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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Manchen Männern meilenweit voraus

von Walter Labhart, October 9, 2008
Ihren ersten Roman «Wann wird es tagen?» gab sie 1902 in ihrer Geburtsstadt Wien unter dem Pseudonym Paul Michaely heraus, ihr letztes Buch, «An den Höfen der Maharadschas», erschien 1929 in der Reihe der «Schaubücher» bei Orell Füssli in Zürich: Alice Schalek (1874-1956) war in erster Linie eine weltoffene und sehr fleissige Fotografin, die es sich ihrer grossbürgerlichen Herkunft zufolge leisten konnte, alle Länder zu besuchen, die sie gerade interessierten.
Alice Schalek: Fotgorafien einer Weltreisenden. - Foto PD

Zwischen 1903 und 1935 reiste sie mehrmals um die Welt, um mit annähernd 6000 Fotos und Eindrücken nach Wien zurückzukehren, die sie in Vorträgen und in Zeitschriftenbeiträgen zum besten gab. Einem Tagesrapport der Gestapo vom 1. März 1939 ist zu entnehmen, dass «die jüdische Schriftstellerin Alice Schalek wegen Verdachts der Greuelpropaganda gegen das Deutsche Reich in Haft genommen» wurde. Möglicherweise dank ihren Beziehungen zum englischen PEN-Klub kam sie frei, sodass sie noch im selben Jahr über die Schweiz nach London und 1940 ins amerikanische Exil reisen konnte. Als sie am 6. November 1956 in einem Pflegeheim in der Nähe von New York starb, war sie in ihrer europäischen Heimat längst vergessen.
An ihr umfangreiches und vielseitiges Lebenswerk erinnern das Katalogbuch «Von Samoa zum Isonzo. Die Fotografin und Reisejournalistin Alice Schalek» und die gleichnamige Ausstellung, die noch bis zum 30. Januar im Jüdischen Museum Wien und anschliessend beim «Stern» im Verlagshaus von Gruner & Jahr in Hamburg bis im Juli 2000 zu sehen ist. Dadurch, dass sie sich in Männerberufen erfolgreich durchsetzen konnte und als Kriegsberichterstatterin mit offizieller Zulassung des k. und k. Kriegspressequartiers für die «Neue Freie Presse» und die «Münchner Neuesten Nachrichten» die Front bereiste, setzte sie sich dem Hass und Spott von Karl Kraus aus, der «die Schalek» in seinem Antikriegsdrama «Die letzten Tage der Menschheit» gewissermassen als Negativbild des Journalisten darstellte.
Als wagemutige Kriegsreporterin, Bergsteigerin und Reiseberichterstatterin - in dieser Eigenschaft veröffentlichte sie 1916 in der «Schweizer Illustrierten Zeitung» einen (mit lauter eigenen Fotos gestalteten) Beitrag über prominente Frauen während des Ersten Weltkrieges - und als Vortragende war sie manchem männlichen Berufskollegen weit voraus. Anlässlich ihres 60. Geburtstages rühmte das «Neue Wiener Tagblatt» die sich in der internationalen Frauenbewegung engagierende Pionierin auf vielen Gebieten als «erste österreichische Weltreisende, die ihre Reisen als Beruf durchführte», um vor allem «die Technik des Weltreisens mit der Beherrschung des Schreibens für Zeitungen» und ihre Kunst des Fotografierens hervorzuheben.
Nachdem Alice Schalek längst schon Nordafrika, Indien, Ostasien und Australien bereist hatte, fiel sie besonders auf, als sie 1917 in Österreich und Deutschland Dia-Vorträge über die Isonzo-Front hielt (und dazu neigte, den Krieg als folkloristisches Schauspiel zu verklären). Mit ihren Artikeln über das Schicksal europäischer Auswanderer in Brasilien (1924/25) bewirkte sie dipolomatische Verstimmungen zwischen dem südamerikanischen Land und ihrer Heimat, derweil sie mit Büchern wie «In Buddhas Land. Ein Bummel durch Hinterindien» (1922) und «Japan, das Land des Nebeneinander. Eine Winterreise durch Japan, Korea und die Mandschurei» (1925) Länder und Kulturen vorstellte, bevor diese vom Massentourismus überfallen und verändert wurden. In Palästina, wo sich die «Berufstouristin» 1935 aufhielt, interessierte sich Alice Schalek besonders für das Leben der Frauen in den Kibbutzim, wie sie für die soziale Situation der Frau von Anfang an sensibilisiert war. Von ihren (oft recht) strapaziösen Reisen mit damals noch sehr schweren Kameras erholte sich die in so viele Männerdomänen einbrechende Frau beim Skifahren und als Tennispartnerin von Arthur Schnitzler.





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