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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Mischehen als Realität

von Olivier R. Lasowsky, October 9, 2008
Die Mehrheit der amerikanischen Jüdinnen und Juden hat kein Problem mit der steigenden Anzahl der Mischehen in Amerika, so der Befund einer Umfrage des American Jewish Committee (AJC). Vielmehr sehen viele der Befragten die Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden als eine unausweichliche Realität der amerikanischen Gesellschaft, stellt das AJC fest.

Einmal pro Jahr fühlt das American Jewish Committee (AJC) den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern des Landes auf den Zahn. Mittels einer repräsentativen Telefonumfrage werden rund 1000 Personen zu ihren Positionen bezüglich Israel, Antisemitismus, Politik und jüdischer Identität befragt. Das Novum der diesjährigen Umfrage: zum ersten Mal wurden auch Fragen zum Thema Mischehen gestellt.
Bei den traditionellen Themen gibt es keine neuen Trends zu vermerken. Die jüdische Bevölkerung Amerikas zeigt nach wie vor eine starke Bindung zu Israel, sorgt sich um den Antisemitismus und unterstützt zu 75 Prozent die Demokratische Partei und deren Präsidentschaftskandidaten Albert Gore Jr. Um so mehr geben die Befunde zu den Fragen über Mischehen zu reden. «Das Tabu der Mischehen ist zusammengebrochen», sagt David Singer, Leiter der Forschungsabteilung des AJC. Die Resultate der Umfrage sprechen deutliche Worte. Von den Befragten missbilligen lediglich 12 Prozent Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden. 40 Prozent äussern sich neutral zu diesem Thema und gar 16 Prozent sehen Mischehen als etwas Positives.

Kein Problem für Lieberman

In einem Radiointerview während des amerikanischen Wahlkampfs erklärte der Vizepräsidentschaftskandidat Joseph Lieberman, dass er, als orthodoxer Jude, kein Problem habe, Mischehen zu akzeptieren. Wegen dieser Aussage geriet Lieberman von vielen jüdischen Organisationen unter Beschuss. Doch die vorliegende Umfrage scheint zu bestätigen, dass Liebermans Aussage der Meinung der Mehrheit der amerikanischen Juden und Jüdinnen entspricht. 56 Prozent aller Befragten würde es nicht stören, wenn deren Kinder in einer Mischehe leben würden. Dieser Ansicht stimmten 16 Prozent der Orthodoxen Juden, 43 Prozent der Konservativen, 73 Prozent der Reformen und 81 Prozent der Juden ohne Synagogenzugehörigkeit zu.
Den nicht-jüdischen Partner oder die Partnerin zum Übertritt zu ermutigen, ist zwar für knapp einen Drittel der Befragten die beste Lösung, um der steigenden Tendenz der Mischehen entgegenzuwirken. Doch für 50 Prozent ist dies keine Lösung. Sie fordern Akzeptanz der Mischehen und erachten den Widerstand gegen dieselbe als purer Rassismus. Nichtsdestotrotz glauben gut zwei Drittel der Befragten, dass die jüdische Gemeinschaft eine Verpflichtung hat, die Juden und Jüdinnen aufzufordern, jüdisch zu heiraten.

Ausgrenzung vs. Integration

Aus der Umfrage ist ersichtlich, dass eine grosse Mehrheit - gut drei Viertel der Befragten - von den Rabbinern fordert, die Trauungszeremonie bei Mischehen durchzuführen. Doch die Akzeptanz in der Bevölkerung spiegelt sich nicht in den Praktiken der amerikanischen Rabbiner. Die Mehrheit der Rabbiner nehmen nämlich keine Mischehen-Trauungen vor. Den Orthodoxen und Konservativen Rabbinern ist dies verboten, und etwa die Hälfte der Reform-Rabbiner weigert sich, von ihrer Erlaubnis, dies zu tun, Gebrauch zu machen. Die wachsende Akzeptanz für Mischehen in der amerikanisch-jüdischen Bevölkerung und der damit verbundene Rückgang von Übertritten bei Mischehenpartern und -partnerinnen sei erschreckend, sagt Steven Bayme, Direktor des Departements für zeitgenössische Fragen des AJC. Die jüdische Gemeinschaft könne sich keine Indifferenz bezüglich Mischehen leisten. Die jüdische «Leadership» müsse ihre Ziele deutlich formulieren, damit die Zukunft der jüdischen Kontinuität gewährleistet werden kann. Doch nicht alle sehen die Befunde der Umfrage in einem negativen Licht. So sind die Befürworter der Mischehen glücklich, dass nun endlich ihre Ansichten in einer repräsentativen Umfrage festgehalten wurden. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur JTA sagt Ed Case, Verleger des Internet-Magazins InterfaithFamily.com: «Anstatt den Untergang des amerikanischen Judentums heraufzubeschwören, wäre es nun an der Zeit, dass die Führung der jüdischen Gemeinden die Hände ausstreckt, um die Menschen, die in Mischehen leben, in die Gemeinden zu integrieren».





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