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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Medienjuden

October 9, 2008

War es nicht ein bekannter Philosoph, der mit verblüffender Vorahnung bereits Mitte des 19. Jahrhunderts haargenau erfasste, was unsere Medienwelt im Innersten zusammenhält? Mit spöttischem Lächeln quittierte er das Treiben seiner Zeitgenossen: «Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist. Sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist.» Gut wird er durch die Wahl des Studiogastes. Der rasche Flug des Gedankens, ein vielsagendes Mienenspiel, Mundwinkel, hin und wieder spöttisch verzogen, aus denen wohlfeile Worte tropfen, der Moderator fragt, deutlich um Contenance ringend, eingeschüchtert nach, absackende Schulterpolster, kurzfristig aufflackernde Ein-Zap-Quoten, Herrn Huber von jenseits der Trinitron-Flachbildröhre verlangt es dringend nach Nussecken, der Gastgeber greift nach dem Wasserglas, der Studiogast zupft seine Stirnfransen in Form, auf zur Schlussrunde, ein letzter Hieb auf den moralisch, und am Ende, welche Schmach, auch intellektuell in die Knie gehenden Moderator.
Medienpräsenz. Das Zauberwort. Ohne Medienpräsenz bleibt der politisch oder schauspielerisch Ambitionierte nur eine Fussnote der Öffentlichkeit. Selbst ein Statist hätte da bessere Karten. Wichtige und Wichtigtuer, Schöne, Reiche und Gescheite, selbst die Wissenschaften treibt es neuerdings, nicht immer zur Bereicherung des Wissens, vermehrt vor die Kamera. Den wirklich Gebildeten vom Halb-, Viertel-, ja Achtelgebildeten erkennt man heutzutage nicht mehr an mangelnden Fachkenntnissen, sondern an fehlender Kompetenz, womit wir wieder bei der Medienkompetenz wären. Ist besagte Präsenz nur niederfrequent, kann es mit dem Betreffenden nicht weit her sein. Merke: Ein Mensch ohne Medienpräsenz ist kein Mensch, und nur wer medienpräsent ist geniesst Akzeptanz. Dies gilt umso mehr für den Juden. In seiner Inszenierung als jüdischer Mitbürger kann man sich seiner kaum mehr erwehren. Aus allen Kanälen jidelt es auf die interessierte Öffentlichkeit herab. Die deutschen Zuschauer haben sich längst daran gewöhnt, dass es wieder 80 000 Mitbürger mosaischer Mitgliedschaft gibt, von denen mindestens drei jeden Abend im deutschen Wohnzimmer zu Gast sind, weil sie in den diversen Talk-, Quiz- oder Spielshows präsent sind. Denn auch die öffentlich, rechtlich und privat in Sachen medialer Präsenz auftretenden Vertreter israelitischen Glaubens haben es gelernt, das Einmaleins der Mediengesellschaft. Entscheidend ist nicht die Substanz, entscheidend sind die Accessoires. Um eine Nasenlänge voraus sind sie zumeist ihrem moderierend, zuweilen ein wenig schwitzig wirkenden Gegenüber. Widerspenstig, unberechenbar, ein Naturgewächs zuweilen. Moderat die Reaktionen, der Gewöhnungsfaktor macht sich bereits bemerkbar. Einige Repräsentanten haben ja inzwischen sogar ihren eigenen Sendeplatz. Ein Talk mit dem jüdischen Parteivorsitzenden gefällig? Damit kann gedient werden. Ein leiser Hauch Exotik schwebt durch das Studio, wenn der jüdische Moderator es sich auf der Couch bequem macht, von wo aus er das Wirtsvolk und seine Parteivertreter genüsslich in die Mangel nehmen kann. Das soll ihm mal einer nachmachen. Diese Schlagfertigkeit. Dieser Hang zum Zynismus. Süffisant, salbungsvoll, aalglatt, unterkühlt. Gänzlich unerwartet seine Erwärmung für eine verwandte Seele. In einem solchen Fall duzt man sich. Das erregt zwar den Argwohn der deutschen und anders gearteten Zuschauer, doch übermässig kontrolliert ist heutzutage von Übel. Die Kolumnen der bundesdeutschen Fernsehkritiker wissen dies zu würdigen und sind tatsächlich sehr angetan von dieser völkischen Erweiterung. Das zusätzliche Bundesland heisst Israel und hat jetzt einen eigenen Sender.
Während das jüdische Kapital, wie es letztlich hiess, ins Ausland und wieder retour transferiert wird, erscheint das jüdische Inlandskapital in seiner Fleisch- und Blut-Version inmitten der bundesdeutschen Wohneinheiten. Ganz ohne Betroffenheit geht es dabei freilich nicht. Neben dem Typus des jüdischen Studiogastes ist auch die jüdische Type aus dem Eck-Café neuerdings gefragt. Dies ruft den synthetischen Juden des deutschen Fernsehspiels auf den Plan. Nicht immer entspringt er der Feder eines als Drehbuchautor dilettierenden Glaubensgenossen. Und so reibt man sich zuweilen verwundert die Augen. Ein Freitagabend en famille, der Papa segnet die Kinder, die glutäugig dunkle Mama, mit Kopftuch und dem charakteristischen Akzent des deutschen Mittelgebirges lobt den selbstgebackenen Eierhefezopf (ein Rezept der im KZ ermordeten Oma). Jüdinnen sind durch die Bank schwarzhaarig, löwenmähnig, rehäugig, allerdings mit rauchiger Stimme. Trotz diverser Zuschauer-Irritationen wegen des nicht ganz plausiblen Images (die jüdische Bardame wurde noch nicht erfunden), hat die jüdische Kleinfamilie unterdessen begonnen vom nahenden Propheten, der israelischen Mischpoche und jener, der deutsch-jüdischen Versöhnung dienlichen Verbindung mit der angeheirateten Schickse Ingeborg zu babbeln, die man nächsten Freitagabend ganz bestimmt einladen will.
Vermittlung der Traditionswelt und des Brauchtums von in Deutschland lebenden Minderheiten, heisst dieser Programmteil. Als solcher wird er, Jungautoren aufgepasst, von den Stiftungen der deutschen Länder hin und wieder sogar finanziell gefördert. Die Türklingel schrillt. «Aber der Sabbat» bemerkt vorwurfsvoll die Schwarzhaarige. Der Polizeipsychologe, denn als solcher entpuppt sich der Hesse mit dem Käppchen, streift sich flugs selbiges vom Haupt und verlässt «O mein Herr, unser Gott» murmelnd den Drehort. Ab zum Sondereinsatzkommando braust er nun, von wo aus ihn gerade die Pflicht gerufen hat. Juden sind eben auch nur Arbeitnehmer. Das nimmt der Fernsehzuschauer heute Abend dankbar zur Kenntnis. Nachdem ein jüdischer Romancier seinen schauspielerisch eher minderbegabten Sohn in einer öffentlich-rechtlichen Seifenoper platzieren durfte, ist kein Halten mehr. ZDF und ARD prassen mit einem Potpourri jüdischer Mitbürger. Immer dunkel, immer mit wuchtigen Zinken im Gesicht, am liebsten wild gestikulierend und mit jiddisch versetztem Hochdeutsch. Im Hintergrund sülzt Giora. Die jiddische Mamme schlurft durch den Raum. Der israelische Tatte wiegt bedächtig den Kopf, ein gebrochener Luftmensch. Manchmal ist auch von der Uzi die Rede. Im Schrank steht sie, für alle Fälle. Auch der israelische Doppel-Pass liegt bereit, und das Konto in der Schweiz hat man ohnehin seit Opas Flucht behalten. Eine Metaphysik des Kopftuchs. So fühlt es sich wohl an, den Fuss in der Tür zu haben zur Eingangstür namens Normalität.


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