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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Menora und Chanukkia - Symbole des jüdischen Volkes

von Marc David Herzka, October 9, 2008
Um den Verbleib der von den Römern geraubten Menora, die in Jerusalem Salomons Tempel schmückte, ranken sich zahlreiche Legenden. Manche Historiker vermuten die Tempelmenora in den Kellergewölben des Vatikans. Historisch belegt ist einzig, dass der ganz aus Gold erschaffene siebenarmige Leuchter im Jahre 70 unserer Zeitrechnung vom römischen Kaiser und Feldherrn Titus nach Rom gebracht wurde. Er ist bis heute auf dem grossen Triumphbogen, den Titus in Rom errichten liess, abgebildet - als ein weiteres Beutestück unter tausend anderen. Während der Jahrhunderte ist die siebenarmige Menora zu einem wichtigen Symbol des Judentums geworden. Zu einem Symbol, das jeweils an Chanukka in Millionen jüdischer Haushalte als achtarmiger Leuchter in neuem Glanz erstrahlt.
Das Licht der Befreiung: Chanukkiot im Schaufenster eines israelischen Silberhändlers. - Fotos MDH

Ganze Generationen von Historikern haben nach ihr gesucht, gefunden hat sie bis heute noch niemand: Die siebenarmige Menora (hebr. für Leuchter, Plural: Menorot) des Zweiten Tempels zu Jerusalem wurde zuletzt bei Titus’ Triumphzug vor über 1900 Jahren in Rom gesehen. Was die römischen Imperatoren mit dem aus Jerusalem entführten goldenen Leuchter letztlich gemacht haben, darüber streiten sich die Experten bis heute. Fest steht einzig, dass den römischen Steinmetzen, die den Triumphbogen gestalteten, ein Fehler unterlaufen ist, denn die auf dem Titusbogen abgebildete Menora entspricht nicht exakt der biblischen Beschreibung. Die Tempel-Menora - der als Trägerin des Lichts im Zweiten Tempel eine wichtige Funktion zukam - soll, so glauben viele Forscher, nach dem Triumphzug von Vandalen nach Karthago und später von dort nach Konstantinopel verschleppt worden sein. Einem hartnäckigen Gerücht zufolge soll der kostbare, über einen Meter hohe Leuchter bis heute in den Kellergewölben des Vatikans versteckt gehalten werden. Gemäss anderen Quellen soll die Menora vor Jahrhunderten von sachkundigen Kunsthändlern erstanden und Eingang in die Sammlung eines Kunstliebhabers in Kleinasien gefunden haben.
Zuverlässigere Informationen liegen über Beschaffenheit und Funktion der allerersten Menora vor: Die biblische Menora wird im 2. Buch Mose, 31-40, und im 4. Buch Mose, 8, 4, beschrieben. Überdies wird sie in den Visionen des Propheten Sacharja (Kapitel 4) erwähnt. Gemäss diesen detaillierten Beschreibungen besteht die Menora aus einem mittleren Ast, von dem zu beiden Seiten drei Arme abzweigen, die einen nach oben gekehrten Bogen bilden. Sowohl der mittlere Ast wie auch die drei seitlichen Arme tragen oben in einer waagrechten Linie je ein Gefäss für das Olivenöl, inklusive Ausgussschnabel und Docht. Wenn diese Lichter entzündet werden, so brennen sie in einer geraden, waagrechten Linie. Der Leuchter ist so geformt, dass die sechs seitlichen Lichter, drei auf jeder Seite, dem mittleren Licht zustreben. Die Tempelmenora war aus reinem Gold geschaffen und mit Kelchen, Knäufen und Blumen in genau vorgeschriebener Zahl geschmückt. Gewisse stilistische Elemente dieser Verzierungen haben sich - insbesondere auf Menorot aus dem osteuropäischen Raum - über die Jahrhunderte retten können und können auch auf Menorot, die im 18. Jahrhundert geschaffen wurden, bewundert werden.

Die biblische Menora

Im Stiftszelt und im Ersten Tempel stand der goldene Leuchter in demjenigen Teil, der als das Allerheiligste bezeichnet wurde. In dessen Mitte befand sich, dem Vorgang zum Allerheiligsten zugewandt - in welchem sich Lade und die Bundestafeln befanden, die es im Zweiten Tempel schon nicht mehr gab – der goldene Altar für das Räucherwerk. An der Wand, wahrscheinlich entlang der Längsseite rechts zum Eingang des Heiligen, stand die Menora. Schlicht in ihrem Design, aber unübersehbar in ihrer Ausstrahlung. Auf ihrer gegenüberliegenden Seite stand der goldene Tisch, auf dem die Schaubrote lagen. Wurden die mit Olivenöl gefüllten Schalen der Menora entzündet, so erstrahlte sie zu einem traumhaft schönen Lichtbaum. Dessen Licht, so überliefern historische Quellen, strahlt bis zu Gott empor; ihm strahlen alle Lichter entgegen, um in ihm aufzugehen, mit ihm in einer Einheit zu verschmelzen. Das Licht als Metapher für Vollkommenheit. Diese Menora streut ihr Licht im Heiligen aus und beleuchtet über den Altar hinweg auch das Brot. Es ist die Menora, die gemäss der Überlieferung zur Zeit der heldenhaften Makkabäer zum Weihfest des Zweiten Tempels insgesamt acht Tage brannte. Dies, obwohl sie nur von einem kleinen Ölkrüglein gespeist wurde, das unversehrt gefunden und für den Gebrauch im Tempel als rein befunden worden war.

Die Chanukkia - mehr als ein Freiheitssymbol

An Chanukka - dies ist der Hauptunterschied zu der im Tempel verwendeten siebenarmigen Menora - müssen am Chanukkaleuchter (hebr.: Chanukkia) acht Lichter brennen. Die achtarmigen Channukiot besitzen zu beiden Seiten des mittleren Astes vier Arme, also insgesamt acht Kerzenhalter. Der mittlere Ast trägt in der Regel kein Licht, er ist dafür umso schöner verziert. Dieser achtarmige Leuchter wird auch «Menora für das Chanukkafest» genannt. Neben den acht Kerzenhaltern oder Näpfchen gibt es an jedem Chanukkaleuchter einen neunten, der nach oben, nach vorn oder seitlich hervorragt. Dies ist der Schamasch, der Diener des Lichts. Diese Kerze wird vor allen anderen gezündet. Mit ihr werden alle anderen Lichter entzündet. Der Schammes wird auch gebraucht, falls eines der anderen Lichter vorzeitig ausgehen sollte.Da nirgends vorgeschrieben ist, dass für das Chanukkalicht Öl verwendet werden muss, werden im Allgemeinen Kerzen gezündet.Wer sich auf einer Reise befindet und keine Chanukkia zum Entzünden dabei hat, darf auch acht kleine Lampen oder Kerzen nehmen, sie in einer geraden Reihe aufstellen und anschliessend jeden Abend die richtige Zahl entzünden. Denn es ist nirgendwo festgehalten, dass eine Menora verwendet werden muss, auch wenn natürlich die Ausstrahlung einer kunstvoll gearbeiteten Menora der Chanukkafeier einen besonders feierlichen Anstrich verleiht.
Wichtig ist der Akt des Entzündens der Lichter. In der Synagoge, wo die Menora seitlich rechts vor dem Thoraschrank platziert wird, sodass die Kerzen parallel zu den Seitenwänden der Synagoge stehen - also von Westen nach Osten, Jerusalem zugewandt, verlaufen - lobt der Kantor Gott, «- der uns geheiligt durch seine Gebote und uns befohlen hat, das Chanukkalicht anzuzünden. - König der Welt, der du uns hast Leben und Erhaltung gegeben und uns hast diese Zeit erreichen lassen». Am ersten Abend wird ein erstes Licht gezündet, bevor der Gottesdienst fortgesetzt wird. Am zweiten Abend werden mit der gleichen Zeremonie zwei Lichter gezündet, wobei zuerst das neue Licht gezündet wird und erst dann das Licht vom vorherigen Tag. Denn das Wunder des Lichtes im Tempel zu Jerusalem wuchs ja auch mit jedem neuen Tag. Kaum bekannt ist, dass es über die Reihenfolge, in welcher die neuen Lichter entzündet werden müssen, unterschiedliche Auffassungen gibt. Überliefert ist ein Disput zwischen Hillel und Schammai aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Schammai vertrat die Ansicht, dass man in der ersten Nacht alle acht Lichter zünden solle. Bis zur letzten Chanukkanacht sollten die weiteren Lichter in abnehmender Zahl gezündet werden. Hillel hingegen war gegenteiliger Meinung. Er vertrat ein rabbinisches Prinzip, welches besagt, dass - wie im Leben überhaupt - es darum gehe, «die Heiligkeit (eines Prozesses) immer zu erhöhen, anstatt abnehmen zu lassen». Diese Meinung hat sich durchgesetzt. Deshalb werden heute die Lichter in zunehmender Reihenfolge gezündet. Es ist Brauch, dies an einem Fenster zu tun, um das Wunder des Tempellichtes, das für acht Tage reichte, überall bekannt zu machen.
Ursprünglich durfte kein einziger im Tempel zu Jerusalem gebrauchter Kultgegenstand originalgetreu nachgebildet werden. Mit dieser Vorschrift wurde verhindert, dass neben Jerusalem ein zweiter jüdischer Kultort entstehen konnte. Trotzdem wird die siebenarmige Menora seit langem für Synagogen und als Schabbatmenora für zu Hause nachgebildet.
Während des langen Exils des jüdischen Volkes gewann die Menora als Symbol der Freiheit und der Einheit immer mehr an Bedeutung. Aus dem Zweiten Weltkrieg ist überliefert, dass Juden, die von Hitlers Schergen zur Flucht gezwungen wurden, nebst Gebetbüchern nicht selten als einziges Kultstück ihre Menora auf die Reise in eine ungewisse Zukunft mitnahmen.

Kunst und Kommerz

Die Menora schmückt heute nicht nur das Briefpapier der israelischen Botschaften in aller Welt, sondern ist bereits millionenfach auf Werbeplakaten des israelischen Verkehrsvereins und auf T-Shirts abgebildet worden. Eine riesige siebenarmige Menora steht vor der Knesset. Allenthalben haben sich jüdische Kunstschaffende mit dem Thema beschäftigt und versucht, Chanukkiot mit einer persönlichen Aussage zu kreieren. Skulpturen wie die 1988 von Ofer Lellouche geschaffene Freiluft-Channukia, die heute im Skulpturengarten der Tel Aviver Universität zu sehen ist, haben in Israel inzwischen Eingang in die zeitgenössische Kunstszene gefunden.
Die Beschäftigung mit dem siebenarmigen Leuchter hat in der jüdischen Kunstgeschichte eine lange Tradition: In vergangenen Jahrhunderten wurden etwa in Polen Chanukkaleuchter vornehmlich mit Tierfiguren wie Löwe, Adler oder Schwan geschmückt. Heute sind manche dieser klassizistischen Menorot, die zumeist in horizontaler oder halbrunder Form gestaltet wurden und bloss als Unikate existieren, bei Sammlern sehr beliebt.
Vor Chanukka sind exklusive, von Künstlerhand gestaltete Leuchter auch als sinnerfülltes Geschenk sehr beliebt. «Noch nie gab es so viele verschiedene Chanukkiot wie dieses Jahr», weiss David Ben David, Besitzer einer Boutique in Jerusalems Fussgängerpassage Ben Jehuda. «Wenn ich wollte, könnte ich mein ganzes Geschäft mit neuen Chanukkaleuchtern füllen. Praktisch jeden Tag kommt ein aus Russland eingewanderter Künstler zu uns, um neue, gelungene Modelle anzubieten. Aber auch arrivierte israelische Künstler wie Agam oder Karshi beschäftigen sich intensiv mit der Kreation neuer Chanukkiot.» Mit Humor gestaltete Chanukkaleuchter wie etwa diejenigen, die mit aus Plastilin hergestellten Chassidim (Frommen) dekoriert sind, verkaufen sich vor allem bei jungen Ehepaaren gut. «Ältere Semester», weiss Ben David, «interessieren sich eher für Chanukkiot aus Silber oder Gold. Und leichte künstlerische Änderungen in der Form akzeptieren vor allem die Europäer. Die Amerikaner hingegen verfügen über einen eher konservativen Geschmack und orientieren sich an klassischen Modellen. Dafür sind sie auch schneller bereit, für ein handwerklich gut gemachtes, traditionelles Modell gleich mehrere hundert Dollar auszugeben.»





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