundibár» genannt wird? Am 30. November 1899 in Prag zur Welt gekommen, nahm der jüdische Musiker erst bei Alexander Zemlinsky, einem vor allem von Gustav Mahler geförderten Wiener Komponisten und Dirigenten, privaten Kompositionsunterricht, bevor er 1924 in Paris bei Albert Roussel weiterstudierte und mit seiner Sinfonie für kleines Orchester im Théâtre des Champs-Elysées unter Walter Straram seinen ersten grossen Konzerterfolg feiern konnte. Zwei Sätze desselben Orchesterwerks wurden dem Schweizer Publikum erstmals während des 4. Festes der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik im Juni 1926 in Zürich vorgestellt, als Krása mit seiner von Vladimir Ashkenazy bei Decca (455 587-2, zusammen mit der Oper «Verlobung im Traum») eingespielten Sinfonie die erst acht Jahre zuvor gegründete Tschechoslowakei vertrat. Nachdem Max Brod schon die «technisch wohlfundierte Struktur» der Fünf Lieder op. 4 mit ihrem grotesken Einschlag (CD Supraphon SU 3334-2 231) gelobt hatte, erfuhr besonders die 1933 von Georg Szell in Prag aus der Taufe gehobene Oper «Verlobung im Traum» (CD Decca 455 587-2, Leitung: Lothar Zagrosek) starke Beachtung. Das auf Dostojewskys gleichnamiger Novelle basierende Bühnenwerk in zwei Akten wurde mit dem tschechischen Staatspreis ausgezeichnet, verschwand aber bald in der Versenkung. Dasselbe Schicksal widerfuhr auch dem bedeutendsten Kammermusikwerk Krásas, dem mit gespenstisch heulenden Glissandi aufwartenden Streichquartett von 1923 (CD Channel Classics CCS 3792). Zur Komposition kammermusikalischer Arbeiten nötigten den Musiker die rassenpolitischen Umstände zur Zeit des von Heydrich beherrschten «Reichsprotektorats Böhmen und Mähren», nachdem Krása ins «Musterlager» Theresienstadt verschleppt und mit der Leitung der Musiksektion der so genannten «Freizeitgestaltung» betraut worden war. Nebst einer viel Optimismus enthaltenden Ouvertüre für Kammerorchester (CD Edition Abseits, EDA 009-2, zusammen mit Werken von P. Haas, B. MartinÞu, F. Schreker) und den erstaunlich experimentierfreudigen Drei Liedern für Gesang, Klarinette, Viola und Violoncello auf Verse von Rimbaud (CD Supraphon SU 3334-2 231) entstanden in Theresienstadt die für Streichtrio gesetzten Kompositionen «Passacaglia und Fuge» (1943) und «Tanz» (1944), die beide vom La-Roche-Quartett auf Channel Classics CCS 3792 eingespielt wurden und die musikantische, von der tschechischen Volksmusik inspirierte Seite Krásas mit seiner kontrapunktischen Meisterschaft in Verbindung bringen. Auf dieser ausschliesslich dem vor hundert Jahren zur Welt gekommenen Prager Komponisten vorbehaltenen CD findet sich schliesslich auch das «Thema mit Variationen» betitelte 2. Streichquartett, das ebenfalls in jener tragischen Schicksalsgemeinschaft tschechischer Juden hervorgebracht wurde.
Von den diversen Aufnahmen der in zwei Versionen mit nur kleinen Besetzungsunterschieden überlieferten Kinderoper, deren Text der Jurist, Schriftsteller und Zeichner Adolf Hoffmeister schrieb, verdient diejenige unter der Leitung von Jo×za Karas (Channel Classics CCS 5193) schon deswegen spezielle Beachtung, weil sie mit dem tschechischen Originaltext vom Prager«Disman Radio Children’s Ensemble» gesungen und mit tschechischen Kinderliedern für Chor mit Streichquartettbegleitung von Franti×sek Doma×zlick´y kombiniert wird. Eine Kinderzeichnung aus Theresienstadt erinnert auf dem CD-Booklet an das Schicksal der jüngsten Inhaftierten in jenem nördlich von Prag gelegenen KZ, in dessen kulturellem Leben Krásas «Brundibár» eine herausragende, unvergessliche Rolle spielte.


