logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Mr Funky and Mrs Soul

von Regula Begert, October 9, 2008
Tanja und Phil Dankner waren als «Soul Affair» seit Jahren fester Bestandteil der Schweizer Musikszene. Nun nennt sich das talentierte Basler Geschwisterpaar selbstbewusst «dankner» und hat am vergangenen Mittwoch im Zürcher «Kaufleuten» das gleichnamige Album getauft.
Phil und Tanja Dankner: «Ein Leben für die Musik.» - Foto Esser

Mit unbeschwertem Lebensmut und naiver Neugierde blicken die runden dunklen Augen einen an. Sie gehören einem zerzausten Schimpansen-Baby und buhlen derzeit allüberall um Aufmerksamkeit. Man begegnet ihnen in Zeitungsinseraten, auf Plakatwänden und in den Schaufenstern von Musikgeschäften. «Das bin ich in jungen Jahren», scherzt Phil Dankner (29), wenn er erklären soll, weshalb das treuherzige Affenkind vom Cover des soeben veröffentlichten «dankner»-Albums in die Welt blickt. Charmanter Witz in Ehren, aber die Wahl des Bildes ist so zufällig, wie sie letztlich eine innere Logik aufweist: Die Arbeit fürs neue Album im Kölner Studio des musikalischen Mitstreiters und Produzenten Stefan Raab dauerte erst wenige Tage, als Phils Schwester Tanja (25) jene Seite mit dem Äffchen-Foto aus einer Zeitschrift gerissen und an die Studiowand gepinnt hat. Während der folgenden neun Monate begleiteten die neugierigen Knopfaugen die Entstehung der 14 Songs, mit denen Tanja und Phil Dankner eine neue Karrierestufe erreicht haben dürften.

Lohn für die Arbeit

Obwohl die Basler Geschwister seit Jahren professionell Musik machen, als Duo «Soul Affair» 1995 mit dem Nachwuchs-«Prix Walo» ausgezeichnet wurden und sich durch Professionalität auf der Bühne und im Studio sowohl beim Publikum als auch in der Schweizer Musikszene einen Namen gemacht haben, so richtig geklappt hat es mit der grossen Karriere bisher nicht. Nun aber ist ihnen gelungen, wovon viele Musikerkollegen in der Schweiz bisher nur träumen: Ein Plattenvertrag in Deutschland und der derzeit wohl begehrteste Show-Star im deutschen Raum als Produzenten und musikalischen Partner. Tausendsassa Stefan Raab, dem die deutschsprachige Show- und Medienszene nach seinen Erfolgen mit Bürger Lars Dietrich, Guildo Horn und spätestens seit der Erfolgssendung «TV total» aus der Hand frisst, ist überzeugt, dass Tanja und Phil das Potenzial für eine grosse Karriere haben. Deshalb hat er sein Interesse an einer musikalischen Zusammenarbeit den Geschwistern auch umgehend mitgeteilt, nachdem sie ihm 1998 bei einem seiner Schweizer Konzerte eine Demo-CD in die Hand drückten.
Es war nicht geschicktes Kalkül, das Tanja und Phil damals zu diesem Schritt bewogen hat. Raab ist ihnen wegen seiner Professionalität und dem Gefühl für Soul-, Funk- und R’n’B-Sounds aufgefallen und war zu dieser Zeit einer der wenigen, der im deutschen Raum entsprechende Musik komponierte oder produzierte. Ausserdem gab es «TV total» zu dieser Zeit noch nicht, Guildo Horns «Piep, Piep, Piep» oder sein eigener Hit «Maschen-Droht-Zäun» eroberte die Charts erst später. Dass Raabs derzeitiges Blödelbarden-Image auf das Projekt «dankner» negativen Einfluss haben könnte, glaubt Phil aber nicht: «Wer in der Musikbranche auch nur ein bisschen Ahnung hat, nimmt Stefan als Musiker und Produzenten durchaus ernst.» Und Tanja ergänzt: «Wir geben unserem Album das Gesicht, wir verkaufen unser Produkt. Stefan unterstützt uns zwar, steht aber weder bei Interviews noch auf der Bühne im Vordergrund. Dass er bei unserer Plattentaufe mit uns aufgetreten ist, war eine Ausnahme.»
Dankners sind überzeugt, dass sie mit Raab, seiner Plattenfirma und dem deutschen Management nach sieben Jahren endlich Partner gefunden haben, die dasselbe Ziel verfolgen. Für Raab seinerseits bietet «dankner» eine Möglichkeit, jenes Blödelbarden-Image wieder ein bisschen zu korrigieren und sich als «seriöser» Produzent und Musiker Gehör zu verschaffen. Dies wird jedoch erst zu Anfang 2001 der Fall sein, wenn das Album der Geschwister in Deutschland veröffentlicht wird. Bis dahin beackern Tanja und Phil den Schweizer Markt, geben Interviews und Konzerte und machen sich fit für die Arbeit in Deutschland, die ihnen wegen der grösseren Konkurrenz auch mehr Einsatz abverlangen wird. Aber die Chancen stehen gut. In der Schweiz ist die erste Single «Will I Ever» bereits ein Radio-Hit und eine Hitparaden-Platzierung liegt durchaus im Bereich der Möglichkeiten.

Oder doch Glückskinder?

«Glück gehört dazu, das wissen wir. Aber genauso haben wir während unserer jahrelangen Arbeit im Musikgeschäft gelernt, dass man eben auch beharrlich sein und Geduld haben muss», sagt Phil. Und Tanja ergänzt: «Aber wenn man nicht mit offenen Augen durch die Welt geht, bleibt einem das Glück verborgen.» Wenn Tanja und Phil Dankner über ihren musikalischen Werdegang nachdenken, beurteilen sie die heutige Situation als eine Kombination von harter Arbeit, organischem Wachstum und eben jenem Quentchen Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Sie haben sich in der Schweizer Showszene jahrelang die Sporen abverdient und stehen mit beiden Füssen auf dem Boden und im Leben. Dass sie wie manch andere Musikerinnen und Musiker nach einem Karrieresprung den Bezug zur Realität verlieren, scheint ausgeschlossen. Zumal für sie Erfolg nicht heisst, im Wesentlichen viel Geld zu verdienen und an VIP-Anlässen in Kameras zu lächeln. Tanja sieht das Ziel anderswo: «Erfolg heisst für uns, den Menschen mit unserer Musik Freude zu bereiten. Wenn wir auf der Bühne stehen und dann sehen, dass die Leute mit zufriedenen Gesichtern nach Hause gehen, haben wir sehr viel erreicht.» Phil stimmt zu und bekräftigt: «Wenn sie dann auch noch unsere CD kaufen, umso besser. Aber abgesehen vom Erfolg beim Publikum ist es für uns als Vollblutmusiker natürlich auch wichtig, dass wir den eigenen Ansprüchen genügen. Und mit jedem Auftritt, mit jeder Platte, musikalisch dazulernen und besser werden.»
Wer so redet, muss ein Vollblutmusiker sein. Phil Dankner ist überzeugt, für die Musik geboren worden zu sein, auch wenn er bis heute nicht richtig Noten lesen kann. Im Alter von vier Jahren begann er mit klassischem Klavierrunterricht und machte schnell Fortschritte. Als er seine Fähigkeiten dann auch auf dem Keyboard anwendete, entdeckte er das Talent fürs Songwriting. Zunächst schrieb er ausschliesslich für Musikerkollegen und arbeitete für verschiedene Schweizer Showgrössen im Hintergrund. Erst als er sich zur Zusammenarbeit mit Schwester Tanja entschloss, wurde die Musik zum Familienprojekt. Denn auch Tanja ist vom Virus Musik angesteckt worden. Bereits als Dreikäsehoch sang sie zu Phils Klavierspiel, war begeistert von Musicals und Strassenmusik und perfektionierte ihre Stimme über die Jahre hinweg vor allem autodidaktisch. Gesangsunterricht hat sie nie wirklich genossen - was ihr heute kaum jemand glaubt.
Musik hat in der Familie Dankner zwar immer eine Rolle gespielt, aber die Geschwister können sich nicht auf den Rückhalt einer Musikerdynastie beziehen. «Wir sind wohl einfach die ersten \"Verrückten\", die sich voll und ganz der modernen Musik verschrieben haben», meint Phil. Zwar widmeten sich beide Grossväter - einer als Geiger in einem Philharmonie-Orchester, der andere als Pianist - beruflich der Musik, für die Eltern von Tanja und Phil war Musik aber lediglich ein Freizeitvergnügen. Beide sangen zu Hause viel und oft und Musik hören fand stets Platz. Phil und Tanja sind mit den Songs von Earth, Wind & Fire, Mahalia Jackson, Aretha Franklin oder auch Barbra Streisand aufgewachsen. Dass die Jungmannschaft sich fürs Dasein als Profimusiker und also für einen so genannt «brotlosen Job» entschieden hat, führte zwar auch im Hause Dankner zu Diskussionen. Aber Unterstützung aus dem Elternhaus war dennoch stets gegeben. Phil: «Die Eltern sind unsere grössten Kritiker und unser \"intimes\" Management - sie betreuen heute die Fanpost und helfen uns, wo sie können.»
Tanja und Phil sind überzeugt, dass sowohl das Wohlwollen der Eltern als auch die Musik ihrer Kindheit sie stark beeinflusst haben. Und sie zum Genre führte, in dem sie ihre eigene musikalische Identität gefunden haben: Soul, R’n’B und Funk. Phil beschreibt es so: «Diese Musik ist und bleibt zeitlos. Sie erlaubt uns, unsere Gefühle auszudrücken und Geschichten zu erzählen.» Dass aus «Soul Affair» nun «dankner» geworden ist, erscheint in diesem Licht zunächst widersinnig, ist aber genauso folgerichtig. Tanja und Phil Dankner bekennen sich zu ihrer Identität als professionelle Musiker und moderne junge Menschen.

Weltoffenes Elternhaus

Wie Dankners ihre musikalische Identität leben, spiegelt sich in ihrer grundsätzlichen Einstellung zum Leben. Das heisst für sie einerseits Zuversicht und Offenheit, andererseits Verantwortung sich selber, dem Umfeld und der Welt gegenüber. Sie sind sich ihrer Wurzeln bewusst, verstecken sie auch nicht, definieren sich aber nicht über den jüdischen Glauben. Beide räumen der Spiritualität in ihrem Leben viel Raum ein, aber dass Dogmen oder Moralvorstellungen spirituelle Gefühle einschränken sollten, können sie sich nicht vorstellen. Für Tanja und Phil Dankner spielt es keine Rolle, aus welchem Teil der Welt Menschen kommen, welche Hautfarbe sie haben oder welcher Religion sie angehören. Phil beschreibt es so: «Ich bin in diese Welt geboren worden und mein Hintergrund, meine Erfahrungen und meine Wurzeln bestimmen mich bis zu einem gewissen Grad. Was ich aber mit all diesen Dingen anfange und wie ich sie für mich nutze, liegt in meiner eigenen Verantwortung.» Auch Tanja ist überzeugt, dass man Gefühle und Überzeugungen leben muss - in der Welt, wie sie sich heute zeigt. Ideologien oder Dogmen würden da nur einschränken und zu Problemen führen, die es im Grunde gar nicht gibt. Tanja und Phil Dankner bewegen sich in einem multikulturellen, multireligiösen Umfeld und wurden seit Kindsbeinen zu Weltoffenheit und Selbstverantwortung erzogen. Man pflegt im Hause Dankner Kontakte zu Verwandten und Bekannten aus der ganzen Welt und legt Wert auf toleranten Umgang miteinander. «So wie ein ganz normales Familienleben eben sein muss», sagt Tanja lachend.

Ein eingespieltes Team

Der gemeinsame Hintergrund einer glücklichen Kindheit erklärt die Harmonie, die zwischen den Geschwistern zu spüren ist. Die beiden Persönlichkeiten scheinen sich bestens zu ergänzen. Phil übernimmt - ganz älterer Bruder - dabei eher den ruhigeren, überlegteren Part und überrascht nicht selten mit treffendem, dezentem Witz. Tanja ist quirliger, sprudelnder und lebt ihre Energie nicht nur auf der Bühne aus. Die charakterlichen Gegensätze bestimmen die Aufgabenverteilung bei Live-Auftritten der Geschwister. «Aber manchmal tauschen wir die Rollen - wenn Phil singt, kann ich mich zurückziehen», erklärt Tanja. Und Phil kann durchaus «auch den Joggeli usehänke», wie er lachend meint. Im Studio hat eher Phil die Fäden in der Hand, immerhin komponiert er die Songs. Tanjas improvisatorische Künste sind aber von grosser Bedeutung, zumal sie für die Texte verantwortlich zeichnet. «Unsere Gegensätze stehen uns nicht im Weg, ganz im Gegenteil. Denn irgendwie sind wir ja auch seelenverwandt», präzisiert Tanja, «und ausserdem können wir sehr gut kommunizieren, was wir meinen und was uns wichtig ist.» Wer beruflich so viel Zeit zusammen verbringt, muss sich auch privat sehr gut verstehen. Die beiden kennen sich mittlerweile gut genug, einander auch privat genügend Raum zuzugestehen. Gleichwohl verbringen sie ihre Freizeit zu grossen Teilen gemeinsam und haben einen ähnlichen Freundeskreis. Und dass eines der Geschwister jemanden kennen oder lieben gelernt hätte, der beim anderen auf Widerstand stiess, ist bisher auch nicht vorgekommen. «Aber das liegt wohl auch daran, dass wir einander sehr viel Toleranz entgegenbringen», erklärt Tanja. Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, dass sich Tanja und Phil je in die Haare geraten. Offen, kommunikativ, spontan und charmant begegnen sie auch ihren Fans und schreiben selbst dann mit Engelsgeduld Widmungen auf Autogrammkarten, wenn der nächste Termin drängt. Ihre Unbeschwertheit und ihr Optimismus wirkt ansteckend und so erstaunt es nicht, dass sie dem karrierebedingten Druck gleichsam mühelos Stand halten. Tanja begründet dies so: «Man ginge unter, wenn man sich in diesem Geschäft allzu ernst nehmen würde. Deshalb leben wir einfach im Moment, bleiben uns selber und können auch über uns lachen.»
Tanja und Phil Dankner gehören nicht zu den Musikern, die um jeden Preis Karriere machen wollen. Natürlich wäre ihre Freude umso grösser, wenn «dankner» in der Schweiz und in Deutschland vom Publikum gut aufgenommen würde und von Erfolg gekrönt würde. Sicher sind sie sich dessen keineswegs, auch wenn die Voraussetzungen besser denn je sind. «Wir wollen in erster Linie Musik machen und auftreten. Und dafür werden wir immer Möglichkeiten finden.» Verbissenheit ist ihre Sache nicht. Und das unbeschwerte Affenkind ist also nicht nur durch Zufall auf dem Albumcover gelandet...

*****

Frühlingsmusik?

Was Tanja und Phil Dankner auf «der Plätte mit dem Äffen dräuf» bieten, sorgt eher für Frühsommer- denn für Spätherbst-Stimmung: Breakbeat-orientierter Soulpop («Lovestories»), spritziger Disco-Funk («Ce qu’on sait», «Real Thing»), zuversichtlich groovender R’n’B («Will I Ever», «This Weekend») und entspannter Lounge-Sound («I Will Be There», «Cause I Never»). Fliessende Melodien und unbeschwerte Arrangements vermählen sich mit solidem Handwerk, ohne dass die Unbeschwertheit verloren geht. Tiefe zu erwarten wäre vermessen. Aber «Dankner» werden kalte Temperaturen vergessen lassen und lange Nächte verkürzen.
«dankner» (Edel / Phonag); Release: 23. 10. 2000.
Weitere Informationen: www.dankner.de


» zurück zur Auswahl