Mehr Fragen gestellt, mehr Antworten gefordert
Einen immer zentraleren Platz in den Überlegungen der national-Religiösen Gemeinschaft Israels nimmt das Problem der «Kippot Srukot», der weggeworfenen Kippot ein (hebräisches Wortspiel: «Kippot Srugot» nennt man die gehäkelten, meist bunten Käppchen, seit Jahrzehnten der «Identitätsausweis» des national-Religiösen Lagers). «Viele Teenager sagen, sie dürften weder zuhause noch in der Schule oder auf der Jeschiwa Fragen stellen», meint Shraga Fisherman, akademischer Dekan der Internatsschule Orot Israel. «Als Antwort auf ihre Fragen bekommen sie oft zu hören: «So steht es in den Büchern geschrieben... Für die Kinder ist das nicht mehr als ein leerer Slogan.» Als Fisherman letztes Jahr sein Buch «Generation of Discarded Kippot» veröffentlichte, rechnete er damit, an den Pranger gestellt zu werden. Stattdessen half das Buch, ein Problem offenzulegen, das bis dahin unter den Teppich gekehrt worden war. Fisherman untersucht in seinem Buch das Problem der Söhne, die den Glauben verlassen, und zur Zeit arbeitet er an einem Folgewerk, welches die gleiche Erscheinung unter modern-orthodoxen Mädchen beleuchtet.
Tabuthema
«Anfänglich gab es einige Dementis», sagt der Autor, «aber weniger als ich erwartet hatte. Viele Leute, vor allem Lehrer und Gemeindearbeiter, sagten, endlich könnten sie über das Thema sprechen und aufhören, zu heucheln. Die Veränderungen sind sichtbar, auch wenn sie vorerst nur deklarativer Natur sind.» Konkrete Daten sind zwar immer noch schwer erhältlich, doch scheint das Phänomen schon so wichtig genommen zu werden, dass sich eine eigene Sprache entwickelt hat. Einen religiösen Jugendlichen, der sich von der Tradition entfernt hat, nennt man beispielsweise «Datlash», das hebräische Akronym für «ehemals religiös» (Dati she-le-awar). Fisherman bezeichnet 23 Prozent der von ihm interviewten Jugendlichen als «Datlashim». Andere Experten sprechen eher von 10 bis 15 Prozent. Einer kürzlich erarbeiteten Studie zufolge bezeichnen sich 12 Prozent der Absolventen von Jeschiwa-Schulen als «nicht so religiös», und 4 Prozent als «nicht religiös».
Ungeachtet der genauen Zahlen scheint das Phänomen für die Führung der national-Religiösen für Eltern und Pädagogen bereits solche Ausmasse angenommen zu haben, dass sie eine Überprüfung der Methoden fordern, mit welchen die Jugend erzogen und unterrichtet werden. Dem Thema werden Konferenzen und Studientage gewidmet, Akademiker veröffentlichen Schriften dazu. Jeschiwot gehen dazu über, das Schwergewicht ihres Unterrichts von der elementaren Befolgung der Gebote zu einer tiefergehenden Erklärung der Ursprünge des Glaubens zu verschieben. Dabei dürfen die Jugendlichen Fragen zum Gelernten stellen, ohne das Gefühl zu bekommen, sich in die Nähe der Gotteslästerung zu begeben.
Auch ein Thema für die Knesset
Die Bildungskommission der Knesset werde sich im Herbst dem Thema widmen, sagt Zevulun Orlev, Vorsitzender der Kommission und einer der Spitzenpolitiker der national-Religiösen Partei. «Wir müssen uns der Wahrheit stellen, auch wenn sie unbequem ist», meint Orlev. Mir scheint, im vergangenen Jahr haben immer mehr Menschen ihre Bereitschaft erkennen lassen, offen zur Sache zu reden.» Das Thema von Kindern, die den traditionellen Gesellschaftskreis verlassen, bleibt ein ungemein schmerzvolles für orthodoxe Familien. Auch wenn das Phänomen inzwischen schon so verbreitet ist, dass Eltern sich seiner nicht mehr schämen müssen, waren die meisten, die angefragt wurden, nicht gewillt, sich dazu interviewen zu lassen. «Ich kenne kaum eine Familie, in der nicht mindestens ein Kind diesen Prozess durchmacht», sagt eine Frau aus Efrat in der Westbank. «Das ist ein schrecklicher Schlag, und auch die Eltern brauchen Ratschlag. Wie sollen sie reagieren? Welchen Einfluss kann das eine Kind auf seine Brüder und Schwestern ausüben?» Einer der eindrücklicheren Werbespots der letzten Wahlkampagne zeigte ein gehäkeltes Käppchen, das sich nach und nach auflöst, bis es ganz verschwunden ist. Der Spot bezog sich auf einen politischen Disput zwischen der NRP und der Nationalen Union, doch sein Symbolwert ist nicht zu übersehen. Ein Einwohner der Siedlung Beit El, wo derzeit eine lebhafte Diskussion über den Wert der religiösen Erziehung geführt wird, fürchtet, die Kippot würden «kleiner und kleiner werden, bis sie eines Tages ganz verschwinden».
Kein exklusiv jüdisches Problem
Das Problem von Kindern, die auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt den Lebensstil der Eltern zurückweisen, beschränkt sich keinesfalls nur auf den religiösen Zionismus. Das Thema ist zeitlos. Kinder in einer religiösen Gemeinschaft bekunden vielleicht besondere Schwierigkeiten im Umgang mit einer Welt, in der die Wahrheit als etwas Relatives angesehen wird, in der multiple Wahrheiten gestattet sind und in der es keine absolute Wahrheit gibt. «Was wir heute effektiv sehen, ist der Einfluss des Postmodernismus auf die religiöse Gemeinschaft», sagt Rabbi Daniel Tropper, Direktor von Gesher, einer Organisation, die den Dialog zwischen Religiösen und Säkularen fördert. «Es ist ungemein schwierig, in einer relativistischen Welt, die keine endgültige Autorität kennt, eine religiöse Person zu sein. Das lässt sich mit Religion einfach nicht vereinen.»
Öffnung oder Isolation?
Auch die charedische (ultra-orthodoxe) Gemeinde kennt das Problem der jüngeren Generation, die ausbricht und den Versuchungen der säkularen Welt erliegt, doch hilft die isolierte Lebensweise der Gemeinde, das Problem zu begrenzen. Hier stehen die national-Religiösen, die ihre volle Integration in Armee, Arbeitskraft und Israels Gesellschaft gemeinhin immer betonen, zweifelsohne vor einer komplizierteren Herausforderung. «Wenn wir wollen, dass unsere Kinder voll in der israelischen Gesellschaft integriert sind», sagt Yossi Baumol, Direktor der Jeschiwa Ateret Cohanim, «müssen wir sie allem aussetzen. Man kann von einem Kind nicht erwarten, dass er Filmregisseur wird, wenn er nie in seinem Leben Fernsehen geschaut hat. Jene, die sich in Mea Shearim abkapseln, haben es relativ einfach. Wir wollen jedoch das Beste aus beiden Welten geniessen, und dabei fällt eben ein gewisser Prozentsatz der Kinder ab.»
In Israel fängt, so Baumol, der Prozess oft in der 10. Klasse an, ein bis zwei Jahre früher als bei den modern-orthodoxen Jugendlichen in den USA. Ende der 10. Klasse scheiden in der Regel einige Schüler aus dem Jeschiwa-Gymnasium aus. Manche zieht es an den Rand des Spektrums - Drogen oder sonstiges antisoziales Verhalten - doch die meisten treiben einfach vom orthodoxen Lebensstil weg und zu einer säkularen, bzw. irgend einer diffusen Mittel-Haltung hin. Einige wenige Vertreter des national-Religiösen Lagers befürworten eine striktere Trennung von der umgebenden Gesellschaft, vor allem von Einflüssen wie Kabel-TV oder Internet. Die Ortsverwaltung von Efrat hat eine Jugendkommission gebildet, die Aktivitäten nach der Schule organisiert, Ausflüge, Vorträge und sogar ein Clubhaus, in dem man es mit der Befolgung der Schabbat-Gesetze nicht allzu streng zu nehmen scheint. Damit sollen Jugendliche davon abgehalten werden, am Freitagabend Autostopp nach Jerusalem zu machen.
Nationalismus vs. Religiosität
Ein tiefergehender Grund für das Malaise dürfte aber in den Prioritäten der national-Religiösen Bewegung liegen, die in den letzten Jahrzehnten den nationalen Aspekt hervorgehoben, den religiösen demgegenüber eher vernachlässigt haben. Jetzt, da der Traum von Gross-Israel langsam aber sicher den Realitäten der Osloer Abkommen weichen muss, findet eine Bewegung, die die Besiedlung der Westbank als Mittel zur Konkretisierung des Erlösungsprozesses gefördert hat, sich sowohl in einer spirituellen als auch in einer politischen Krise. «Wir haben gewissermassen den Nationalismus zu Lasten der religiösen Praxis gefördert», sagt Menachem Schrader, ein Rabbiner in Efrat. «Nachdem die Vision der Erlösung sich nicht in der von uns beabsichtigten Weise verwirklicht hat, macht sich unter der Gemeinde als Ganzes eine Ernüchterung breit. Das hat sicherlich die Fähigkeit beeinträchtigt, die Botschaft an die Kinder weiterzugeben.» Viele führende Figuren im religiösen Zionismus sagen, die Betonung des Nationalismus sei vielleicht auf Kosten der Geistigkeit erfolgt. Das Gebet ist oft zur Routine geworden, und Führungspersönlichkeiten erfüllen oft die moralischen Grundsätze nicht, die sie selber predigen. Nachdem das territoriale Programm nun offensichtlich zusehends abbröckelt, muss die Bewegung sich nach Rabbi Schrader auf eine «individualisierte» Erlösung konzentrieren, auf das persönliche Benehmen, auf die Erfüllung der Mitzwot (Gebote). Andere stimmen dem bei. «Die Begeisterung, die die Siedlergemeinschaft geschaffen hat, ist nicht mehr da, und wir müssen die Perspektive ändern», sagt Rabbi Riskin von Efrat. «Themen wie Moralität und Ethik, die Wichtigkeit der Familie und grundlegende jüdische Werte müssen stärker betont werden. \"Kidusch Haschem\" und \"Chilul Haschem\" (Heiligung bzw. Verunglimpfung des Gottesnamens) müssen wieder in den Vordergrund gestellt werden.»
Modernisierung im Schulwesen
Zu den hervorstechendsten Herausforderungen des national-Religiösen Lagers wird die Neugestaltung des Bildungswesens zählen, das relevanter für das moderne Leben sein muss. «Zweifelsohne» sagt Orlev, «deutet das Problem der abfallenden Kinder auf einen Fehler des Erziehungswesens hin. In der Vergangenheit hatten die Jugendlichen nicht, wie heute, mit dem Druck eines Knopfes Zugang zu allerlei Attraktionen. Fährt die Schule fort, so zu unterrichten, als ob die Welt vor 10 oder 20 Jahren stehengeblieben wäre, ist die Krise unausweichlich. Zwischen dem, was die Schulen unterrichten, und der Wirklichkeit klafft eine Lücke.» In diesem Zusammenhang erwähnt Orlev Rabbi Abraham Isaak Kook, den Vater der national-Religiösen Bewegung, der gesagt hatte, jede Generation müsse die Methode finden, um Judentum so zu lehren, dass es für die betreffende Zeit relevant ist. Yona Goodman, Generalsekretär des Bne Akiwa, stellt unter der heutigen Jugend einen Hunger für experimentelles Lernen fest. Das gelangt entweder in einer Art religiös-zionistischem Chassidismus zum Ausdruck, oder im Gegenteil in einer Abkehr von der Religion zugunsten der Antworten, welche die säkulare Welt bietet. «Kinder versuchen», sagt Goodman, «ihre Identität neu zu definieren, sich zu finden und mit der Umgebung verbunden zu sein. Dieser Trend kann sehr positiv sein, wenn es uns gelingt, den Glauben der Jugendlichen wieder aufzubauen und zu vertiefen, damit wir ihre Erwartungen erfüllen können. In den letzten 100 Jahren konzentrierte sich der Glaube auf den Aufbau von Armee, Immigration und des Landes. Der persönliche Glaube geriet dabei bis zu einem gewissen Grade unter die Räder. Er wurde als selbstverständlich angesehen. Die heutigen Kinder sehen aber nichts mehr als selbstverständlich an, was meiner Meinung nach gut ist. Wir müssen innerhalb des Rahmens der Halacha neue Definitionen suchen, was auch uns Erwachsenen helfen kann, unseren Glauben zu vertiefen.»
Krise als Chance
Die Kinder selber kritisiert Goodman nicht. «Sie tun ihr Bestes, um in einer verrückten Welt zurechtzukommen. Dass wir uns so völlig der westlichen Gesellschaft und der Welt-Kultur geöffnet haben, heisst, dass jemand, der seine religiöse Identität bewahren will, heute viel stärker als noch vor einigen Jahren sein muss. Gelingt es uns, eine Bildungs-Atmosphäre zu offerieren, die den Menschen helfen wird, ihre Wurzeln zu festigen, werden die Kinder heute auf ein viel höheres Niveau gelangen, als dies bei meiner Generation der Fall gewesen ist.»
© Jerusalem Post
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Der Fall David Gerecht
Eine gewisse Ironie kann man der Tatsache nicht absprechen, dass David Gerecht es war, der seine Familie der Religion näherbrachte. Der in einem mehr oder weniger konservativen Haushalt aufgewachsene David trat als Kind der Jugendbewegung Bne Akiwa bei. Dank seines eigenen Engagements wurden, wie er sich erinnert, auch seine Eltern traditioneller, und schon bald besuchten sie Vorträge und Gottesdienste in einer Lubawitscher Gemeinde in London. Im Laufe der Zeit wurden Davids Eltern immer religiöser, und seine Schwester heiratete einen jungen Mann, der als Rabbiner bei der Lubawitscher Bewegung arbeitete.
David blieb beim Bne Akiwa, doch machte er eine Entwicklung durch, die ihn in die entgegengesetzte Richtung seiner Eltern führte. «Ich stellte viele Fragen, doch bekam ich keine befriedigenden Antworten», sagte der 25-Jährige, der heute als Marketingexperte für eine Hightech-Firma in Petach Tikva arbeitet. «Mir ging es um Elementares - wie können wir wissen, dass Gott existiert, warum sollten wir an Gott glauben, und dergleichen mehr.»
Seine Lehrer und Vorbilder konnten seine Fragen nicht beantworten. Einerseits unterstrichen sie, wie David sagte, die Befolgung der Zehn Gebote, doch übersahen sie dabei oft die Basis des Glaubens, auf welcher ein religiöser Lebensstil fussen muss - das gute persönliche Beispiel. Hinzu kam, dass David feststellte, dass viele Persönlichkeiten der Geschichte Israels - Ben Gurion, Rabin, Yigal Allon z.B. - säkular waren. «Je mehr ich über den Zionismus las, desto mehr begannen meine Helden und Rollenmodelle zu wechseln. Ich begriff, dass all diese Menschen, die das Land aufgebaut hatten, ungemein zionistisch sein konnten, ohne deswegen religiös sein zu müssen.»
Nach der Universität machte David Gerecht Alijah und liess sich in einem religiösen Kibbutz nieder. Das aber stärkte seinen Glauben nicht, sondern untergrub ihn im Gegenteil noch mehr. Obwohl er ein alleinstehender Immigrant war, ignorierten die meisten Kibbutzmitglieder ihn. Als er zur Armee ging, hatte er das Gefühl, der Kibbutz unterstütze ihn kaum. Als er einmal wegen eines Rückenleidens drei Wochen ans Bett gefesselt war, kam keiner seiner Nachbarn auch nur einmal zu Besuch.
David Gerecht verliess schliesslich nicht nur den Kibbutz, sondern die ganze religiösen Lebensweise. Er liess sich im säkularen Teil von Bnei Berak nieder und nahm seine Kipah vom Kopf. Wenn Freunde ihn einladen, geht er aus gesellschaftlichen Gründen zwar gerne zu einem Freitagabendessen, doch fährt er mit dem Auto hin, und wenn es ihn danach gelüstet, geht er nach dem Essen auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen.
«Ich glaube überhaupt nicht mehr an Gott», sagt er. «Wozu soll ich dann noch etwas halten? Ich kenne die Antworten nicht, nach denen ich gesucht hatte. Vielleicht hat mir hier einfach ein Element des Glaubens gefehlt.»


