Mossad-Prozess in Lausanne?
Zwei Uniformierte in einem Streifenwagen erschienen und sahen eine Anzahl Leute in merkwürdigen Situationen. Vor dem Wohnblock schien ein Mann einen Herzanfall zu erleiden, und eine Frau kümmerte sich um ihn. Im Keller waren eine weitere Frau und zwei Männer in eine heisse Liebesszene vertieft. Die Polizisten sahen keine Zeichen eines Einbruchs, nahmen aber die fünf mit auf den Posten. Vier wurden bei Tagesanbruch freigelassen. Der fünfte jedoch blieb in Gewahrsam, weil er sich standhaft weigerte, seinen Koffer zu öffnen, der ein israelisches Diplomatensiegel trug. Der Polizeiposten Köniz informierte frühmorgens die Bundespolizei. Die Zeitungen berichteten, dass sie im Koffer elektronisches und Einbruchwerkzeug fand, und zwar von einem Hightech-Standard, der den Schweizer Beamten das Wasser in die Augen trieb. Den braven Streifenpolizisten waren offenbar fünf Agenten der angeblich besten Spionageorganisation der Welt, des israelischen Mossad, in die Hände gefallen. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass sie im Keller des Könizer Wohnblocks eine so genial einfache wie technisch hochstehende und raffiniert getarnte Abhöranlage installiert hatten. Ein Mobiltelefon hätte alle Telefongespräche aus der angezapften Leitung einer bestimmten Wohnung nach Jerusalem weitergeleitet. Die Wohnung, so sagte der zurückbehaltene Agent, werde von einem Libanesen namens Abdallah E. bewohnt, der Verbindungen zur Hizbollah pflege. Nur: Der Mann wohnte schon längst in einer anderen Schweizer Stadt. Er bestritt zudem die Anschuldigungen des israelischen Agenten. Die vier Freigelassenen hatten das Land bereits verlassen, als in Bern und Köniz die Wahrheit dämmerte. Der fünfte besass einen echten israelischen Pass auf den Namen Isaac Bental, der offenbar falsch war. Nun schaltete sich Bundesanwältin Carla Del Ponte ein. Gegen die vier Verschwundenen wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen, der selbstverständlich bisher ohne Resultat blieb. «Isaac Bental» wurde gegen eine Kaution freigelassen, die laut Gerüchten und Berichten nicht weniger als drei Millionen Franken betrug. Ein israelischer Staatsanwalt flog kurz ein und versicherte, der Mann würde wieder in die Schweiz kommen, sofern es einen Prozess gäbe.
Vorbeizielende Anschuldigungen
Die Affäre wirbelte in der Schweiz eine Menge Staub auf. Eine Weile hing sogar der oft verschobene und angesichts der israelischen Vorwürfe wegen der Rolle der Schweiz zur NS-Zeit höchst heikle Israel-Besuch des damaligen Bundespräsidenten und Aussenministers Flavio Cotti in der Schwebe. Politiker, die ohnehin wegen der Vergangenheitsdebatte und den sowohl lautstarken wie auch manchmal haarscharf neben den Tatsachen vorbeizielenden Anschuldigungen von Avraham Burg, Avraham Hirschson und anderen Spitzenpolitikern aufgebracht waren, opponierten gegen die Reise. Doch sie konnte mit Bundesratsbeschluss in letzter Minute wie vorgesehen im Mai 1998 stattfinden. Israel hatte sich am Ende doch noch dazu bequemt, eine zwar hölzerne, aber dennoch offizielle Entschuldigung wegen der Affäre auszusprechen. Und beide Seiten konnten während Cottis Besuch nicht oft genug wiederholen, wie entspannt und freundschaftlich die Beziehungen zwischen beiden Staaten seien. Beide Streitpunkte, die nachrichtenlosen Vermögen wie die Mossad-Affäre, kamen nochmals ins Spiel, als Sion kürzlich nicht den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2006 erhielt. Der «Blick» meldete auf der Frontseite, aus diesen Gründen habe das Komiteemitglied Alex Giladi gegen die Schweiz lobbyiert, ein Israeli, der heute in New York lebt und früher angeblich Mossad-Agent gewesen sein soll.
Der Wechsel Yatoms
Aufmerksame Schweizer horchten auch auf, als kürzlich Dany Yatom, der nach der seltsamen Könizer Aktion und anderen, noch weit schlimmeren Flops als Mossad-Chef zurücktreten musste, einen hohen Posten im Amt des neuen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak erhielt, vergleichbar jenem des mächtigen Stabschefs im Weissen Haus. Nun scheint der nächste Akt der filmreifen Seifenoper bevorzustehen. Die Berner Bundesrichterin Monique Saudan schloss kürzlich ihre Untersuchungen im Auftrag der Bundesanwältin ab und befand, es gebe genügend Anhaltspunkte, um «Isaac Bental», den israelischen Hängemann, formell anzuklagen. Zeitungen berichteten, dass Carla Del Ponte vermutlich zum gleichen Schluss gelangen wird. Und dann steht ein Prozess vor dem Bundesgericht in Lausanne an, der Israel in ein Dilemma stürzen dürfte: Kommt der israelische Agent wie versprochen in die Schweiz, so wird der Prozess wohl zum internationalen Zirkus. Kommt er jedoch nicht, riskiert Israel internationale Vorwürfe. Der Mossad-Krimi ist noch nicht zu Ende.


