Mehr Intoleranz gegen arabischen Judenhass gefordert
Die Juden in aller Welt, und nicht zuletzt der Staat Israel, müssen dem arabischen und islamischen Antisemitismus gegenüber härter auftreten. Das forderte anfangs Woche Abe Foxman, Direktor der Anti-Diffamations Liga (ADL), anlässlich eines Gesprächs mit Journalisten in Jerusalem. «Was den Antisemitismus betrifft», betonte Foxman, «haben wir uns den Arabern gegenüber stets toleranter gezeigt als etwa Europa oder den USA gegenüber.» Das arabische Verhalten sei, so wurde immer wieder argumentiert, politisch motiviert und müsse im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt gesehen werden. «Angesichts des Preises des Hasses, den wir in dieser Beziehung zahlen», meinte Foxman, «ist für uns die Zeit gekommen, dieser Erscheinung gegenüber ein höheres Niveau der Intoleranz an den Tag zu legen und für die arabische Welt in dieser Beziehung die gleichen Massstäbe zu verwenden wie Europa und den USA gegenüber.» In typisch jüdischer Manier habe man im Bestreben, den Fortschritt des Friedensprozesses nicht zu gefährden, nach dem Erhalt einer Ohrfeige die zweite Wange hingehalten. Israel und die jüdische Gemeinschaft müssten heute einsehen, dass antisemitische und anti-israelische Hetze mitverantwortlich seien für die gegenwärtige Krise im israelisch-arabischen Verhältnis. Foxman forderte von den Regierungen arabischer Staaten eine klare Verurteilung des Antisemitismus. Ländern, die dieser Forderung nicht nachkommen, sollten die USA mit einer Einstellung der Finanzhilfe drohen. Konkret wies der ADL-Direktor in diesem Zusammenhang auf Ägypten hin.
Revisionismus und Zionismus
Die Forderung des ADL-Direktors muss vor dem Hintergrund der Meldung gesehen werden, dass am 31. März in der libanesischen Hauptstadt Beirut die erste grosse Konferenz der Holocaust-Leugner in einem arabischen Staat steigen soll. Mit-Organisator dieses unter dem Motto «Revisionismus und Zionismus» stehenden viertägigen Anlasses ist das kalifornische «Institute of Historical Review» (IHR). Die Tagung stellt in zweierlei Hinsicht ein Novum dar. Erstens tritt das IHR damit zum ersten Mal ausserhalb von Kalifornien auf, und zweitens ist die Konferenz eine Bestätigung für den Trend der Holocaust-Leugner, ihren traditionellen Aktionskreisen Europa und USA weitere hinzuzufügen. Dazu Abe Foxman: «Die nicht nachlassende Stimme der Holocaust-Leugner geht in den Nahen Osten, wo die Aktivisten versuchen, bei islamischen Regimes Sympathien für ihre antisemitischen und rassistischen Ansichten zu wecken.» Diese Bemühungen haben beste Erfolgsaussichten, gehört die Benutzung der Holocaust-Leugnung doch für viele arabische und islamische Staaten zum Alltag ihres politischen, psychologischen und religiösen Kampfes gegen Israel. «Für die Holocaust-Leugner», bestätigt Foxman, «ist die nahöstliche Atmosphäre ein fruchtbarer Boden für die Verbreitung ihrer Ansichten.»
Düstere Praktiken
Höchstwahrscheinlich aus Angst vor Störmanövern politischer Gegner haben die Organisatoren der Beiruter Konferenz den genauen Austragungsort ihres Anlasses nicht bekannt gegeben, sondern sich auf die Mitteilung beschränkt, er werde «irgendwo in Beirut» stattfinden. Hingegen hat das kalifornische Institut bereits unmissverständlich wissen lassen, dass Besucher, inkl. Journalisten, die mit israelischen Sichtvermerken in ihren Reisepässen nach Beirut kommen, nicht zur Konferenz zugelassen werden. Interessant und aufschlussreich ist sodann die Tatsache, dass das IHR die Tagung in Kooperation mit der schweizerischen «Association Verite et Justice» durchführt, deren Präsident Jürgen Graf im Herbst letzten Jahres in der Schweiz eine Gefängnisstrafe wegen antisemitischer Hetze hätte antreten müssen, es aber vorzog, nach Teheran zu fliehen.
Zeitgenössischer Antisemitismus
Antisemitismus und rassistische Lehren spielen auch heute noch, wie die ADL in einer Dokumentation schreibt, eine wichtige Rolle in vielen Ländern des Nahen Ostens, in denen antisemitische Stereotype und entsprechende Karikaturen zu den täglichen Erscheinungen in der staatlich gelenkten Presse gehören. In Staaten wie Ägypten, Iran, Syrien, Libanon und Qatar, aber auch in der Palästinensischen Autonomie ist die Holocaust-Leugnung zum Bestandteil dieser täglichen «Diät» geworden, mit der der antisemitische Hass unter der Bevölkerung geschürt werden soll. Vor allem für anti-israelische arabische und moslemische Gruppen ist die Holocaust-Leugnung zu einem der wichtigsten Vehikel für den zeitgenössischen Antisemitismus geworden. Diese Gruppen glauben, mit Hilfe der Holocaust-Leugnung die Legitimität des jüdischen Staates unterminieren zu können. Der Holocaust sei, so argumentieren sie, eine historische Erfindung, mit der Sympathien für Juden und den Staat Israel geweckt werden sollen.
Fruchtbarer Boden
Holocaust-Leugner und ihre Sympathisanten, denen antirassistische Gesetzgebungen in diversen europäischen Staaten das Leben sauer machen, sehen heute im Nahen Osten einen fruchtbaren Boden zur Verbreitung ihrer antisemitischen Thesen und ihres Judenhasses. Das Wiederaufflammen der israelisch-palästinensischen Spannungen und der Zusammenbruch des Friedensprozesses dürfte die Holocaust-Leugner in ihren Bemühungen noch beflügelt haben. Inoffiziell haben verschiedene Staaten der Region, so auch Libanon, sich der Sache angenommen, vor allem in den Medien, aber auch in Reden politischer und religiöser Persönlichkeiten. Einige der berüchtigsten Figuren unter den Leugnern, wie Mark Weber und Ernst Zundel, haben von der offiziellen iranischen Radiostation IRIB viel Sendezeit erhalten, und im Mai 2000 gewährte die iranische Botschaft in Wien dem Holocaust-Leugner Wolfgang Fröhlich Zuflucht. Dann haben Ende der 80er Jahre zahlreiche Nahost-Staaten den Holocaust-Leugner Roger Garaudy während seines Prozesses tatkräftig unterstützt, und als er anschliessend die Region bereiste, bereitete man ihm einen Heldenempfang. Schliesslich lassen sich auch in den staatlich kontrollierten Medien der Palästinensischen Behörde und in «Radio Islam», einer aus Schweden sendenden anti-israelischen Radiostation, Beweise für Holocaust-Leugnung feststellen.
* Die 1913 gegründete Anti-Defamation League (ADL) ist die weltweit führende Organisation im Kampf gegen Antisemitismus durch Programme und Dienstleistungen, mit denen Hass, Vorurteil und Bigotterie begegnet werden.
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Für Einheitsregierung
Die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit in Israel würde nach Ansicht Abe Foxmans amerikanisch-jüdischen Gruppen die pro-israelische Lobby-Arbeit in Washington wesentlich erleichtern. Der ADL-Direktor machte diese Bemerkungen in Jerusalem zu einem Zeitpunkt, da Ariel Sharon seine Bemühungen intensivierte, die Arbeitspartei zu einem Beitritt zu seiner Koalition zu bewegen. Eine Regierung der nationalen Einheit würde «die jüdische Gemeinschaft einigen und damit eine bessere Möglichkeit, Unterstützung in den USA zu mobilisieren», erklärte Foxman. Die neue Administration werde zudem das Verhalten der jüdischen Gemeinde der USA gegenüber Sharon genau beobachten. In Bezug auf die Bush-Administration fügte der ADL-Direktor hinzu, sei diese heute in Bezug auf ihre pro-israelische Haltung «schon viel weiter als die meisten Leute es für diesen Zeitpunkt erwartet hatten». Alles spreche dafür, dass Präsident George W. Bush sich engagieren werde. Allerdings dürfe man von ihm keine voreiligen Schlüsse erwarten. In diesem Zusammenhang wies Foxman auf eine Diskrepanz zwischen den Reaktionen der Administration auf den Machtwechsel in Israel und den Reaktionen in den amerikanischen Medien hin. Laut einer ADL-Untersuchung waren am vergangenen Freitag 22 Editorials in wichtigen US-Zeitungen Sharon gegenüber kritisch, 6 waren neutral und nur 4 äusserten sich positiv zum designierten israelischen Premierminister.
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Deutschland - Besonders empfindlich
«Wenn es um den Antisemitismus in Deutschland geht», meinte Abe Foxman in Beantwortung einer Frage der JR, «sind wir Juden besonders empfindlich, weil es sich eben um Deutschland handelt. Die ADL wendet in Deutschland ihr vor zehn Jahren in den USA entwickeltes Programm \"World of Difference\" an, eine Technik, die Toleranz als Gegengewicht zum Vorurteil lehrt. Wir haben unsere Aktivitäten in der BRD nach den Explosionen von Rostock und den Ausschreitungen gegen Türken verstärkt. Wir haben eine Verantwortung, dem neuen Deutschland zu helfen, mit diesem Problem fertig zu werden. Im Rahmen unseres Programms, das wir inzwischen in zehn Städten anwenden, haben wir Kontakte u.a. zur Armee und zur Polizei hergestellt. Die Reaktionen sind ermutigend, doch muss man einsehen, dass der Antisemitismus in diesem Land endemisch ist, er ist einfach da. Dabei ist die BRD wahrscheinlich in Europa eines der Länder, die am aktivsten und wirkungsvollsten auf antisemitische und rassistische Erscheinungen reagieren.»


